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Formel 1:Die besten Fahrer der Welt?

Nach dem Rennen in der Toskana diskutiert die Formel 1 über die Frage, wer Schuld trägt am zweiten Massencrash. Einige Finger zeigen auf den Mercedes-Piloten Valtteri Bottas, doch der wird exkulpiert.

Von Philipp Schneider, Mugello/München

Der Palazzo Vecchio. Selbstverständlich. Woran 542 noch der durchaus unverwüstliche Ostgotenkönig Totila scheiterte, das vollendete nun die Scuderia Ferrari. Sie nahm Besitz von Florenz, wenn auch nur symbolisch.

Am Samstag waren der stolzen Rennmarke aus Maranello nicht einmal die historischen Gebäude auf der Piazza della Signoria zu groß. Oder zu sakrosankt, um sie nicht in einem Spektakel zu illuminieren. Der Palazzo, Sitz des Stadtparlaments, 1314 fertiggestellt, hat in seinen 700 Jahren Geschichte noch nie so viel Rot gesehen wie an diesem Wochenende. Obwohl Leonardo da Vinci und Michelangelo vor 517 Jahren den Auftrag erhielten, Wandgemälde für den ausladenden Saal der 500 in seinem Innern zu gestalten. Nun parkten historische Rennwagen vor den dicken Mauern. Und so tief rot strahlte der Palazzo vor dem abendlichen Spätsommerhimmel in Florenz, es sah aus, als würde er sich ein wenig fremdschämen.

Er sei sich "absolut sicher", jubilierte Ferrari-Präsident John Elkann auf der Feier mit wenigen Gästen und vielen Masken am Vorabend des 1000. Rennens der Scuderia. Sicher, "dass wir in den nächsten 1000 Grand Prixs mehr Rennen gewinnen werden als in den 1000 bislang". Rechnerisch ist das möglich. In 1000 Starts gelangen Ferrari 238 Siege. Sebastian Vettel und Charles Leclerc warten bereits seit einem Jahr auf einen solchen. Wie heißt es so schön? Der Trend spricht gegen Ferrari.

Mattia Binotto weiß das besser als Elkann, die rechte Hand der Besitzerfamilie Agnelli. Binotto ist näher dran an den mannigfaltigen Problemen, die er als Team- und Technikverantwortlicher bei Ferrari miterschaffen hat. Und deshalb hält er Siege von roten Autos vor der erst 2022 anstehenden Technikreform in der Formel 1 für so gut wie ausgeschlossen.

Nach den abermals bemitleidenswerten Vorstellungen seiner Fahrer Vettel (Drittletzter) und Leclerc (Fünftletzter) beim Jubiläumsrennen in Mugello bat Binotto die Tifosi um jene Geduld, die ihm selbst erstaunlicherweise von seinen Chefs gewährt wird. Zwar werde die Scuderia mit technischen Verbesserungen am lahmenden Auto zum Rennen in Sotschi reisen, "aber diese werden das große Bild nicht verändern" können, sagte Binotto. "Um uns neu aufzustellen, brauchen wir mehr Zeit." Womit Binotto zum Ausdruck brachte: Wer nur mehr Zeit braucht, benötigt keinen neuen Chef an der Teamspitze.

Am Sonntagabend in Mugello wurde trotzdem noch diskutiert über ein schnelles rotes Fahrzeug, das für eine Weile vorneweg gefahren war. Und über die Frage, welchen Anteil an den zahlreichen Crashs die Tatsache gehabt hatte, dass sich die Formel 1 erstmals seit sechs Jahren auf eine unbekannte Rennstrecke begeben hatte.

Zwei Massencrashs gab es am Sonntag, nur zwölf Piloten querten die Ziellinie auf der Rennstrecke in der Toskana, die von Motorradfahrern wegen ihrer schnellen Kurven verehrt wird. Der erste Unfall ereignete sich rasch, betroffen waren unter anderem Max Verstappen und Pierre Gasly. Dass der Unfall auch dadurch ausgelöst wurde, dass die Motorradstrecke schmal konstruiert wurde, ist unstrittig. Die Diskussionen kreisten um die zweite Karambolage, nachdem sich Bernd Mayländer mit seinem roten Flitzer an die Spitze des Feldes geschoben hatte: in seinem zur Feier des Tages umlackierten Safety Car.

Als Mayländer das Rennen wieder freigegeben hatte, regnete es Karbonteile auf der Zielgeraden: Einige Piloten im Mittelfeld gaben zu früh Gas und mussten dann wieder abbremsen, um nicht verbotenerweise zu früh zu überholen. Deren Hintermänner konnten nicht mehr ausweichen - und schon kam es zu Auffahrunfällen wie im Berufsverkehr: Carlos Sainz und Kevin Magnussen landeten in der Mauer, Antonio Giovinazzi traf Nicholas Latifi am Heck. "Wollen die uns umbringen?", schimpfte Haas-Pilot Grosjean. Es war nicht ganz klar, wen er meinte.

Manche Finger zeigten nach dem Crash auf Valtteri Bottas. Der Mercedes-Pilot führte das Feld an in jenem Moment, als Mayländer die Lampen löschte und so das Zeichen gab, er werde bei nächster Gelegenheit in der Boxengasse verschwinden. Als Bottas kurz darauf auf die Zielgerade bog, hatte er es nicht eilig. Um der Konkurrenz auf dem 1,1 Kilometer langen Weg bis zur nächsten Kurve keine Chance zu geben, aus dem Windschatten einen Angriff zu starten, wartete Bottas mit dem Beschleunigen ab bis zu jener Markierung, ab der wieder überholt werden durfte: der sogenannten Kontrolllinie, die in Mugello erst am Ende der Geraden liegt. Das war legitim. Verboten wäre gewesen, Bottas hätte die anderen Piloten genarrt, indem er abwechselnd Gas gegeben und gebremst hätte. "Ich bin eine konstante Geschwindigkeit gefahren", verteidigte sich Bottas später. "Das Rennen beginnt bekanntlich erst an der Linie. Die Jungs, die gecrasht sind, brauchen gar nicht zu jammern."

Jedes Mal ein Neuwagen

Die Ergebnisliste des Großen Preis der Toskana liest sich kurios. Zwölf Autos erreichten das Ziel, acht fielen aus. Als Ausfallgründe sind notiert: Unfall, Unfall, Unfall, Unfall, Unfall, Unfall, Unfall und Unfall. Ähnlich dicht rieseln die Karbon-Splitter selten auf die Rennstrecke, was die Frage aufwirft: Wie geht es nun weiter? Der nächste Grand Prix steht vom 25. bis zum 27. September in Sotschi/Russland an. Werden bis dahin alle Autos repariert sein?

Große Lücken in der Startaufstellung gibt es selten. Am denkwürdigsten war da der USA-Grand-Prix 2005, bei dem sich neben dem Ferrari von Michael Schumacher nur fünf weitere Autos aufreihten. Aber das hatte andere Gründe: Nach vielen Reifenschäden wagten sich nur die Teams, die Reifen von Bridgestone bezogen, ins Rennen. Die von Michelin belieferten pausierten sicherheitshalber.

Dass ein Fahrer nicht starten kann, weil sein Auto beim Rennen zuvor einen Totalschaden erlitt, kommt so gut wie nie vor. Denn nach jedem Auftritt werden alle Autos fast komplett auseinandergenommen, alle Teile werden überprüft - und für das nächste Rennen wird alles neu "aufgebaut", wie es in der Szenesprache heißt. Im Prinzip starten also jedes Rennwochenende Neuwagen. Im Aufbau der Wagen sind die Mechaniker geübt, für sie ist das eine Alltagsübung. Früher durfte jedes Team zu jedem Rennen ein Ersatzauto mitbringen, ein sogenanntes T-Car (von engl. Training Car); aus Kostengründen wurde das aber abgeschafft. Ebenfalls aus Kostengründen wurde bei einigen Teilen vorgeschrieben, wie oft diese in einer Saison getauscht werden dürfen (das Getriebe und der Motor etwa). Wer öfter ein Neuteil braucht, wird in der Startaufstellung nach hinten gerückt. Mitfahren aber darf er trotzdem. René Hofmann

So sahen das auch die Rennkommissare, die sich die Szene gründlich anschauten. Bottas sprachen sie frei von Schuld. Stattdessen verteilten sie Verwarnungen gegen zwölf (!) Piloten, die weiter hinten eben nicht mit "konstanter Geschwindigkeit" gefahren waren, wie es das Reglement vorschreibt - sondern teils heftig mit dem Gasfuß gezuckt hatten. Bottas und sein Teamkollege Lewis Hamilton sahen die Schuld bei der Rennleitung: Diese hätte die Lichter am Safety Car zu spät gelöscht.

Erst wenn die Lichter erlöschen, darf der Führende das Tempo bestimmen. Er kann sich zurückfallen lassen und Abstand gewinnen zum Safety Car, das er zuvor maximal zehn Fahrzeuglängen enteilen lassen darf. Gehen die Lichter spät aus, kann der Führende also weniger taktieren, weil ihm weniger Zeit bis zur Kontrolllinie bleibt. Und es entstehen klaffende Lücken im Feld, die zu Auffahrunfällen führen können. "Sie wollen die Show verbessern", kritisierte Bottas. So sah das auch Hamilton: "Sie schalten die Lichter immer später und später aus. Damit riskieren sie so etwas!"

Dass er die Gesundheit der Piloten für die Unterhaltung aufs Spiel gesetzt haben soll, wollte Rennleiter Michael Masi nicht unkommentiert lassen: "Die Sicherheit steht bei der FIA immer an oberster Stelle", sagte Masi. Auch seien die Lichter nicht ungewöhnlich spät ausgegangen. Masi verabschiedete sich mit einer kleinen Spitze: "Hier sind die 20 besten Fahrer der Welt unterwegs. In der Formel 3 hatten wir am Vormittag einen sehr ähnlichen Safety-Car-Restart, und der lief bei den Juniorpiloten gesittet und ohne Zwischenfälle ab."

© SZ vom 15.09.2020

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