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Fußball-Politik:Europa stimmt nicht ab

In Florida will Gianni Infantino, der Präsident des Fußballweltverbands Fifa, eine reformierte Klub-Weltmeisterschaft durchboxen. Sein Problem: Die Europäische Fußball-Union Uefa stellt sich quer. Mit List versucht er nun ans Ziel zu gelangen.

Von Thomas Kistner

Am Freitag ist Showdown in Miami: Gianni Infantino tritt gegen Europa an. In Florida will der Präsident des Fußballweltverbands Fifa eine reformierte Klub-WM durchboxen, die ihm als so drängend und unentbehrlich erscheint, dass sie sofort verabschiedet werden muss. Zwar weiß die halbe Welt, dass dieses Projekt nur ein Geschäftsvehikel ist, in dessen Schatten auch gleich fast alle Fifa-Rechte an vorwiegend arabische Investoren verhökert werden sollen; ein Arbeitspapier dazu war vor Jahresfrist von der Fifa-Rechtsabteilung als nicht machbar beurteilt worden (SZ, 17.11.2018). Doch der wissende Teil der Fußballwelt sitzt in Europa, wo dieser Sport professionell betrieben wird und ein Wirtschaftsfaktor ist. Jedoch hat Infantino mit seinen Unterstützern in der restlichen Welt, von Fiji über Laos bis Lesotho, eine klare Stimmenmehrheit; überall dort, wo es oft nicht mal einen Amateurbetrieb gibt.

Sein Problem: Die Europäische Fußball-Union Uefa stellt sich quer. Also musste Infantino, der sich interner Kritiker im Ethik- und Compliance-Bereich längst entledigt hat, eine List ersinnen. Vor kurzem probierte er, die Europäer bei einer Reihe von Fußball-Summits in ein Votum zur neuen Klub-WM (und zu seinem zweiten Herzensprojket, einer globalen Nations League) zu locken. Die Uefa roch den Braten, kein Mitgliedsland nahm an einer Abstimmung teil - damit Infantino nicht sagen kann, die Mehrheit wolle die neuen Formate, nur Europa stimme leider dagegen.

Am Freitag tagt der 36-köpfige Fifa-Rat. Bis zuletzt herrschte Ungewissheit, welchen Dreh Infantino wählen würde. Jetzt zeigt das aktuelle Beschlusspapier der Fifa für den Agenda-Punkt 6 - die Klub-WM und die globale Nations League -, wie die Sache laufen soll. Die Fifa opfert ihren Confederations Cup 2021 für das Vereins-Retortenkonstrukt. Stattdessen soll vom 17. Juni bis 4. Juli eine Klub-WM mit 24 Teams gespielt werden, eingeklemmt zwischen das am 8. Juni endende internationale Match-Zeitfenster sowie Afrika Cup und Gold Cup - die Erdteil-Titelkämpfe in Afrika und Nord- bzw. Mittelamerika beginnen nur fünf Tage nach dem Klub-WM-Finale. So steht es im Fifa-Beschlusspapier für das Council, das der SZ vorliegt. Es schürt über 18 Seiten hinweg den Eindruck, es habe eine elaborierte Machbarkeitsstudie stattgefunden. Doch im Kern bestand die Taskforce aus Generalsekretären und Wettbewerbsdirektoren der Konföderationen, also weisungsabhängigen Funktionären, die ihren Bericht damit beschließen, sie hätten "eingehende Konsultation zu allen sportlichen Fragen" der Klub-WM unter allen relevanten Beteiligten geführt. Deshalb findet die Taskforce, alle hätten die Chance gehabt, "sich zu den verschiedenen Formaten klar zu äußern", und legt dem Fifa-Rat für den Freitag nahe, er solle "ein Pilotprojekt für eine umgebaute Klub-WM mit 24 Teams anstelle des Confed-Cups 2021" bewilligen.

Im Papier steht kein Wort über Infantinos geplanten Rechte-Deal

In Uefa-Kreisen heißt es, man werde in Miami auch diesem Vorstoß nicht auf den Leim gehen. Weil das Pilot-Projekt leicht automatisch in ein festes Format münden könnte. Vor allem aber droht bei jeder Art von Zustimmung der Uefa für eines der Infantino-Vorhaben, dass sie dem Fifa-Boss damit den Weg zu seinen saudischen Geschäftsfreunden ebnen würde. Infantino muss ja, so sieht es sein Arbeitspapier von 2018 mit dem asiatischen Softbank-Konsortium vor, irgendein neues sportliches Event liefern; der damit ganz diskret verbundene Rechte-Ausverkauf bliebe dann auch für den Fall gültig, dass das neue Format gleich wieder abgeschafft wird.

Ein sehr gut denkbares Szenario könnte daher so aussehen, dass die Uefa-Vertreter bei Punkt 6, der Beschlussfassung zur Klub-Test-WM 2021, den Raum verlassen. Eine Klub-WM ohne Europa wäre wirtschaftlich praktisch wertlos - zumal sie dann gar keine Weltmeisterschaft sein könnte.

Die Front der Widersacher steht. Sie wollen Infantinos Hinterzimmer-Deals verhindern. Wie der Fifa-Patron mit der Wahrheit spielt, verrät bereits das Wording seiner Taksforce: Die habe sich nur um "sportliche Fragen" gekümmert. Also um jene Fragen, die nach Aktenlage eh nachrangig sind. Dazu passt, dass das Fifa-Entschlusspapier für Miami nirgendwo ein Wort über die zentrale Befürchtung der Uefa verliert: dass Infantino offenbar einen diskreten Rechte-Deal durchboxen will. Stattdessen heißt es dort nur, die Uefa sehe für die Projekte vor 2024 zu große Terminprobleme.

Eine fragwürdige Rolle weist das Fifa-Papier der Spielergewerkschaft Fifpro zu. Die befürworte die neue Klub-WM, heißt es, "wenn das Wohlergehen der Spieler und die Solidaritätsmechanismen angemessen berücksichtigt" würden. Dabei käme ein zusätzlicher Sommer-Termin gesundheitlichen Aspekten eher nicht zugute. Auf Anfrage, ob dies so zutreffe, erklärte die Fifpro, derzeit tage ihr Vorstand; man wolle sich zum Thema erst am Mittwochabend äußern.

© SZ vom 13.03.2019
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