Rummenigge und Fifa Finte aus München

Karl-Heinz Rummenigge.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Wenige Tage nach einem Protestbrief von Europas Top-Klubs äußert sich Bayern-Boss Rummenigge plötzlich positiv zur neuen Klub-WM. Es geht in diesem Fußball-Wirtschaftskrieg längst um Machtfragen.

Kommentar von Thomas Kistner

Integrität, Glaubwürdigkeit: Solche Begriffe haben im Profifußball nichts zu suchen. Trotzdem fragt sich, wie lange es in sensiblen Zeiten zu goutieren ist, wenn Prinzipienlosigkeit offen als Basis der Geschäftspolitik gepflegt wird.

Am Dienstag schickte Europas 232 Mitglieder starke Klubvereinigung ECA einen Brandbrief an Gianni Infantino. Sie rügte das undurchsichtige Gemauschel des Fifa-Potentaten und hielt eindeutig fest, sie werde an keiner neuen Klub-WM teilnehmen, die vor Ablauf des Match-Kalenders 2024 installiert wird. Tage später boxte Infantino sein Format gegen die Uefa durch, dank der üblichen Gefolgschaft aus Zwergstaaten von Guam bis Vanuatu, die kaum Spielbetriebe haben, aber vom üppigen Fifa-Fördergeld leben. Das war klar.

Handeln der FC Bayern und Real Madrid im Einklang mit der ECA

Erstaunlich ist, dass schon am Tag danach der ECA-Ehrenvorsitzende, Karl-Heinz Rummenigge, mit einem Plädoyer für eine neue Klub-WM das eigene Gremium hinterlief. Das entlarvt auch die Geschäftskultur dieser Branche - oder hat der Bayern-Chef vergessen zu erwähnen, dass er nur die Zeit nach 2024 meint?

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Rummenigge nun doch nicht mehr gegen eine neue Klub-WM

Eigentlich haben Europas Top-Klubs mit harschen Worten den Wettbewerb von Fifa-Präsident Infantino kritisiert. Karl-Heinz Rummenigge plädiert nun für gemeinsame Gespräche.

Alles spricht dafür, dass die ECA-Protestnote von Dienstag eine Lüge war; oder diplomatischer: eine Finte im Fußball-Wirtschaftskrieg, um den Gegner in den Hinterhalt zu locken. Der Plan wäre dann aufgegangen. Es sind die Klubs, die nun über Wohl und Wehe von Infantinos Vision befinden. Bleibt die Frage, ob hier ein paar Großklubs - neben Bayern sympathisiert Real Madrid mit Infantinos Plan - in Einklang mit den anderen 230 ECA-Klubs handeln. Oder ob sie die Kollegen nur als Brecheisen benutzen. Dass die Klub-WM nur acht Europäer beträfe, ist ja bekannt.

Und die Uefa? Die sah in der ECA bisher einen verlässlichen Partner und gab in Miami im Namen jener Klubs ein Gegenvotum ab. Auch sie könnte sich nun missbraucht sehen: als Rammbock einiger großer Vereine gegen Infantino.

Dass dieser nicht ein seriöser Sachwalter, sondern eher eine Bedrohung für den Fußball ist, hat die ECA selbst in ihrem Brief dargestellt. Infantino hat in nur drei Jahren das Image der Fifa weiter ramponiert, er hat namhafte Aufpasser abserviert und willfährige berufen. Wofür der Mann steht, offenbart ein stilles Arbeitspapier, das er 2018 mit einer mysteriösen Investorengruppe ausheckte: Es legt den Ausverkauf fast aller Fifa-Rechte fest, als Geschäftsvehikel wurden zwei Turnierformate ersonnen, auch eine neue Klub-WM. Ein Vorwand. Und wer glaubt eigentlich, dass dieses Format ein Renner wird, wenn künftig acht europäische Topklubs ihre Reserve gegen 16 Teams aus aller Welt kicken lassen; Teams, die ja noch schwächer sein dürften als die vier, fünf, die bisher bei jeder Klub-WM vermöbelt wurden?

Die Großklubs wissen: Das kann kein Kassenknüller werden. Sie ahnen aber auch, dass Infantino trotzdem einen Haufen Geld erlösen wird. Im Hintergrund dürften weiter seine Investoren bereit stehen, gruppiert offenbar um den saudischen Kronprinzen. Und mit umstrittenen, solventen Partnern am Golf haben auch Klubs von Madrid bis München kein Problem. War es übrigens damals, nach Katars Kür zum WM-Ausrichter 2022, nicht auch Rummenigge, der erst furchtbar schimpfte - und bald größtes Verständnis für eine Winter-WM aufbrachte?

Den Klubs ist nicht wichtig, woher das Geld kommt

Dass sich seitdem eine gedeihliche, in stattliche Sponsorflüsse gebadete Partnerschaft mit Doha ergeben hat, hat damit sicher nichts zu tun. Als unredlich gilt im Fußball ja oft, logische Schlüsse zu ziehen.

Sollten einige Klubs ausscheren und Infantinos Geldprojekt ermöglichen, wäre klar, dass sich der Patron mit Kalkül in ihre Hände begab. Und dass er weiß, dass den Klubs gar nicht so wichtig ist, woher das Geld kommt und wofür es fließt. Denn die Krisenregion am Golf hat ja andere Probleme zu bewältigen, als sich zur Leitwirtschaft einer Import-Sportart namens Fußball aufzuschwingen. Tut sie es trotzdem, hat sie strategische Gründe: Fußball ist ein politisches Faustpfand. Er ist das größte Unterhaltungsgut des Planeten. Aber vielleicht ja nur noch für ein Weilchen.

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