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Fußball-Politik:Auf Kollisionskurs in Marrakesch

Gianni Infantino

Fifa-Präsident Gianni Infantino gerät unter Druck.

(Foto: Martin Ruggiero/AP)

Trickreich kämpft Gianni Infantino um seinen Milliardendeal. In der Fifa-Zentrale arbeitet schon eine neue Geheimabteilung.

Von Thomas Kistner, Marrakesch/München

Fifa-Chef Gianni Infantino startet seine zweite Angriffswelle in eigener Sache: In Marrakesch, Marokko, setzt der Fußball-Weltverband seit Dienstag seine "Football-Summits" fort, noch bis Donnerstag versammeln sich dort Vertreter von 70 Verbänden aus aller Welt, von den Fiji-Inseln bis zur Mongolei. Die Zusammenkunft hat einen wesentlichen Zweck: Infantino will das obskure 25-Milliarden-Dollar-Projekt durchfechten, das die Sportwelt seit Monaten bewegt. Bloß: Vertreter aus Fußball-Zwergstaaten helfen ihm da nur bedingt. Vor allem muss der Präsident die Länder Europas auf Linie bringen; am Dienstag waren Belgien, Finnland, Frankreich und Rumänien zur Runde geladen. Doch die Europäer leisten Widerstand. Auch beim vierten von insgesamt neun geplanten Gipfel-Tagen verweigerten die Vertreter der Europa-Union Uefa jedes Votum. Sie stimmten nicht etwa mit "Nein" - sie stimmten gar nicht ab.

Damit wächst die Gefahr, dass der Fifa-Boss auf andere Methoden sinnt, um den Deal durchzuboxen. So deuten neue Entwicklungen innerhalb des Fifa-Apparats darauf hin, dass der Patron seine Pläne in gewohnter Heimlichkeit vorantreibt.

Worum geht es? In jedem Fall nur vordergründig um neue Turnierformate: eine globale Nations League und eine reformierte Klub-WM, für die Infantino seit Monaten trommelt, weil er Investoren an der Hand habe, denen die beiden blassen Wettbewerbe 25 Milliarden Dollar wert seien für zwölf Jahre. Denn während Infantino um sein "Project Trophy" genanntes Milliardenprojekt mit einer Verbissenheit kämpft, die Fragen nach der Motivlage aufwirft, verweigert er zugleich jede Auskunft über Details des Deals. Das irritiert die Branche. Europas Vertreter stellen sich gegen das Vorhaben und fordern Aufklärung.

Zu Recht. Laut einem geheimen Arbeitspapier ("Term Sheet") plant Infantino zusammen mit Investoren rund um den japanischen Tech-Konzern Softbank nichts Geringeres als den Ausverkauf der Fifa-Rechte (SZ vom 17.11.). Diese sollen, so sieht es das Dokument vor, das Infantino schon Ende März 2018 den Fifa-Juristen zur Prüfung vorgelegt hatte, in eine neue Firma mit dem Arbeitsnamen Fifa Digital Corp. (FDC) fließen: alle Digital- und Archiv-Rechte, Filme und Videos, Satelliten- und Netzübertragungen, Merchandising, Computerspiele sowie "jedes andere Format, das noch weltweit entwickelt wird". Sogar Zugriffsrechte "auf Inhalt und IP-Rechte an existierenden und künftigen Fifa-Turnieren, inklusive Fußball-WM ab 2026", wurden einbezogen. Und: All das bliebe den Investoren erhalten, falls sie aus Klub-WM und Nationenliga vorzeitig wieder aussteigen wollen.

So ein Deal ließe die Fifa zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen, warnten die Hausjustiziare ebenso wie externe Fachleute. Die Fifa behauptete, als die SZ das Papier im Herbst publizierte, es sei veraltet und nur "eines von hunderten". Allerdings ist es gut erkennbar exakt dieser Plan, mit dem Infantino seinen Fifa-Vorstand schon vor zehn Monaten zu überrumpeln versucht hatte. Auch der stellte sich quer. Nun will Infantino den Milliardendeal bei den Football Summits eben mit allen 211 Nationalverbänden vorantreiben. Doch auch in Marrakesch stimmen die Verbände aus dem Rest der Welt nur über Fragen ab, die sich sportlich-technisch auf die - fiktiven - Turnierformate Klub-WM und Nations League beziehen. Wie sollen sie organisiert werden? Wie oft stattfinden? Ein durchsichtiges Manöver: Am Ende kann Infantino so tun, als habe es Mehrheiten für den Deal gegeben, der in Wahrheit gar nicht zur Abstimmung stand.

Was das aber ohne die Europäer noch soll, ist unklar. Reinhard Grindel, der als Chef des Deutschen Fußball-Bunds DFB auch Vorstand in Fifa und Uefa ist, sagt: "Ohne nähere Fakten zu kennen (...), ist es unseriös, nationale Verbände ganz allgemein abstimmen zu lassen, ob sie für oder gegen eine Klub-WM oder die Global Nations League sind." Der DFB werde sich "auf keinen Fall" an Infantinos ablenkendem Turnier-Quiz beteiligen, sondern Ende Januar, wenn er beim neunten Gipfel selbst dabei ist, "verlangen, dass die Fifa-Administration alle Informationen zu den beiden Wettbewerben auf den Tisch legt".

Doch mit Transparenz von Infantino ist nicht zu rechnen, lieber treibt er den Kollisionskurs mit Europa voran. Während in Marrakesch Funktionäre wie der (jüngst vorübergehend unter Korruptionsverdacht verhaftete) Kongolese Constant Omari die Europäer angriffen, puscht Infantino nun Marokkos gemeinsam mit Spanien und Portugal geplante WM-Bewerbung für 2030; es wäre die erste Kontinent-übergreifende WM überhaupt. Die Uefa wird einen rein europäischen Bewerber dagegenstellen - abzuwarten ist, ob das Duo von der Iberischen Halbinsel dann gegen den eigenen Erdteil antritt. Überhaupt sind Infantinos Spaltungsversuche längst unübersehbar. Gerade will er auch dem WM-Ausrichter 2022, Katar, die mit ihm verfeindeten Nachbarn Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate als Co-Veranstalter aufdrängen, indem er das Turnier auf 48 Teilnehmer aufzublähen versucht.

Weniger gut sichtbar sind die Vorgänge im Fifa-Apparat selbst. Aber auch dort wird offenbar schon kräftig am Milliardendeal gebastelt. Wie die SZ erfuhr, baut die Fifa seit Anfang 2018 eine neue Abteilung mit dem sperrigen Namen Digitale Transformation und Innovation auf, die auch intern für Rätselraten sorgt. Fast drei Dutzend Mitarbeiter soll es schon geben, darunter Investment-Experten. Besonders kometenhaft ist der Aufstieg des neuen Fifa-Digitalchefs: Seit Dezember firmiert der Portugiese Luis Vicente als Fifa-Direktor im Handelsregister. Und er ist sogar zu zweit zeichnungsberechtigt - wie auch Infantino selbst (nach der Affäre um Sepp Blatter wurde das Recht des Präsidenten zur Alleinunterschrift abgeschafft). Dass ein Neueinsteiger im Innovativbereich so weitreichende Kompetenzen erhält, dass er gemeinsam mit dem Präsidenten Geschäfte auf den Weg bringen kann, halten Insider für ungewöhnlich.

Wie praktisch, dass Vicente noch dazu glühender Infantino-Fan zu sein scheint. Bei einem Auftritt im Herbst beim World Football Summit in Madrid sang der Digital-Chef bereits ein veritables Hohelied auf seinen Boss. Er lobte, in Hinblick auf die wirtschaftliche Zukunft des Sports, die visionäre Führung der Fifa; er strich heraus, wie wichtig es sei, Leute mit neuen Perspektiven in künftige Planungen einzubinden, und er warnte vor einer großen "Bedrohung": Fußball sei zwar der führende Weltsport, aber das könne in nur "vier, fünf Jahren" ganz anders aussehen. Eine Fifa Digital Corp., wie sie in Infantinos Geheimpapier steht, würde ihm sicher gut ins Konzept passen.

© SZ vom 16.01.2019
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