Football:Mit Risiko in Vorleistung

Die bayerischen Erstligisten haben ihre US-Profis nicht nach Hause geschickt - sie hoffen auf den Start nach Pfingsten.

Von C.  Leischwitz

AJ und RJ sind am 3. März in München angekommen, sie kannten sich vorher nicht. "Wir kommen gut miteinander aus", sagen sie. Ein Glück. Immerhin müssen sich der Safety AJ Smith und der Receiver RJ Long jetzt zusammen eine Wohnung teilen, die sie kaum verlassen können. Eigentlich waren sie aus dem USA nach München gekommen, um American Football zu spielen, jetzt spielen sie vor allem Football auf der Konsole. Der Bundesligist Munich Cowboys hat in der Nähe der U-Bahn-Station Maillingerstraße schon seit Jahren eine Wohnung für die so genannten Importspieler angemietet. Selbst Zweit- und Drittligisten greifen regelmäßig auf Profis aus dem Heimatland des Sports zurück, auch wenn die Kosten dafür einen enormen Teil des Gesamtetats ausmachen; sie heben das Niveau eben enorm an. Die "Imports" kommen meist am Ende des Winters an, die Saison beginnt Ende April. Weil zwischen diesen beiden Terminen in diesem Jahr der Ausbruch der Corona-Krise liegt, sind sie zwar de facto arbeitslos. Aber eben auch weiterbezahlte Arbeitslose.

Einerseits ist die Lage ähnlich wie in anderen Sportarten: Jeder hofft, dass irgendwie, irgendwann die Saison noch gespielt werden kann. Geplant ist im Moment, nach Pfingsten zu beginnen. Immerhin war eine Pause während der Fußball-EM vorgesehen, die man jetzt mit Spieltagen auffüllen könnte. Andererseits ist Football, rein logistisch gesehen, so etwas wie der schwere, träge Tanker unter den Randsportarten: Jede Mannschaft hat 50 Spieler oder mehr im Kader, außerdem ein zehnköpfiges Trainerteam, und die Amateurklubs sind extrem abhängig von den Einnahmen an der Stadionkasse und am Kiosk. Um die Saison abzusagen, ist es noch zu früh. Deswegen haben viele auch ihre Amerikaner eben noch nicht nach Hause geschickt, obwohl das eine riskante Vorleistung bedeutet.

Übrigens auch beim zweiten oberbayerischen Team in der German Football League (GFL). Die Ingolstadt Dukes teilen sich ein kleines Häuschen mit dem Eishockey-Klub ERC Ingolstadt, man gibt sich jedes Jahr die Klinke in die Hand. Im Moment wohnen vier US-amerikanische Dukes dort. "Menschliche Gründe, die Jungs hierzubehalten, gibt es auch", sagt Chefcoach Eugen Haaf. Hier bekämen die Amerikaner irgendwann immerhin Kurzarbeitergeld. Wenn sie jetzt zurück in die USA reisen würden, wären sie möglicherweise überhaupt nicht krankenversichert. "Die haben einen großen Garten, denen geht's gut", erzählt Haaf. Immerhin: Den einen oder anderen Spielzug können sie in verminderter Zahl auf grünem Rasen ausprobieren. Ansonsten gilt aktuell für alle Footballspieler: Theorie büffeln. Das Playbook des Teams auswendig lernen also.

Dem deutschen Verband (AFVD) kommt die Krise bei neuen Vermarktungsplänen in die Quere. Seit die NFL im Free-TV gezeigt wird, wird der Sport immer populärer, die Mitgliederzahlen steigen enorm an, nun hat man selbst einen TV-Vertrag abgeschlossen, 16 GFL-Spiele sollten im Fernsehen laufen. Doch noch kann niemand sagen, ob es dazu kommen wird. "Vor Ostern und der seitens der Behörden angekündigten Neubewertung der Lage kann niemand seriös vorhersagen, welches der beste Weg sein wird", heißt es aus der AFVD-Zentrale in Frankfurt auf die Frage, ob man bei einer weiteren Verschiebung des geplanten Trainingsauftakts (zurzeit: 20 April) komplett absagen oder lieber eine verkürzte Saison spielen will. Pläne für Letzteres liegen in der Schublade: Die aus acht Teams bestehende Bundesliga würde dann in zwei Vierergruppen aufgeteilt werden, die Dukes und die Cowboys würden mit Marburg und Schwäbisch Hall eine Mini-Saison ausspielen.

Die Dukes haben bereits eingeplante Zuschauereinnahmen aus einem geplanten Testspiel verloren. Falls die Trainingsplätze am 20. April geschlossen bleiben, plädiert Haaf für ein "Ende mit Schrecken", damit nicht noch mehr Kosten entstehen, die womöglich später niemand mehr bezahlen kann. Der Cowboys-Spieler AJ Smith sagt, in so einem Fall würde er einsehen, dass er Ende April nicht weiterbezahlt wird.

Doch selbst dann könnten Footballvereine in existenzielle Nöte geraten. Aber wie umgehen mit Randsport-Amateuren, die einen Etat von 200 000 Euro und teilweise noch viel mehr aufweisen? Können sie auf staatliche Hilfe hoffen? Ein AFVD-Sprecher sagt, der Verband versuche, "bei der Politik das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Hilfe für Sportvereine jetzt notwendig ist".

© SZ vom 31.03.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB