Formel 1:Die Reform und ihre Bremser

Lesezeit: 3 min

Großer Preis von Belgien

Mehr Bewegung im Fahrerfeld, mehr Spannung an der Spitze: Neue Vorschläge sollen die Monotonie in der Formel 1 beenden.

(Foto: Francisco Seco/dpa)

Mehr Überholmanöver, günstigere Autos und höhere Spannung: Die Formel-1 soll erneuert werden. Während die Erfolgsrennställe versuchen, dies zu verhindern, wittern die kleinen Rennställe Chancen.

Von Elmar Brümmer, Mexiko-Stadt

Die Absichten sind aller Ehren wert: Eine bessere Formel 1, und dazu noch eine die günstiger ist. Am ersten Trainingstag zum Großen Preis von Mexiko hat der Weltrat des Automobilweltverbandes Fia beschlossen, wie die Reform der Königsklasse aussehen wird. Sie tritt von 2021 an in Kraft und wird offiziell am 31. Oktober verkündet. Die Funktionäre und Vermarkter der Rennserie haben die Regeln mehr oder weniger unter sich ausgemacht, Ferrari blieb als Vertreter der Rennställe nur eine Alibistimme.

Gemäß dem Beschluss sollen die Teams, die sich aus Stolz, Neid und Kalkül selten auf einen Konsens einigen können, an Macht verlieren - doch ob das auch so bleibt, ist fraglich. Denn ohne Rennställe keine Rennen. Das Tauziehen wird weitergehen. Christian Horner, Teamchef von Red Bull Racing, höhnt: "Boris Johnson ist näher an einem Brexit-Deal als wir an einer Einigung."

Die komplizierten Strukturen im "Concorde Agreement", einer Art Grundgesetz der Serie, sollen Geschichte sein. Die Vereinbarung läuft 2020 aus, damit gibt es keine Strategiegruppe oder Formel-1-Kommission mehr, nur noch ein Entscheidungsgremium mit je zehn Funktionärsstimmen und zehn der Rennställe. Das soll schnelleres Handeln garantieren, etwa in Fragen der Nachhaltigkeit. Über fast drei Jahre hat sich die Ausarbeitung des Reglements hingezogen und ist immer noch umstritten.

Chase Carey von Vermarkter Liberty Media und Fia-Präsident Jean Todt haben ihre Pläne durchgesetzt: Die Deckelung des Budgets pro Rennstall auf 175 Millionen Dollar (ohne Fahrer-Gagen, Motorenleasing und Reisekosten); modernes Gesicht der Rennwagen und besseres Überholverhalten der Autos; Einführung von Einheitsteilen und drastische Einschränkung der Freiheiten bei den Fahrzeugkonstruktionen. Die Befürworter sind die kleinen Rennställe wie Alfa Romeo, Haas oder Williams, die mehr Chancengleichheit wittern. Gegner sind die Top-Teams wie Mercedes, Ferrari und Red Bull, die ihren finanziellen Vorteil und bisherigen technischen Vorsprung wahren wollen.

Sie haben auch schon ein Schlupfloch gefunden: da die Deckelung im kommenden Jahr noch nicht gilt, das Reglement aber bereits bekannt ist, wird 2020 noch mal investiert, was die Kassen hergeben. Dann wären die Kleinen wieder von Anfang an im Nachteil. Das schafft die Basis für Nachverhandlungen: Budgetdeckel schon 2021, neue Regeln erst 2022. Und die natürlich noch ein bisschen nachgebessert - im eigenen Interesse, versteht sich. Horner argumentiert: "Die neuen Vorschriften sind noch nicht wirklich ausgereift." Die Konstrukteure stoßen sich an zu vielen genormten Teilen und lediglich 50 genau festgelegten Bereichen am Auto, an denen Dinge individuell verändert werden dürfen. Die große Angst vor einer Einheitsformel.

Renault, Williams, Alfa, Haas: Für viele Rennställe ist die Formel 1 wohl bald zu teuer

Zunächst liegen die guten Argumente bei den Reformern, die hart bleiben wollen. Deren Fraktion wird angeführt von zwei Männern, denen argumentativ schwer beizukommen ist: Ross Brawn war der Vater hinter der großen Ferrari-Schumi-Ära zur Jahrtausendwende, Pat Symonds der gewiefte Techniktrickser bei Benetton und Renault. Die beiden kennen alle Tricks und Finten. Als die Fahrzeugbauer jammerten, mit den neuen Regeln würden alle Autos gleich aussehen, zeigten die beiden den Teamchefs Modelle der aktuellen Fahrzeuggeneration, nur mit weißer Farbe übermalt - alle sahen sehr ähnlich aus, und mancher Besitzer erkannte das eigene Auto nicht.

Die Krux am Verhandlungstisch: der eine ist auf den anderen angewiesen. Liberty Media hat viel investiert, die Anleger haben bisher wenig Gegenwert gesehen. Die Rennställe bezahlen die Show und wollen natürlich bestimmen. Endlich mitreden wollen auch die Fahrer, sie müssen all die schönen Theorien in die Praxis umsetzen und haben damit jetzt schon zu kämpfen. Die Autos sind zu kompliziert, zu zickig, zu wenig zum Überholen geeignet. Bei einer Präsentation in Sotschi formulierten die Fahrer den Formel-1-Chefs ihre Forderungen: Bessere Reifen, weniger sensible Aerodynamik, ausgeglichenes Feld. Einer wie der Heppenheimer Sebastian Vettel macht seinen Verbleib in der Formel 1 sogar davon abhängig, wie die angekündigte Regel-Revolution tatsächlich ausfallen wird.

Aktuell gibt es unter den Rennställen ein paar Wackelkandidaten, deren zukünftige Teilnahme offen ist: Renault, Williams, Alfa Romeo und Haas. Auch deshalb ist die Kostenersparnis so wichtig für Liberty Media - mit weniger Geldeinsatz und etwas höheren Erfolgschancen lassen sich neue Teams anlocken, falls einer der Beteiligten tatsächlich aussteigt. Auch die drei Top-Rennställe Mercedes, Ferrari und Red Bull haben noch nicht zugesagt, ob und wie sie nach 2020 weitermachen, bislang gibt es noch keine Vertragsverlängerungen. Der Poker um die Zukunft hat gerade erst begonnen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB