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Fifa: WM-Vergabe:Skrupelloser Jubel in Russland und Katar

Der Fußball-Weltverband vergibt die WM-Turniere 2018 und 2022 - an Russland und das kleine, reiche Katar. Vieles ist daran bizarr. Zum Beispiel, dass der russische Regierungschef Putin demonstrativ nicht angereist war.

Wladimir Putin kam nicht. Der russische Ministerpräsident hatte offenbar genug auszusetzen an dem Gehabe und Geschiebe des Weltfußballverbands Fifa. Einige ihrer Funktionäre waren ertappt worden, wie sie sich korrrupt zeigten.

Qatari fans blow vuvuzelas before the announcement of the hosts for the 2022 World Cup, in Souq Waqif

Jubel in Katar - die Menschen feiern die Vergabe der WM 2022 mit Vuvuzelas.

(Foto: REUTERS)

Also sprach Putin von einem "skrupellosen Wettbewerb" und sah gewisse Bemühungen von Rivalen als Farce - gemeint war damit Team England, das mit diversen Medien-Coups den fragwürdigen Charakter des Prozederes beleuchtet hatte

Am Ende dürfte Putin mit der WM-Kür aber ziemlich zufrieden gewesen sein. Sein Land setzte sich für die Vergabe der Weltmeisterschaft 2018 durch. Für das Turnier danach wurde Katar ausgesucht.

Als alles vorbei war und die Sieger feststanden, lohnte es sich, noch einmal kurz auf den prächtigen Reigen der alten Argumente zurückzublicken. Monatelang waren sie gewogen, ausgetauscht und platziert worden. Aussichtsreichster Anwärter auf den Titel "tollstes Argument" dürfte Bill Clinton gewesen sein, der ehemalige Präsident der USA. Er hatte die Kandidatur seines Landes fürs WM-Turnier 2022 ernsthaft so beworben: "Wir können alle Stadien füllen, weil wir so viele Menschen haben."

Sollte dieses lustige Argument tatsächlich ausschlaggebend gewesen sein bei der Doppelvergabe der WM-Turniere für 2018 und 2022, dann dürfte zumindest die WM 2018 eine logische Wahl sein: In Russland leben auch recht viele Menschen. Putins Reich ist erstmals Veranstalter einer Endrunde und setzte sich gegen England sowie die gemeinsamen Bewerbungen von Spanien/Portugal und Niederlande/Belgien durch.

Die größte Überraschung gelang der Fifa aber mit der Vergabe der 2022 an Katar - den schrägsten Kandidaten. Der Wüstenstaat am Persischen Golf will Spieler und Zuschauer in klimatisierten Stadien unterbringen (in Katar gibt es übrigens nicht so viele Menschen wie in den USA).

Natürlich folgten der feierlichen Bekanntgabe der beiden WM-Ausrichter jene rührenden Bilder, die Fifa-Boss Sepp Blatter so liebt.

Siegreiche Menschen, die sich glücklich in die Arme fallen, und unterlegene Menschen, die den siegreichen Menschen fair gratulieren. Das ist die Art, in der Blatter seinen Sport darstellt, so soll die Welt seine geliebte Fußballfamilie sehen - wie viele Menschen solche Inszenierungen noch glauben, ist nach den turbulenten letzten Tagen aber eine gute Frage.

Druck erhält die Fifa ja längst von Reynald Temarii aus Tahiti, der Mitte November (wie der Kollege Amos Adamu aus Nigeria) suspendiert worden war, weil er auf ein Scheinangebot britischer Medien zum Stimmenkauf angesprungen war.

Temariis Anwältin, die sehr entschlossene Geraldine Lisieur, verlangt inzwischen den schriftlichen Beschluss der Fifa-Ethiker. "Ich kann meinem Klienten nicht empfehlen, eine Strafe zu akzeptieren, für die es gar keinen Beschluss gibt", hatte sie gesagt und eine Schlussfolgerung angehängt, welche die Vorfreude von Russland und Katar etwas dämpfen könnte.

Erfolgt die Zustellung der Beschlüsse zu spät, könnte Temariis Recht auf Anhörung verletzt worden sein. "Das Risiko der Fifa ist, dass ihr Votum unwirksam sein könnte, wenn wir dem juristischen Prozedere folgen und der Sportgerichtshof Cas die Suspendierung aufheben sollte", hatte Lisieur sanft gedroht.

Fürchten muss die Fifa auch, dass die Dame die Frage der Gleichbehandlung zum Thema machen könnte. Anders als Temarii und Adamu hat es im Fall der drei belasteten Topfunktionäre Ricardo Teixeira (Brasilien), Nicolas Léoz (Paraguay) und Issa Hayatou (Kamerun) ja nicht mal eine Pressekonferenz zum Korruptionsthema gegeben, und die Ethikkomission - mithin das einzige Sanktionsintrument der Fifa - tagte keine Sekunde.

Zu allem Überfluss hatte der Sportinformations-Dienst kurz vor der Wahl noch einen Sportrechtler gefunden, der ein juristisches Nachspiel auch aus anderen Gründen für denkbar hält. "In den Fifa-Statuten ist eindeutig festgehalten, dass das Exekutiv-Komitee aus 24 Mitgliedern besteht. Scheidet ein Mitglied aus, muss es unverzüglich ersetzt werden", sagte der Frankfurter Sportrechtler Nicolas Rößler.

Das könne man "so verstehen, dass zumindest 24 Mitglieder eingeladen werden müssen". Nach Temariis und Adamus Suspendierung standen dem Weltverband nur noch 22 Exekutivmitglieder zur Verfügung. Das war die Stimmung, in der das Wahlvölkchen in die Abstimmung zog.

Nach den Debatten der letzten Tage war es kein Wunder, dass auch die letzte Nacht noch einmal aufregend wurde. Die Nacht der langen Messer, die letzten Stunden vor der Vergabe, stand gerüchteweise im Zeichen gesteigerter Werbebemühungen aus Katar.

Aus den Fluren des edlen Dolder-Grand-Hotels in Zürich, wo die anzahlmäßig größte Delegation überhaupt residierte, angeführt von Scheich Hamad bin Kalifa al-Thani und Gattin, drang die Kunde, das Emirat habe acht, neun Stimmen im ersten Wahlgang sicher. Der winzige, aber sehr finanzstarke Ölstaat habe noch einmal kräftig sein Argumentations-Potential hervorgehoben.

Am Ende setzte sich der merkwürdige Kandidat tatsächlich durch - und besonders merkwürdig war, dass eine halbe Stunde vor der Verkündung das Gerücht die Runde machte, der Sender al-Dschasira habe gerade Katar als Sieger verkündet.

© SZ vom 03.12.2010/jja

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