Günter Bresnik Der Giacometti des Tennis

Becker, Leconte, Skoff: Günter Bresnik coachte viele Profis - mit Dominic Thiem vollbrachte er sein vorläufiges Meisterstück.

Von Gerald Kleffmann

Günter Bresnik ist ein Lügner. Er behauptet, er habe ein Buch geschrieben. Tatsächlich gibt es nun dieses Werk, das "Die Dominic-Thiem-Methode" heißt. Aber Bresnik hat nicht ein Buch geschrieben. Er hat drei, vier oder fünf geschrieben. Und sie nur in eines gepackt. Natürlich erzählt der 55-Jährige aus Wien, wie er das Kunststück fertigbrachte, aus einem schüchternen Knirps einen mutigen Top-Ten-Profi zu formen, der gerade beim Saisonfinalturnier zu den besten Acht gehörte. Aber Bresnik erzählt auch ganz andere Begebenheiten, die für sich schon erschöpfend faszinieren.

Bresniks Ausführungen sind glaubhaft, er ist seit mehr als 30 Jahren einer der erfolgreichsten Tennistrainer. Boris Beckers erster Manager Ion Tiriac meinte einmal, Bresnik sei der Einzige, der Tennis verstehe. Bresniks Analysen stützen diese These. Sie veranschaulichen, wie sich Männertennis in drei Jahrzehnten verändert hat. Seine Anekdoten geben preis, wie fordernd es war, Jung Siegfrieds wie Boris Becker zu coachen. Seine Weisheiten verdeutlichen, warum das eine Talent in die Spitze gelangt, das andere nicht. Die packendste Geschichte, die Bresnik erzählt, ist die, wie er, der Sohn zweier Mediziner, der Studienabbrecher, seinen Traum verwirklichte, obwohl er selbst nie Profi war. Ivan Lendl, John McEnroe, Novak Djokovic würden sofort mit ihm Kaffee trinken gehen, wenn er wollte. Das spricht für sich. Aber es spricht für ihn: Das ist ihm nicht wichtig.

Wenn das Buch nur einen Titel tragen darf, hätte es "Die Günter-Bresnik-Methode" heißen müssen. Aber dieser unaufdringliche Mann mit dem Columbo-Blick ist klug genug, um zu wissen: Der Name Thiem verkauft sich besser. Bresnik war lange für viele nur der, der am Rand saß und Hüte trug. Ein unbekannter Macher im Off. Der Untertitel "Erfolg gegen jede Regel" trifft es dagegen. Bresnik ist einer, der Überzeugungen hat. Aber er bricht mit ihnen, wenn er weiß: Sie sind falsch. Thiem empfand er als "Nicht-Verlierer-Typ", weil der die Bälle als Kind nur zurückschaufelte. Er ließ ihn draufhauen und nahm dessen Ranglisten-Absturz in Kauf, als Thiem nur noch Fehler unterliefen. Als alle Thiems beidhändige Rückhand lobten, ordnete er an: einhändig. Heute gilt Thiems Rückhand als Ereignis, seine harten Schläge auch. Bresnik ist der Giacometti des Tennis. Er sieht eine Figur in einem Block Marmor, der für andere nur ein Block Marmor ist. Kurzfristiger Erfolg interessierte ihn nie. Gerade für sogenannte Tennis-Eltern ist sein Buch aufschlussreich.

Trotz des knackigen Titels: Bresnik ist feinsinnig, bodenständig, das Leben aufsaugend, ein Schleifer, aber eben begeistert davon, wenn jemand über Grenzen geht oder etwas kann. Er betreute Horst Skoff, der so mysteriös verstarb. Boris Becker forderte ihn als Typ. Leconte, Koubek, Gulbis, jeder war nie leicht. So belegt Bresniks Buch, wie empfindsam, zerbrechlich Karrieren sind. Wie einsam, komplex die Arbeit abläuft in einer Welt, in der es viele Scheinwerfer gibt.

Die Dominic-Thiem-Methode - Erfolg gegen jede Regel. Seifert-Verlag. 24,95 .