EM 2008: Doping:Einfach überrollt

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Die Uefa rühmt sich damit, bei der Europameisterschaft ein umfassendes Anti-Doping-Programm zu betreiben. Das stimmt - weil davor überhaupt keines existierte.

Thomas Kistner

Seit dem Turnierstart bejubelt sich die Uefa auf ihrer Internetseite: Ein "beispielloses" Antidoping-Programm sei in Betrieb, mit Blut- und Urintests und allen Schikanen, inklusive der Fahndung nach Epo, weil das ja nun dank der Bluttests möglich sei. Beispiellos ist der Vortrag in zwei Punkten: Zu bejubeln gibt's den ersten Versuch, im Fußball Abschreckung für Dopingsünder zu simulieren, und beispiellos ist die Darstellung der eigenen Dopingbekämpfung.

EM 2008: Doping: Nach wie vor sind viele im der Auffassung, dass Doping im Fußball wirkungslos ist.

Nach wie vor sind viele im der Auffassung, dass Doping im Fußball wirkungslos ist.

(Foto: Foto: AP)

Denn Epo-Tests werden nicht anhand von Blut-, sondern von Urinproben durchgeführt, dieses Verfahren hätten die famosen Uefa-Experten längst installieren können, sogar schon für die EM 2004, die ja vom technisch schwächsten, aber deutlich kraftvollsten Team gewonnen wurde. Zudem ist es so, dass viele der im Spitzensport gebräuchlichen Epo-Variationen gar nicht nachweisbar sind, dies bestätigt das für die EM beauftragte Labor in Wien. Und es bestätigt weiter, dass es für andere beliebte Stoffe wie Insulin noch kein valides Testverfahren gibt.

Nie ernsthaft Dopingfahndung betrieben

So wird Pharmabetrug im Fußball nach wie vor nicht als realer Teil der modernen Berufsathletik erkannt, sondern als Image-Problem, das sich mit flotten Erklärungen übertünchen lässt. Die größte Antidoping-Offensive bei der EM? Gewiss, aber gemessen daran, dass im Fußball zuvor nie ernsthaft Dopingfahndung betrieben wurde. Denn Fußball - reich, unabhängig, politisch protektioniert - konnte sich stets jeder ernsthaften Betrugsbekämpfung entziehen; sein dummes, über Jahrzehnte propagiertes Mantra, dass "Doping im Fußball nichts bringt", lebt weiter.

Als gebe es weder die vielen Bekenntnisse noch die Programme, die Juventus Turin oder Marseille gepflegt haben und wohl auch spanische Topklubs. Dort brachen die Ermittlungen um den Doping- (und Fußball-)Arzt Fuentes geräuschlos ab, als sie die königliche Kickerbranche erreichten.

Dabei ist klar, dass in einem Hochgeschwindigkeitssport mit so multipler Muskel- und Sauerstoffbelastung der größte Ballkünstler einpacken kann, wenn er nicht die erforderliche Athletik hat. Wie diese erreicht wird in der Trainingsarbeit, ist das eine - auffällig aber in jedem Fall, wenn plötzlich Nobodys aufkreuzen, die mal eben die Elite kräftemäßig überrollen. Das ist unüblich, in der Spitzenathletik samt zugehöriger Wissenschaft wird um winzige Energievorteile gerungen.

Wenn also wieder ein Team des Guus Hiddink exorbitante Brennwerte vorführt, darf schon mal gefragt werden, warum pfiffige Verbände nicht all ihren sündteuren Kompetenzteams abschwören und sich den fliegenden Holländer einfangen. Wer es schafft, Australier, Südkoreaner und die lange zweitklassigen Russen im Sprinttempo auf die Weltbühne zu hieven - was vermag der erst mit taktisch reiferen Franzosen, Italienern oder Deutschen anzustellen?

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