Formel 1 Nah dran und doch weit weg

Mit seinem Streben nach Perfektion hat McLaren-Chef Ron Dennis sein Team in ein Dilemma manövriert.

Von René Hofmann

Istanbul - Seit dem Großen Preis von Deutschland schmückt die Rennwagen von McLaren-Mercedes ein neues Detail. Seit dem Rennen auf dem Hockenheimring tragen sie einen Hochglanz-Holographie-Stern auf der Nase. Seitdem haben Kimi Räikkönen und Juan Pablo Montoya zwei Siege eingefahren.

Mercedes-Sportchef Norbert Haug gratuliert Kimi Räikkönen in Istanbul.

(Foto: Foto: AFP)

Zweimal sind aber auch ihre Autos mit Defekten ausgefallen. Einerseits hat Mercedes-Sportchef Norbert Haug also Recht, wenn er behauptet: "Unser Stern strahlt wie noch nie." Andererseits: Unter einem ganz so glücklichen Gestirn steht die Saison für das Team auch wieder nicht.

Seit dem vierten Rennen hat es mit Abstand die schnellsten Autos, doch bislang ist es nie geglückt, die auch auf den Plätzen eins und zwei ins Ziel zu bringen. Am Sonntag in Istanbul fehlten lediglich 3000 Meter. Im letzten Umlauf schlüpfte Fernando Alonso im Renault dann doch noch an Juan Pablo Montoya vorbei, was Kimi Räikkönen die Freude am Sieg verdarb.

Abstauberkönig

Alonso ist der Abstauberkönig. Bereits auf dem Nürburgring fiel ihm der Triumph zu, weil Räikkönen auf den letzten Metern ausfiel. Wären alle Wettfahrten nur eine Runde kürzer, hätte Alonso in der WM-Wertung lediglich zehn Punkte Vorsprung und nicht vierundzwanzig.

Nah dran und doch weit weg - die Statistik zeigt das Dilemma, in das sich der Rennstall manövriert hat. Er wollte einfach zu gut sein. Bevor Teamchef Ron Dennis ein Hotelzimmer verlässt, streicht er stets die Handtücher glatt und rückt die Bilder ins Lot. Mit der selben Versessenheit lässt der 58-Jährige Boliden bauen.

Nach den vielen Pleiten der jüngeren Vergangenheit sollte die Baureihe MP4-20 nicht einfach das schnellste Formel-1-Auto des Jahres 2005 werden. Es sollte das ultimative Formel-1-Auto werden. Herausgekommen ist ein himmlisch schnelles, aber teuflisch unzuverlässiges Werk. Beide Piloten blieben schon mit einem Schaden an der Hydraulik und einem am Antriebsstrang liegen. Trotzdem sagt Dennis: "Wir werden der Zuverlässigkeit zuliebe bei der Geschwindigkeit keine Kompromisse eingehen."

Extra Experten für die Strategie

Fernando Alonso hingegen sagt: "Wir müssen nicht mehr ganz so viel riskieren. Wir können uns auf unsere Zuverlässigkeit verlassen." Wenn der Spanier Englisch spricht, klingt er wie Flavio Briatore, und was er sagt, könnte ebenfalls vom Renault-Teamchef stammen. "Unsere Philosophie lautet: Lieber ein paar Gramm mehr, dafür standfest", beispielsweise.

Die Stile der beiden Rennställe unterscheiden sich grundlegend. Anders als die Grauen verzichteten die Blauen darauf, bei Details wie der Wandstärke der Hydraulikröhrchen ans Limit zu gehen. Der 55 Jahre alte Briatore konzentriert sich lieber aufs Wesentliche. Nicht zufällig ließ Giancarlo Fisichella in Istanbul in Runde zwei Alonso artig passieren. Fisichella weiß, was ihm droht, wenn er seinem in der Jahreswertung viel besser platzierten Teamkollegen im Titelrennen im Weg steht: Briatore wirft ihn raus.

Dennis hingegen lehnt es prinzipiell ab, einem seiner Fahrer einen Vorteil zu gewähren. Das widerspricht dem Fair-Play-Verständnis des Briten, dessen Streben nach Perfektion bisweilen zu absurden Konstellationen führt. Bei den meisten Rennställen entscheiden die Ingenieure an der Boxenmauer über die Strategie.

McLaren beschäftigt dafür eigene Experten, die darüber in der Fabrik in Woking vor vielen Computern grübeln. Leider war ihre E-Mail in Monaco ein wenig zu lange unterwegs, als die Wettfahrt überraschend vom Safety Car unterbrochen wurde und es klug gewesen wäre, Kimi Räikkönen zu einem Boxenstopp einzubestellen.

Als der Finne den Rat empfing, hatte er die Ausfahrt gerade passiert. Während Räikkönen sich am Nürburgring einen Bremsplatten zuzog, stritten die Gelehrten zu Hause, ob das unter dem neuen Reglement reichen würde, um den Pneu wechseln zu dürfen. Sie kamen zu dem Schluss: "Nein." Ein Fehlurteil.

Wie sehr der Drang zur Makellosigkeit manchmal bremst, zeigte sich auch in Istanbul. Juan Pablo Montoya wurde bei seinem ersten Boxenstopp zu früh losgeschickt, weshalb er einen Mechaniker anfuhr. "Früher habe ich immer in den Spiegel gesehen und geschaut, ob alle fertig sind", sagte der Kolumbianer: "Aber dann habe ich gesagt bekommen, ich solle mich nur auf denjenigen konzentrieren, der mir das Zeichen zum Losfahren gibt." Augen geradeaus! Kein Blick nach rechts oder links!

Montoyas ruiniertes Hinterteil

Das Beispiel zeigt, wie es zugeht in dem Team, und warum es ernsthaft nur noch Chancen auf den Konstrukteurstitel hat. Dass Fernando Alonso in der letzten Runde an Montoya vorbeikam, war kein Zufall. Montoya hatte kurz zuvor das Hinterteil seines MP4-20 ruiniert.

Beim Überholen des bereits dreimal überrundeten Tiago Monteiro im Jordan richtete er die Augen geradeaus und seinen Blick weder nach links, noch nach rechts. Monteiro schlitterte ihm unglücklich ins Heck, wofür er sich umgehend entschuldigte, aber auch verteidigte: "Ich konnte nichts machen. Er hat sich genau vor mich gesetzt, worauf ich nichts mehr gesehen habe und in seinen Windschatten geraten bin. Dabei hatten wir uns in den Fahrerbesprechungen doch darauf geeinigt, genau solche Manöver zu unterlassen."