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Formel 1:Alter Mann in schöner neuer Welt

Erstmals nach dem Besitzerwechsel trifft sich die Formel-1-Szene wieder.

Wenn es einen Ort gibt, an dem die neuen Herren der Formel 1 zwecks einer besseren Inszenierung dringenden Handlungsbedarf verspüren dürften, dann ist es die Bühne, die Sebastian Vettel vor dem Großen Preis von Singapur eingeräumt wird. Immerhin handelt es sich um den Rekordsieger des Rennens in Südostasien, doch für seine Sprechstunde sitzt der Ferrari-Pilot unter einem fragilen Zelt im Baumarkt-Stil, zwischen zwei Containern finden ein paar Stühlchen, aber nicht alle Fernsehkameras Platz; von links bläst die Abluft aus der Küche des Williams-Rennstalls, rechts hält ein Ventilator tapfer gegen den Knoblauchduft. Für Liberty Media, einen Entertainment-Konzern aus den USA, war es schon bei der Übernahme der ersten Tranche von Vermarktungsrechten wichtig, das eigene Knowhow bei Großveranstaltungen einzubringen. Großzügigkeit soll das bisweilen hemdsärmelige Geschäftsgebaren ablösen. Großer Stil, das entspricht jenen mehr als acht Milliarden Dollar, die für die Transaktion am Ende fällig werden.

Zum ersten Mal nach dem Besitzerwechsel trifft sich die Formel-1-Szene wieder, und wie gewohnt darf spekuliert werden. Zunächst, ob Chase Carey, der neue starke Mann im Management, und der mit einem Drei-Jahres-Vertrag ausgestattete bisherige Geschäftsführer Bernie Ecclestone am Wochenende zusammen nach Singapur kommen werden? Den elf Rennställen wurde nur in einem kurzen Schreiben mitgeteilt, dass sich die Anteilsverhältnisse geändert hätten. Alles Weitere konnten die Beteiligten den umfangreichen Mitteilungen von Liberty Media entnehmen, die den Finanzgesetzen und PR-Gepflogenheiten in den USA entsprechen.

In der ersten To-Do-Liste hat sich der Konzern vorgenommen, den Rennkalender zu entwickeln, Seriensponsoren zu gewinnen, die Vermarktung zu verbessern, die Erfahrungen bei großen Live-Veranstaltungen ein- und das Digitalgeschäft voranzubringen. Ausdrücklich zunächst in Europa, dann in Asien und Nordamerika. "Wir wollen wachsen und diesen Sport zum Wohle der Fans, Rennställe, Partner und unsere Aktionäre entwickeln", wird Medienexperte Carey zitiert.

1500 Scheinwerfer

2008 wurde die Formel 1 nicht einfach nur um einen Termin erweitert, sie bekam ihr erstes Nachtrennen. Gefahren wird aber auch in Singapur im Hellen - dank der rund 1500 Scheinwerfer, von denen die Strecke in Szene gesetzt wird. Die Atmosphäre, sagen viele Fahrer, ist in Singapur ganz besonders. Nur bekommen sie davon auf den 5,067 Kilometern kaum etwas mit: Der Stadtkurs gilt wegen der extremen Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und der mit 23 Kurven besonders schwierigen Strecke als härtestes Rennen der Formel 1.

Das klingt nach einer schönen neuen Rennwelt. Anders als der bisherige Eigner, CVC Capitals aus Luxemburg, wollen sich Besitzer John Malone und sein Management auch ins Tagesgeschäft einmischen. Denn die sportliche Zukunft wird dafür ausschlaggebend sein, was Liberty Media auf einem Analystentreffen vorgerechnet hat. Dort wurde das Formel-1-Engagement als "Niedrigrisiko-Geschäft" bezeichnet, in dem man mit vergleichsweise geringen Investitionen eine erstklassige Profitabilität und Refinanzierung erreichen könne. "Macht euch keine Illusionen", warnte Bernie Ecclestone gleich nach der Verkündung: "Malone betreibt das nicht als Hobby. Er ist hier, um Geld zu machen." Also in bester Gesellschaft.

Liberty Media, der neue Eigner, hält sein Engagement für ein "Niedrigrisiko-Geschäft"

Die Gardinenpredigt in Singapur wird von Jenson Button gehalten, mit 36 der Senior im Feld. Der Weltmeister von 2008 formuliert, welchen Umschwung er erwartet. Nachdem er auf dem Weg zur Strecke in einem Einkaufszentrum ein paar tausend Menschen mitten in der Nacht hat Pokemon spielen sehen, orientierte er die Verbesserungsvorschläge für seine Branche und die neuen Herren an dem Massenphänomen: "Es kann doch nicht sein, dass es spannender sein soll, einen gelben Punkt zu jagen als ein Formel-1-Rennen zu gucken? Aber unser Publikum ist zu alt, irgendwo zwischen Mitte 30 und Anfang 40. Das neue Management muss mehr junge Leute begeistern." Das von Bernie Ecclestone angedachte Rennen in Las Vegas dürfte indes kaum den Geschmack der Zielgruppe treffen, die nicht nur Button als entscheidend für die Zukunft des Top-Motorsports ausgemacht hat.

Sebastian Vettel glaubt, dass die Fahrer nicht viel davon merken würden, dass die Macht über die Königsklasse jetzt jenseits des Atlantiks liegt: "Als Fahrer will man doch immer, dass die Autos schneller werden." Titelverteidiger Lewis Hamilton findet, dass die Investoren gut daran täten, das Geschäft grundsätzlich so zu lassen: "Aber frisches Blut bringt neue Ideen, das tut immer gut." Dass Ecclestone ob seines Herrschaftswissens zumindest übergangsweise mit am Steuer bleibt, findet im Übrigen Anklang im inneren Zirkel. Auch bei Nico Rosberg: "Man sieht schon am Verkaufspreis, dass das Produkt grundsätzlich gut ist. Aber die Welt verändert sich schnell, deshalb könnte das auch der Beginn einer neuen Ära sein."

Monte Carlo 1979

Die Formel 1 hat neue Besitzer, ihr 85-jähriger Chefvermarkter Bernie Ecclestone (re. mit Niki Lauda) bleibt dennoch Geschäftsführer.

(Foto: Rainer Schlegelmilch/Getty Image)

Das erhofft sich auch Monisha Kaltenborn, die Teamchefin des finanziell genesenen Schweizer Sauber-Rennstalls. Die Juristin hatte bei der EU-Wettbewerbskomission um Klärung der Geld- und Machtverteilung in der Formel 1 gebeten: "Es ist höchste Zeit, dass sich das System ändert." Sich annähernde Gewinnausschüttungen schaffen am ehesten gleiche sportliche Verhältnisse. Vor einem differenzierteren Urteil will sie das erste Gespräch mit Liberty Media abwarten. Die Ankündigung, dass bei einem Börsengang der Formel 1 an die Wall Street - das vielsagende Kürzel FWON hat man sich schon gesichert - auch die Rennställe Aktien erwerben dürfen, könnte auch für Sauber und die neuen schwedischen Eigner interessant sein: "Es hängt allerdings vom Preis ab, und was man dafür bekommt."

Der bisherige Haupteigner CVC Capitals hatte das Tagesgeschäft komplett Bernie Ecclestone überlassen. Dessen alter Freund Max Mosley glaubt, Liberty Media täte gut daran, das so zu belassen. "Wenn man sich in Bernies Geschäfte einmischt, wird es zum Konflikt kommen, und dann wird er gehen", sagt der ehemalige Präsident des Automobilweltverbandes. Für die meisten Formel-1-Beteiligten, die mit der vier Jahrzehnte währenden Autokratie aufgewachsen sind, scheint die entscheidende Frage immer noch die nach der Zukunft des bald 86 Jahre alten Managers zu sein. Wenn man so will, ist auch das eine Art Aufbruchstimmung.