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Finale der Frauen:Neues Alpha

2019 US Open - Day 13

Größer hätte ihr dritter Turniersieg des Jahres kaum ausfallen können: In ihrem gerade mal vierten Grand-Slam-Turnier durfte Bianca Andreescu schon die glänzendste Trophäe stemmen.

(Foto: Clive Brunskill/AFP)

Bianca Andreescu vermiest Serena Williams die Rekordparty und gewinnt als erste im 21. Jahrhundert geborene Spielerin die US Open. Die Kanadierin lässt sich von der Größe des Moments beflügeln.

Die Geschichte dieses Endspiels zwischen Bianca Andreescu und Serena Williams sollte beim Wrestling beginnen, dieser Show-Sportart, bei der am Ende der Gute gewinnen muss, damit das Volk zufrieden ist. Es gab dort einen Typen, der sich Hulk Hogan nannte, ein Liebling der Massen, bei seinen Kämpfen gab es häufig einen Moment, in dem er in aussichtsloser Lage die Kapitulation verweigerte und das Publikum animierte, nun bitteschön auszurasten. Jeder im Stadion wusste, selbst der Gegner, dass es vorbei war, dass Hogan gewinnen würde. Das war die einstudierte Choreographie.

Es gab am Samstagnachmittag einen vergleichbaren Moment. Serena Williams - die meistdekorierte Tennisspielen der Profi-Ära - hatte im zweiten Satz (den ersten hatte sie 3:6 verloren) nach 1:5-Rückstand und abgewehrtem Matchball zum 5:5 ausgeglichen. Die Lautstärke im Arthur Ashe Stadium war im Flugzeugstart-Bereich, Williams feuerte sich in Hulk-Hogan-Pose an. Vermutlich alle dachten: Dieses Match wird nun kippen.

Wer begreifen will, warum Andreescu dennoch siegte und warum sie weitere Titel gewinnen dürfte, der sollte darauf achten, was sie in diesem Moment tat: Sie ärgerte sich kurz über den letzten Fehler und übte den Schwung der Rückhand, die sie gerade verschlagen hatte. Keine Handtuch-Pause, kein verzweifelter Blick zum Trainer, gar nichts. Sie tat so, als wäre das ein unwichtiger Punkt in einem Zweitrunden-Spiel auf Court 5 gewesen. Sie schnaufte zwei Mal tief durch, ließ sich vom Balljungen zwei Bälle auf den Schläger legen, und dann knallte sie ihren ersten Aufschlag hart und präzise ins Feld. Williams konnte ihn nicht zurückspielen, und schon war es wieder ruhig. Fünf Minuten später war Andreescu die erste Grand-Slam-Siegerin, die in diesem Jahrtausend geboren ist.

Zur Erinnerung: Andreescu ist 19 Jahre alt, es war ihr erstes Grand-Slam-Finale, überhaupt erst ihr viertes Grand-Slam-Turnier. Im vergangenen Jahr war sie in der ersten Runde der Qualifikation gescheitert, zu Beginn dieser Tennissaison lag sie auf Platz 152 der Weltrangliste. Die Choreografie dieses Endspiels war darauf ausgelegt, dass Williams ihren 24. Grand-Slam-Titel gewinnen und endlich den Rekord von Margaret Court einholen würde - selbst Meghan, Herzogin von Sussex, war gekommen, um Williams' offizieller Krönung zur Königin dieses Sports beizuwohnen. Die größte Tennisarena der Welt ist ein gewaltiges, bisweilen einschüchterndes Gebilde, und Williams ist eine gewaltige, bisweilen einschüchternde Gegnerin. Viele Spielerinnen implodieren beim Betreten des Spielfeldes, spätestens aber beim Hulk-Hogan-Moment.

"Sie hat das in ihrer Laufbahn immer wieder getan, ich war also darauf vorbereitet, dass so ein Comeback zu jeder Zeit möglich sein würde. Ich wusste, dass die Leute dann auf ihrer Seite sein würden und dass ich gefasst bleiben muss", sagte Andreescu danach im Tonfall eines Kochs, der behauptet, dass er sich an ein Rezept gehalten habe: "Ich habe mir eingeredet: Spiel einfach den Ball ins Feld und sorge dafür, dass die Ballwechsel lange dauern!"

Andreescu gehört zu einer neuen Generation von Spielerinnen, denen die Größe von Williams nicht viel bedeutet (bei deren ersten US-Open-Triumph vor 20 Jahren war sie noch nicht einmal auf der Welt), die sich von der Größe des Stadions nicht einschüchtern lassen und die die Größe des Moments eher motiviert denn hemmt. Sie wollen gewinnen, um beinahe jeden Preis.

Das ist manchmal grenzwertig. Andreescu zum Beispiel geht nicht auf die Toilette, weil die Natur es verlangt, sondern der Spielstand. Medizinische Auszeiten dienen weniger der Behandlung körperlicher Gebrechen als vielmehr einer Pause fürs lädierte Gemüt. Angelique Kerber, von der man eigentlich nichts über Gegnerinnen hört, blaffte nach einer Niederlage gegen Andreescu im März: "Du bist die größte Drama-Queen der Geschichte!" Als sie darauf angesprochen wurde, präsentierte Andreescu das Lächeln einer Athletin, die weiß, dass sie es in den Kopf der Gegnerin geschafft hat und dort künftig Unruhe stiften kann. Sie sagte: "Nun ja, sie hat zwei Mal nacheinander gegen mich verloren."

Nach gewonnen Punkten ballt sie nicht einfach die Faust oder brüllt den Lieblingsruf aller Spielerinnen ("Come on!"), sie starrt ihre Gegnerinnen an, wie das Boxer vor Kämpfen tun. Sie schlurft zwischen den Ballwechseln nicht über den Platz, es ist der entschlossene Marsch einer Alpha-Sportlerin, der man am Samstag zugetraut hätte, nach dem Sieg gegen Williams auch noch Hulk Hogan erledigen zu können. "Grit" und "Grinding" nennen sie das in New York, also "Biss" und die Fähigkeit, die Gegnerin mit der eigenen Willenskraft mürbe zu machen.

"Jede auf diesem Niveau kann gutes Tennis spielen", sagt sie: "Es ist die Einstellung, die die Besten vom Rest unterscheidet." Sie klingt verdächtig wie Serena Williams, wenn sie das sagt, es ist kein Zufall, dass die Unterlegene noch auf dem Platz erklärte: "Außer meiner Schwester Venus wünsche ich sonst niemandem, dass sie ein Turnier gewinnt - nur Bianca." Williams ist selbst eine mit "Grit", sie kennt dieses Gefühl, alles andere als größtmöglichen Erfolg als Enttäuschung zu sehen, sie erkennt in Andreescu eine ähnliche Sucht nach Siegen: "Ich liebe Bianca, sie spielt mit dieser inneren Anspannung."

Seit Williams' Babypause (nach ihrem Sieg bei den Australian Open 2017) hat es bei elf Grand-Slam-Turnieren neun verschiedene Siegerinnen gegeben. Es heißt, Frauentennis an der Weltspitze sei sehr ausgeglichen, es gebe mindestens 20 Favoritinnen. Das mag stimmen, man könnte auch sagen: Es gibt kaum eine, die diesen "Grit" hat, diese permanente Unzufriedenheit, die zur Selbstkasteiung für größtmöglichen und langfristigen Erfolg führt. Naomi Osaka sagte nach ihrem Sieg bei den Australian Open, dass sie Erfolg nicht über persönliches Glück stellen wolle.

Wer Andreescu bei den US Open beim Training beobachtet hat, der hat gesehen, dass sie dort genau so intensiv auftritt wie später auf dem Platz, und wer sie nun nach ihrem ersten Grand-Slam-Titel erlebt, der sieht eine andere Gewinnerin, als es zum Beispiel Jelena Ostapenko (French Open 2017, mittlerweile Platz 77 der Weltrangliste) oder Garbiñe Muguruza (Wimbledon 2017) gewesen sind. Andreescu scheint nicht zufrieden zu sein, sie sagt, und das hat sich in den vergangenen 20 Jahren niemand getraut: "Ja, ich wollte schon immer wie Serena sein - aber wer weiß? Vielleicht kann ich sogar noch besser sein."