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Formel 1:Der Romantiker wettet auf die Zukunft

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Auf Wiedersehen, schön war die Zeit! Nur nicht in dieser Saison: Seinen Traum vom Weltmeister-Titel in Rot konnte Sebastian Vettel nicht verwirklichen. Ein Grund, die Karriere zu beenden, ist das für ihn nicht.

(Foto: Federico Basile/imago)

Drei Tage vor dem 1000. Rennen von Ferrari verkündet Sebastian Vettel seinen Wechsel zu Aston Martin.

Von Philipp Schneider, Mugello/München

Die Frage hängt eine Weile im Raum. Sebastian Vettel zupft an seinem Käppi, er zupft an seiner Maske. Ein bisschen Zeit lässt sich so gewinnen. Die Frage ist eigentlich ein bisschen zu persönlich. Vettel mag es nicht, wenn ihm die Journalisten näher rücken als bis zur Außengrenze seines Bauernhofs im Kanton Thurgau. Wie nahe er einem Rücktritt gewesen ist? "Nahe", sagt Vettel.

Die Frage ist zwar persönlich, aber auch relevant, weiß Vettel. Wie sonst soll er erklären, dass endlich ein Wechsel vollzogen wurde, mit dem schon seit Juli gerechnet worden ist? Ein bisschen lustig ist es nämlich schon, dass Vettel seine Zukunft beim Rennstall Aston Martin am Donnerstag in Mugello verkündet. Ausgerechnet drei Tage vor dem großen Jubiläum, für das sich Ferrari, sein Arbeitgeber, der nicht mit ihm verlängern wollte, hübsch macht und regelrecht aufdonnert: Die Autos werden für den 1000. Grand Prix des Rennstalls eigens in Burgunderrot umlackiert, das bereits beim Renndebüt 1950 am Ferrari 125 zu sehen war. Mick Schumacher, Sohn des Rekordweltmeisters, dreht mal wieder Werberunden im Ferrari F2004, mit dem sein Vater vor 16 Jahren seinen siebten Weltmeistertitel gewann. Und doch reden jetzt alle über den Mann, der Ferrari verlässt: Sebastian Vettel.

Seit Donnerstag um neun Uhr früh steht endlich fest: Vettel beendet seine Rennfahrerkarriere nicht. Er fährt noch eine Weile weiter in der Formel 1 und erhält wie erwartet das Cockpit des Mexikaners Sergio Perez. Auf Fragen nach der Vertragslaufzeit antwortete Vettel: "Das Ziel ist darauf ausgelegt, dass man längerfristig zusammenarbeitet." Alles andere ergäbe auch keinen Sinn. Vettel will helfen, das rundum neue Auto für 2022 zu gestalten.

Dass die Zylinder noch klopfen im Rennfahrer Vettel, das spürte man am Samstag nach der Qualifikation in Monza. Vettel war gerade die wohl größte Schmach seiner Karriere widerfahren. Er war raus nach dem ersten Teil der Zeitenjagd, in dem sich in den besseren Tagen der Scuderia nur jene Teams verabschiedeten, die ihre Motoren bei Ferrari kaufen. Vettel war nur noch 17. Er rannte aber nicht fort vom Ort der Erniedrigung. Er ging zu Fuß an die Strecke. Als Zuschauer stand er an der Parabolica-Kurve. Sah zu, wie Männer in weit schnelleren Kisten um die Plätze fuhren. Vettel stand dort als Fan der Formel 1.

Er wird ein Teil von ihr bleiben. Die Entscheidung hat er nicht überstürzt getroffen. Wenn der Ärger von Sergio Perez nur halbwegs authentisch war, dann hat Vettel sein neues Team lange Zeit im Ungewissen gelassen: Er sei ahnungslos gewesen, dass der Flirt zwischen Vettel und seinen Chefs ernst geworden war, klagte Perez. "Man hat mir immer das Gefühl gegeben, dass sie mit mir weiterfahren wollen. Auch wenn ich wusste, dass es Gespräche im Hintergrund gab."

Am Vorabend hatte der talentierte Perez seinen Abschied vom Team verkündet - nach sieben Jahren. Teambesitzer Lawrence Stroll habe ihn am Mittwoch angerufen und gesagt, dass sich der Rennstall "in eine andere Richtung" orientieren möchte. Und weil er noch einen über die Saison hinaus gültigen Vertrag besaß, dürfte Perez mit ordentlich Handgeld zu dessen Auflösung überredet worden sein.

Vettel betonte in Mugello immer wieder, ihm sei wichtig gewesen, einen passender Gefährten zu finden, mit dem er weit nach vorne fahren kann. Der Aston Martin des Jahres 2021 dürfte so einer sein. In einer Rennserie mit Hybridmotoren, bei der sich viele Beobachter fragen, wie viele Jahre ihr angesichts des gesellschaftlichen und wahrhaftigen Klimas noch bleiben, ist das Formel-1-Projekt des kanadischen Investors Lawrence Stroll eines, das erstaunlich weit in die Zukunft weist. Er habe erst sicherstellen müssen, dass die Dinge, die ihm wichtig sind, auch erfüllt werden, sagte Vettel RTL: "Ich will mich weiterentwickeln", sagte der inzwischen 33-Jährige. Entwickeln "mit dem Team, in dem Aufbruchstimmung herrscht. Und dort will ich die Aufgabe von Anfang an mit anpacken."

Was dort angepackt werden muss, ist klar: Ab kommender Saison muss Vettel mit Hochdruck am Auto für 2022 arbeiten. Die Teams mit den kleineren Budgets versprechen sich einiges von der Technik-Novelle, die dann aufgelegt wird: Die Rennwagen werden wuchtiger und langsamer, allerdings verwirbeln sie auch die Luft sehr viel weniger. Das soll Hinterherfahrern das Überholen einfacher machen.

Ab der kommenden Saison greift endlich auch ein Kostendeckel. Die Spitzenteams - Mercedes, Red Bull und Ferrari - dürfen nicht länger hemmungslos in ihre Geldspeicher greifen. Sie müssen erstmals haushalten. Wenn davon die Rede sein kann, angesichts einer Obergrenze von 145 Millionen Euro pro Team und Saison. Zumal auch noch die Kosten für die Gehälter der Fahrer, der drei teuersten Angestellten und des Marketings nicht aus diesem Geldtopf gezahlt werden müssen. Dennoch: "Mit den Regeländerungen ändert sich ein bisschen das Spielfeld", hat Vettel erkannt.

Bei diesem Spiel möchte er dabei sein.

Wenn man so will, hat Vettel eine Wette darauf abgeschlossen, dass sich die Formel 1 wieder in eine Richtung entwickelt, die ihn an bessere Zeiten erinnert. Vettel ist der letzte Romantiker der Formel 1. Er hat sich intensiv mit der Geschichte seines Sports auseinandergesetzt und sich ein nahezu enzyklopädisches Wissen angeeignet. Wenn es nach ihm ginge, hätten die Motoren 2014 niemals an Zylindern verloren und erst Recht nicht an Lautstärke. Wenn es nach Vettel ginge, dann würden auch zahlreiche Assistenzsysteme wieder ausgebaut aus den Wagen. Weil diese die Bedeutung des Rennfahrers schmälern. Am liebsten hätte er den Gangknüppel zurück. Den wird es nicht mehr geben, das weiß auch Vettel. Er mag zwar ein Romantiker sein, naiv aber ist er nicht.

Als Vettel am Samstag an der Parabolica stand, da sah er auch die Racing Points an sich vorbeifliegen. "Was die Performance angeht, kann man das ganz nüchtern analysieren", sagte er nun in Mugello. Das nüchterne Ergebnis seiner Analyse muss sein, dass Aston Martin, die Erben der Racing Points, auch in der nächsten Saison schneller sein dürften als die Ferraris. Weil die Technik-Novelle wegen der Pandemie auf 2022 verschoben wurde, hat das Team aus Maranello im nächsten Jahr kaum Gelegenheit, Anschluss zu finden. Vettel freut sich nun, wie er sagt, auf ein "neues Abenteuer mit einem wirklich legendären Hersteller".

Bei Lichte betrachtet ist dieser neue Hersteller nichts anderes, als der alte mit einem neuen Aufkleber. Aston Martin war zuletzt 1960 mit eigenen Autos in der Formel 1 am Start. Unter dem Aufkleber sind die Strukturen von Racing Point zu finden. Eines Rennstalls aus Silverstone, der seinen Antrieb weiterhin von Mercedes beziehen wird. Vettel war beeindruckt von den Resultaten seines neuen Teams in der aktuellen Saison: Es war zeitweise zweitstärkste Kraft hinter Mercedes: "Und ich glaube, dass die Zukunft noch heller strahlt."

Racing Points Schnelligkeit gründet auf dem Motor und einer effizienten Methode, mit wenig Geld viel Geschwindigkeit zu generieren: Racing Points Ingenieure haben in dieser Saison den Weltmeister-Mercedes des Vorjahres schamlos nachgebaut. Manche Teile müssen die Rennställe allerdings, selbst wenn sie Kunden von Mercedes oder Ferrari sind, laut Reglement selbst entwickeln. Anfang August gelangte die Kommission des Automobil-Weltverbandes zu dem Schluss, dass die hinteren Bremsbelüftungen des RP20 illegal von Mercedes kopiert worden waren. Racing Point akzeptierte einen Abzug von 15 Punkten sowie eine Geldstrafe von 400 000 Euro. Vor wenigen Tagen zog Ferrari seine Berufung gegen das Urteil zurück. Nun erst muss Racing Point keinen Ärger wegen der Affäre mehr befürchten. Und plötzlich unterschreibt Vettel.

Seine Zukunftswette schließt mit ein, dass der Wirbel um den Kopiershop 2021 vergessen ist. Am Wochenende, an dem die Ferraris in Burgunderrot umlackiert werden, sagt Sebastian Vettel: "Ich freue mich auf den Farbwechsel!" Er meinte: Von Ferrarirot zur Farbe der Aston Martins, die noch unbekannt ist. Vermutlich aber British Racing Green.

© SZ vom 11.09.2020

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