Fürth schlägt Nürnberg Die Entdeckung der Offensive

Die SpVgg Greuther Fürth gewinnt überraschend das Frankenderby mit 2:0, weil der Abstiegskandidat ungeahnte Wucht im Angriffsspiel entwickelt. Nürnberg droht dagegen nun der Verlust der Tabellenführung.

Von Thomas Gröbner, Nürnberg

Roberto Hilbert ist ein Mann mit kühlem Kopf, er kennt den Fußball, er war Nationalspieler, er spielte in der Türkei, in dutzenden Derbys voller Emotionen. Doch als der 33 Jahre alte Profi der SpVgg Greuther Fürth am Samstag das älteste Derby im deutschen Profifußball zwischen Fürth und Nürnberg entscheiden konnte, als der Ball ganz frei und nah vor dem Nürnberger Tor lag, trat eine weitere Eigenschaft Hilberts zutage. Er ist auch: Rechtsverteidiger. Hilbert nahm also Anlauf, das Spiel zu entscheiden - und trat den Ball auf die Tribüne. "Sein Fuß war in Fürth, und der Ball in Nürnberg", sagte danach Fürths Trainer Damir Buric. Er konnte darüber lachen. Denn Fürth hatte ja trotzdem mit 2:0 gewonnen.

Das lag zu einem Großteil am Fürther Kahled Narey, der Nürnberg geschockt hatte, gleich nach der Halbzeit hatte er einen langen Pass von Maximilian Wittek behauptet und von der Strafraumgrenze aus volley aus der Drehung getroffen. Bis dahin war der Club noch wie ein Tabellenführer aufgetreten, wenn auch ohne überraschende Ideen, aber mit breiter Brust. Der plötzliche Rückstand habe die Mannschaft "geschüttelt", sagte Trainer Michael Köllner, "wir haben eben viele junge Spieler". Und als die Überfälle der Fürther nach dem Führungstreffer nicht aufhören wollten, verlor Nürnberg nach einer Stunde kurz vollends den Glauben an sich. In diesem Chaos vergab Hilbert die große Chance. Doch dem eingewechselten Daniel Steininger gelang in der Nachspielzeit das Tor zum 2:0.

Nürnberg blieb torlos, auch weil der Club seit dem Ausfall seines Angreifers Mikael Ishak erfolglos in den eigenen Reihen nach Ersatz fahndet. Köllner hatte erstmals von Beginn auf den slowakischen Angreifer Adam Zrelak als Ishak-Ersatz gesetzt. Ohne Torchance musste er den Platz frei machen, am Ende warf Köllner noch den Abwehrspieler Lukas Mühl als Sturmspitze auf den Platz, ohne Wirkung. "Auch wenn wir lange nicht mehr aus diesem bitteren Kelch trinken mussten, das schlucken wir runter", sagte Michael Köllner nach der ersten Niederlage nach elf Spielen.

Der Existenzkampf am Tabellenende verschärft sich

Dass es ausgerechnet gegen Fürth geschah, ausgerechnet im Derby vor 50000 Zuschauern und gegen jenes Team, das bis dahin sieglos in der Fremde war, schmerzte natürlich. Und fühlte sich auf der Gegenseite umso besser an. "Es war unglaublich großer Druck", doch jetzt sei eine "lange Leidenszeit" vorbei, sagte Buric, "dieses Thema ist vorbei, Gott sei Dank". Schon am Abend vorher hatte sich angekündigt, dass sich der Existenzkampf am Tabellenende verschärfen würde. Kaiserslautern gewann wie im Rausch 4:3 gegen Union Berlin, auch Darmstadt punktete (2:0 gegen Dresden). Und so musste Fürth beinahe schon gewinnen, um im Kampf um den Klassenerhalt nicht wieder zurückzufallen.

Der Fürther Plan, die Nürnberger tief in der eigenen Hälfte zu empfangen und sie damit zu überraschen, ging auf. "Ich hatte nicht geglaubt, dass sie so tief mit einer Fünferkette auf uns warten". Die Niederlage dürfe "nicht in Panik oder irgendwelche Attacken ausarten", sagte Köllner danach. "Es war klar, dass wir nicht vorne wegziehen und vier Wochen vor Schluss schon Meister sind. Wer das geglaubt hat, ist eh falsch beraten", grummelte er. Am Sonntag droht der Verlust der Tabellenführung, sollte Düsseldorf gegen St. Pauli gewinnen.

Fürth kann sich mit diesem Sieg kurzfristig Luft im Abstiegskampf verschaffen. Auch weil es Trainer Buric im Moment gelingt, die Last des Offensivspiels auf viele Schultern zu verteilen und so eine Idee von Angriffsfußball zu entwickeln. Der ehemalige Rechtsverteidiger Narey, 23, ist mittlerweile ein Rechtsaußen der treffsicherste Offensivspieler. Das 1:0 im Derby, wahrscheinlich der bislang wichtigste Treffer seiner Karriere - und sein fünftes Saisontor.