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Eisschnelllauf:Kein Witz

Vorläufiger Chef: Matthias Große.

(Foto: Michael Hundt/imago)

Die überraschende Entlassung ihres Bundestrainers Erik Bouwman durch den neuen Verbandschef macht die deutschen Eisschnellläufer fassungslos.

Von Barbara Klimke

In Inzell unter dem Dach der Arena wird zum Wochenende die 400-Meter-Bahn vereist. Auf diesem "Sommereis", wie die Eisschnellläufer sagen, können sie nun wieder ihren Antritt auf Kufen testen. Denn jetzt, Anfang Juli, haben die Besten bereits zwei Monate Trockentraining in den Beinen. Umso heftiger trifft sie eine Blitznachricht, die sie gerade aus Berlin erreichte: "Die Sportler", so berichtet Moritz Geisreiter, der Athletensprecher im Verband DESG, "sind fassungslos."

Der neue, kommissarisch eingesetzte Präsident der DESG, Matthias Große, 52, ein Geschäftsmann und der Lebenspartner der fünfmaligen Olympiasiegerin Claudia Pechstein, 48, hat in einer seiner ersten Amtshandlungen dem Bundestrainer, Erik Bouwman, gekündigt. Zum 31. Juli, mitten in der Saisonvorbereitung. Bouwman, dessen Vertrag bis Jahresende lief, prüft rechtliche Schritte, wie er am Freitag am Telefon erklärte. Als Verantwortlicher für den Mehrkampf hat er bislang fast alle Mittel- und Langstreckler der Nationalmannschaft direkt oder in Kooperation mit deren Heimtrainern betreut. Und er ist beliebt, wie Geisreiter sagt, bei dem sich nach Bekanntwerden der Ausbootung konsternierte Athleten meldeten: Bei den Sportlern genieße Bouwman, 47, großen Rückhalt. "Sie hätten gern weiter mit ihm trainiert. Die einzigen, die sich an ihm stoßen, sind meines Wissens Matthias Große und Claudia Pechstein."

In der Tat hatte Pechsteins bizarre Fehde mit dem holländischen Coach einerseits und mit dem DESG-Sportdirektor, Matthias Kulik, andererseits den gesamten Eisschnelllauf-Winter medial begleitet. Im Zuge der Eskalation (Bouwman: "Sie trägt eine Maske mit einer boshaften doppelten Agenda") nannte der Bundestrainer auch die Kandidatur ihres Lebenspartners für den damals vakanten Präsidentenposten einen "Witz". Am Freitag teilte Große mit, "das Ansehen des Verbandes" habe durch diese öffentlichen Aussagen "extrem gelitten". Bei der Bekanntgabe der Kündigung tags zuvor in Berlin hatte er zudem kaum Zweifel daran gelassen, dass es um die Begleichung persönlicher Rechnungen ging. "Ein Bundestrainer, der die Bewerbung um das höchste Amt der DESG als einen Witz bezeichnet", so argumentierte der neue Mann an der Verbandsspitze, "gehört nicht in dieses Amt."

Leidtragende sind die Sportler, die darauf bauten, noch bis zu den Winterspielen mit Bouwman arbeiten zu können und die nun stark verunsichert seien, wie Geisreiter erläutert. Denn die Zeit bis Peking 2022 wird knapp: "Jetzt den Stecker zu ziehen", bedeute, dass den Athleten nur eine Saison bleibe, "um mit einem neuen Trainer ein neues Konzept zu finden, das dann nicht mehr korrigiert werden kann". Dies sei eine belastende Situation.

Dabei hatte Große noch vor einer Woche Mitgliedern und Freunden der DESG in einem vierseitigen Offenen Brief eine Ära der "Transparenz und Mitsprache"angekündigt, in der die Belange der Athleten über allem stünden. Auch Geisreiter, der nicht zu den Befürwortern der Kandidatur gehörte, fand, dass der neue kommissarische Verbandschef eine Chance verdiene, diese Ziele umzusetzen, die er aber nun durch das Feuern des Bundestrainers zum erstbesten Zeitpunkt verspiele: "Die Sportler wurden nicht beteiligt an der Entscheidung, im Gegenteil. Offensichtlich hat Große einen finalen Racheakt ausgetragen, indem er Erik Bouwman rauswirft."

Diese Einschätzung wird geteilt von anderen Beobachtern der Entwicklung in einem der kleinsten deutschen Sportverbände mit nur rund 2900 Mitgliedern in 31 Vereinen, der öffentliche Mittel bezieht. Auch Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages, glaubt, "sportfachliche Gründe haben vermutlich eine eher untergeordnete Rolle gespielt". Grundsätzlich, so erklärte Freitag der SZ, lägen Personalentscheidungen, auch über das Leistungssportpersonal, in der Entscheidungshoheit der Spitzenverbände. "Dass aber das Verhalten von Herrn Große als auch der Athletin Pechstein, Lebensgefährtin des Herrn Große, zu erheblichen Problemen mit Herrn Bouwman geführt haben, ist ja nun niemandem verborgen geblieben. Schließlich fanden die Dispute vor den Augen der staunenden und wohl auch gelegentlich fassungslosen Öffentlichkeit statt." Sie sei sicher, dass viele Athletinnen und Athleten "sowie das Bundesinnenministerium die Vorgänge in der DESG aufmerksam verfolgen werden".

Von der Parlamentarierin Dagmar Freitag (SPD), die sich vor einigen Jahren über das Auftreten Großes beschwerte und nach dessen Anrufen das Sicherheitspersonal im Bundestag verständigte, hat der DESG-Chef auf seiner ersten Pressekonferenz eine Entschuldigung für ihr damaliges "Verhalten im Fall Claudia Pechstein" verlangt. Er werde "von einer Fraktion in den Bundestag eingeladen werden und diese Entschuldigung einfordern", sagte er.

Dazu teilt Dagmar Freitag mit: "Nach wie vor hat keine Fraktion beantragt, Herrn Große in den Sportausschuss einzuladen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, werde ich selbstverständlich entsprechende Sicherheitsvorkehrungen bei der Polizei des Deutschen Bundestages anfordern. Schließlich muss ich einen ordnungsgemäßen Ablauf der Sitzung und die Sicherheit aller Anwesenden gewährleisten. Darüber hinaus bin ich dann bereit, Herrn Große die Abläufe von Ausschusssitzungen sowie die Aufgaben von Sachverständigen zu erläutern." Abgesehen davon sehe sie nicht den geringsten Anlass für eine Entschuldigung.

© SZ vom 05.07.2020

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