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Formel 1:Pancakes mit Bart

Großer Jubel im kleinen Spielberg: Valtteri Bottas ist der erste Sieger der neuen Formel-1-Saison.

(Foto: Mark Thompson/AP)

Dass zum Auftakt in Spielberg schon wieder Mercedes dominiert, wird in der Rennserie als beunruhigend aufgefasst. Immerhin sorgt Sieger Valtteri Bottas für etwas Abwechslung.

Von Philipp Schneider

Zuerst die Haferflocken im Mixer fein mahlen. Dann Milch, Banane und Backpulver zugeben und alles pürieren. Den Teig zehn Minuten quellen lassen. Kokosöl in einer beschichteten Pfanne erhitzen. Pro Pancake 1-2 EL Teig in die Pfanne geben und bei mittlerer Hitze ca. 2 Minuten backen. Pancakes auf einem Teller vor Valtteri Bottas stapeln. Abwarten.

Zugegeben, Bottas hat das Rezept, wie sich Porridge, also Haferbrei, in Pancakes verbacken lässt, am Sonntag nicht so detailliert auf der Pfanne. Die Frage von Ben Hunt, einer Reporter-Legende der Sun, trifft ihn nach seinem Rennsieg in Spielberg eher unvorbereitet. Was auch dem Umstand geschuldet sein mag, dass er sich die Pancakes, was Bottas sofort zugibt, jeden Sonntag von seiner Freundin Tiffany Cromwell, einer australischen Radsportlerin, zubereiten lässt. Hunt, dem in und neben der Formel 1 in der Regel nichts entgeht, war halt aufgefallen, dass Bottas, der zum Frühstück stets Porridge bevorzugte, neuerdings reihenweise Pfannkuchenbilder in den sozialen Medien veröffentlicht.

War also die Nahrungsumstellung das Geheimnis hinter Bottas' Sieg zum verspäteten Auftakt der Formel-1-Saison?

Nope, antwortet Bottas. "Weißt du, der Porridge ist versteckt in den Pancakes." Er esse noch immer Porridge. Porridge gebe "lots of power". Er lächelt. Gequält?

Armer Bottas. Jedes Jahr aufs Neue, solang die Saison noch jung ist, Bottas seinen Mercedes ein- oder zweimal als Erster über die Ziellinie gesteuert hat und ihm sein Teamkollege Lewis Hamilton noch nicht in der Gesamtwertung enteilt ist, wird sein Wesen studiert wie unter dem Brennglas. Im Vorjahr, vier Rennen waren gefahren, zwei hatte Bottas gewonnen, da wurde sehr viel über seinen Vollbart geredet, den er anarchisch sprießen ließ.

"Wir bleiben bei unseren Jungs": Daimler-Chef Ola Källenius gibt Bottas eine Jobgarantie

War dieser Bottas, einem Holzfäller gleich, den finnischen Wäldern nach dem Winter körperlich gestärkt und selbstbewusster entstiegen? Bottas beantwortete beflissen alle Fragen mit Bart; die Debatte aber beendete irgendwann Hamilton: "Für mich gibt es keinen Unterschied, außer dass Valtteri jetzt einen Bart hat."

Jetzt ist der Bart gestutzt, der Porridge versteckt - doch Bottas ist noch immer der vortreffliche Rennfahrer, der er stets war. Man sollte ihn nur endlich mal ernst nehmen. Zu Bottas' Verzückung schenkte ihm am Sonntag endlich sein oberster Chef das angemessene Vertrauen. Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, sicherte ihm vor laufenden Kameras eine Verlängerung des Ende des Jahres auslaufenden Vertrages zu: "Wir bleiben bei unseren Jungs", sagte Källenius auf Sky.

Es ist ja kein dankbarer Job, das Auto an der Seite eines sechsmaligen Weltmeisters zu steuern, der sich in dieser Saison anschickt, mit der als unerreichbar gehandelten Bestmarke von Michael Schumacher gleichzuziehen. Aber je mehr die Konkurrenten von Ferrari und Red Bull schwächeln, desto größer ist die Sehnsucht in der Branche, zumindest Bottas könne es mit Hamilton aufnehmen und für einen spannenden Kampf um den WM-Titel sorgen. Kann er es diesmal? Diesmal schwächelten schließlich alle seine Gegner zu Beginn.

Ferrari hat ein Problem mit dem Motor. Das ist trotz des zweiten Platzes von Charles Leclerc offensichtlich: In der Qualifikation fuhren die roten Rennwagen fast eine Sekunde langsamer als im Vorjahr. Und weil alle sechs Autos mit Ferrari-Motoren auf den Geraden Tempo verloren, auch die von Haas und Alfa Romeo, liegt der Verdacht nicht fern, die Erschlaffung könne damit zu tun haben, dass die Benzinzufuhr bei der Scuderia 2019 beanstandet wurde.

Max Verstappen legte in seinem Red Bull zwar am Samstag die drittbeste Zeit vor, musste im Rennen aber nach 13 Runden aufgeben wegen eines Defekts. Die Wettfahrt von Verstappens Teamkollegen Alex Albon wiederum war recht ansehnlich und hätte ihm wohl den ersten Podiumsplatz seiner Karriere eingebracht. Wäre sie nicht von Hamilton mit einem Manöver beendet worden, das für viele Beobachter zwar aussah wie herkömmliches Renngeschehen. Eigentlich hielt er in der Kurve stur die Linie. Dafür wurde er allerdings von den Kommissaren mit einer Fünf-Sekunden-Strafe bedacht - die ihn das Podium kostete und ihm Platz vier einbrachte.

Und weil Hamilton schon nach der Qualifikation von der Verkehrspolizei zurückgepfiffen worden war, weil er gelbe Flaggen übersehen und in einer Gefahrenzone nicht gebremst hatte, war das die eigentliche Sensation zum Auftakt: Hamilton, dem Meister der Konzentration und Renndisziplin - ihm waren tatsächlich zwei Fehler an einem Wochenende unterlaufen. Zumindest war er zweimal bestraft worden.

Albon, 24, Sohn einer Thailänderin und eines Engländers, war außer sich nach dem Crash. Noch aus dem Cockpit heraus beschimpfte er Hamilton als "schlechten Verlierer", was man ihm nachsehen musste: Beim vorletzten WM-Lauf 2019 in Brasilien war er ebenfalls mit Hamilton kollidiert. Auch damals büßte Albon alle Chancen auf das Podest ein, auch damals wurde Hamilton von den Stewards die Schuld gegeben. "Es ist sehr unglücklich, was da mit Alex passiert ist. Für mich war es ein Rennunfall. Aber ich nehme jede Strafe an", sagte Hamilton. Unterstützung erhielt Albon von seinem Teamchef Christian Horner, der an sich an diesem Wochenende offenbar vorgenommen hatte, die Kollegen von Mercedes so richtig einzuseifen. Zunächst klagte er am Freitag ohne Erfolg gegen das neuartige Lenksystem der Silberpfeile. Dann klagte er am Sonntag mit Erfolg auf Hamiltons Startversetzung. Nach dem Rennen klagte Horner: "Letztlich war es nur eine Fehleinschätzung von Lewis, und es wäre gut, wenn er sich dafür entschuldigen würde." Toto Wolff, Teamchef bei Mercedes, sagte, der Samstag sei der einzige Tag gewesen sei, an dem Mercedes nicht von Red Bull angeschwärzt worden sei: "The gloves are off", der Spaß sei nun vorbei.

Das Ergebnis der Auftaktrennens in Spielberg hat die Fragen nach dem Kräfteverhältnis der Teams nicht abschließend beantwortet. Dreimal musste das Safety-Car ausrücken, dreimal gab es Gelegenheit für die Hinterherfahrer, Lücken zu schließen. Dass hinter Bottas und Leclerc als Dritter Lando Norris im McLaren die Ziellinie querte, passte gut zum turbulenten Auftakt. Norris, 20, ist nun der drittjüngste Fahrer, der es jemals auf ein Podium der Formel 1 schaffte (noch jünger waren nur die jeweils 18-jährigen Max Verstappen 2016 und Lance Stroll 2017). Nur elf der 20 Piloten erblickten nach einem wilden Rennen die Zielflagge am Sonntag.

Dass die zwei in Schwarzpfeile umlackierten Silberpfeile lange Zeit trotz angeblich massiver technischer Probleme das Tempo bestimmten, dürfte die Konkurrenz am meisten sorgen. Die Mercedes-Techniker James Vowles und Pete Bonnington beknieten Bottas und Hamilton vor ihren Funkgeräten geradezu, von den Randsteinen fernzubleiben, weil das ständige Geholper die Funktion der Getriebesensoren beeinträchtige. "Wir waren uns eine Weile nicht sicher, ob unsere Fahrzeuge ins Ziel kommen würden", sagte Wolff.

Bis zum Rennen am kommenden Sonntag, verspricht Wolff, sind die Probleme behoben. Das freut auch Valtteri Bottas natürlich, der wie Anfang 2019 wieder versichern musste: Natürlich wolle er Weltmeister werden. "Der Traum lebt, daran gibt es keinen Zweifel."

© SZ vom 07.07.2020

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