bedeckt München 16°
vgwortpixel

Ferrari:Schöner wird es nicht mehr

Nach dem ersten Ferrari-Sieg seit mehr als einem Jahr stellt sich die Frage, ob das Team endlich wieder sein Heimrennen gewinnen kann - der Hochgeschwindigkeitskurs von Monza kommt der Scuderia entgegen.

Mittwochnachmittag, die Piazza del Duomo. Im Hintergrund die Basilica cattedrale metropolitana di Santa Maria Nascente, besser bekannt als Dom zu Mailand. Es gibt nur zwei Kirchen auf der Welt, die wuchtiger sind, mehr Fläche nehmen nur der Petersdom im Vatikan und die Kathedrale von Sevilla ein. Vor 633 Jahren begannen die Baumeister mit der gotischen Konstruktion, die imposante Fassade, die nun hinter Sebastian Vettel aufragt, wurde erst Jahrhunderte später vollendet.

Wie es war, im Schatten der Kathedrale? Hmm, sagt der Rennfahrer. Das Erlebnis sei nicht so leicht in Worte zu fassen. Der weitläufige Platz vor dem Dom sei an sich schon "ikonisch", sagt Vettel. Er meint an Tagen, an denen sich dort nicht derart viele Menschen aneinander schmiegen. Aber so wie am Mittwoch? Wie das "Rote Meer" sei ihm die Piazza del Duomo vorgekommen. Mit den hunderten Menschen in roten Gewändern und den roten Käppis. Dazu noch dem riesigen roten Teppich, über den dann rote Oldtimer rollen wie bei einer Parade. Und aus der Luft regnet rotes Konfetti auf das feine Pflaster. Vettel sagt: "Vielleicht sollte ich niemals mehr auf den Domplatz zurückkehren. Er wird nie wieder so schön sein." Vettel lächelt. Er meint das exakt so: Schöner wird es nicht mehr.

90 Jahre Ferrari

Mit fliegender Fahne: Vor dem Mailänder Dom feiern die Ferrari-Fans schon vor dem Heim-Grand-Prix des italienischen Formel-1-Rennstalls.

(Foto: Flavio Lo Scalzo/action press)

633 Jahre Mailänder Dom sind nichts im Vergleich zu 90 Jahren Scuderia Ferrari, das dämmert dem Betrachter dieser roten Sause. Der italienische Automobilklub und der Rennstall haben geladen, um den 16. November 1929 zu feiern. An diesem Tag erbat Enzo Ferrari in Bologna die finanzielle Hilfe der Textilfabrikanten Augusto und Alfredo Caniato, um ein eigenes Rennteam auf die Beine zu stellen. Im stilvollen Rahmen eines ungewöhnlich folgenreichen Abendessens, das 15 Fahrerweltmeisterschaften und 16 Konstrukteurstitel für die Scuderia nach sich zog. Die der Nachwelt verbliebenen Protagonisten hinter diesen Zahlen haben sie selbstverständlich am Mittwoch alle auf die Bühne geschoben: die Rennfahrer Ivan Capelli, Eddie Irvine, Arturo Merzario, Alain Prost und Jean Alesi, der einstige Präsident Luca di Montezemolo sowie die Teamchefs Jean Todt, Stefano Domenicali und Mattia Binotto. Auch Mick Schumacher und seine Kollegen aus der Nachwuchsakademie der Scuderia sind da, denen die Zukunft gehören soll. "Schumi!", "Schumi!", "Schumi!", skandieren die Tifosi tatsächlich vor der Kathedrale, die der später heiliggesprochene Erzbischof Carlo Borromeo 1572 weihte. Aber gekommen sind die Italiener vor allem, um die Männer der Gegenwart zu erleben: Vettel und seinen Teamkollegen Charles Leclerc, der sich am Sonntag einen speziellen Platz in der Firmenchronik gesichert hat, als er bei seinem Triumph in Spa-Francorchamps im Alter von 21 Jahren und 320 Tagen Jacky Ickx als jüngsten Sieger im Ferrari abgelöst hatte.

Ein ganzes Jahr lang, seit Vettels erstem Platz in Spa 2018, hatte zuvor kein rotes Auto mehr ein Rennen in der Formel 1 gewonnen. Deshalb entsenden die Menschen auf dem Domplatz eine unausgesprochene Forderung zu den Fahrern auf der Bühne: Einer von ihnen, egal ob Vettel oder Leclerc, soll an diesem Sonntag endlich wieder das Heimrennen der Scuderia im Königlichen Park von Monza gewinnen! 2010 durfte sich zuletzt der Ferrari-Pilot Fernando Alonso von seinen Alonsistas genannten Fans in Monza huldigen lassen. Neun verdammte Jahre! Auch die tiefgründige Liebe der Tifosi zu la macchina aus Maranello stößt irgendwann an ihre Grenzen.

Db Milano 04 09 2019 90 Anni di Emozioni foto Daniele Buffa Image nella foto Charles Leclerc

„Für das Team ist es wichtig, dass wir zusammenarbeiten und nicht gegeneinander“: Sebastian Vettel (l.) über sein Verhältnis zu Charles Leclerc.

(Foto: imago i)

Die Chancen der Scuderia am Sonntag sind nicht schlecht. Die Strecke in Norditalien ist noch mehr als jene in Spa auf Hochgeschwindigkeiten ausgelegt. Der Vollgasanteil im Autodromo Nazionale liegt bei 84 Prozent. Es gibt vier lange Geraden, drei Schikanen, von denen eine rasant zu nehmen ist, dazu zwei schnelle Rechtskurven und die ruhmreiche Parabolica am Ende einer Runde. 40 PS mehr als die Silberpfeile haben die Ferraris unter den Hauben. In Spa habe er auf den Geraden eine Sekunde verloren auf die Ferraris, rechnete Hamilton vor. Am Freitag war Leclerc auch in Monza in beiden Trainings schneller als er. Nach diesem Rennen zieht die Formel 1 auf die Asientour, auf der Vettel in den vergangenen zwei Jahren den Kampf um die Weltmeisterschaft verloren hatte. In diesem Jahr ist der Titel kaum noch zu greifen, schon bevor die Fahrer Europa verlassen; in der Gesamtwertung ist Vettel Vierter bei 99 Punkten Rückstand auf Hamilton, Leclerc Fünfter (111 Punkte)

. Schöner als in Monza wird es dieses Jahr wohl wirklich nicht mehr für Ferrari. Natürlich ist Vettel gefragt worden, ob sich Leclercs Erfolg in Spa, der ja das Resultat einer Teamleistung war, in Monza wiederholen ließe. Er hat darauf mit einem für ihn eher untypischen Wortwitz geantwortet: "I've got balls. But none of them is crystal", sagte Vettel - womit er offenbar zum Ausdruck bringen wollte, dass er zwar ein mutiger Rennfahrer sei, allerdings nicht über die Begabung respektive technische Ausrüstung eines Wahrsagers verfüge. Angesichts seiner mangelhaften Prognosefähigkeit erübrigte sich auch die Nachfrage, ob er befürchte, dass ihm sein elf Jahre jüngerer Teamkollege ausgerechnet beim Gran Premio d'Italia den Status als Nummer eins abluchsen könnte. Sofern es diesen Status überhaupt gibt bei Ferrari - was zumindest der ehemalige Präsident di Montezemolo auf der Piazza del Duomo in wohl überlegten Worten verneinte, um die Harmonie im Team zu fördern: Vettel sei "nicht die Nummer zwei, sondern die Nummer eins und Leclerc ist auf dem Weg dazu, ein Nummer-eins-Fahrer zu werden. Und es ist gut, zwei Nummer-eins-Piloten zu haben."

Die Sieger von Monza seit 2002

2002 Rubens Barrichello (Ferrari)

2003 Michael Schumacher (Ferrari)

2004 Rubens Barrichello (Ferrari)

2005 Juan P. Montoya (McLaren-Mercedes)

2006 Michael Schumacher (Ferrari)

2007 Fernando Alonso (McLaren-Mercedes)

2008 Sebastian Vettel (Toro Rosso-Ferrari)

2009 Rubens Barrichello (Brawn-Mercedes)

2010 Fernando Alonso (Ferrari)

2011 Sebastian Vettel (Red Bull-Renault)

2012 Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes)

2013 Sebastian Vettel (Red Bull-Renault)

2014 Lewis Hamilton (Mercedes)

2015 Lewis Hamilton (Mercedes)

2016 Nico Rosberg (Mercedes)

2017 Lewis Hamilton (Mercedes)

2018 Lewis Hamilton (Mercedes)

In Spa hatte Vettel den Sieg Leclercs überhaupt erst ermöglicht, indem er Hamilton ein paar Runden lang aufhielt. Vor genau einem Jahr, bei der letzten Ausfahrt in Monza, war es Vettel zum Verhängnis geworden, dass sich die Scuderia nicht auf ihn als Nummer eins festgelegt hatte. In der Qualifikation musste Vettel seinem Teamkollegen, der damals noch Kimi Räikkönen war, in der schnellsten Runde Windschatten geben - dieser ist in Monza entscheidend. Nur weil Räikkönen von der Pole Position losrollen durfte, konnte Hamilton Vettel in der ersten Runde in ein Duell verwickeln, nach dem er sich drehte und ausschied. Ferraris damaliger Teamchef Maurizio Arrivabene musste sich rechtfertigen und brummte, er beschäftige Rennfahrer und keine Butler. Toto Wolff, der Teamchef von Mercedes, sagte vor der Saison im SZ-Interview, ihm komme es so vor, als sei Ferraris Niederlage in Monza jene gewesen, "die sie gebrochen hat".

Am Donnerstag sitzen Vettel und Leclerc gemeinsam in der offiziellen Pressekonferenz vor dem Rennen. Sie nutzen die große Bühne, um der Welt die Botschaft zu übermitteln, dass sie sich inzwischen irre lieb gewonnen haben. "Für das Team ist es wichtig, dass wir zusammenarbeiten und nicht gegeneinander", sagt Vettel. Leclerc stimmt ihm zu: Sie hätten beide inzwischen den richtigen Kompromiss gefunden zwischen Wettkampf und Zusammenarbeit. Er sagt aber auch: "Jedes Mal, wenn ich mich ins Auto setze, will ich ihn genauso gerne besiegen wie er mich."

© SZ vom 07.09.2019
Zur SZ-Startseite