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Doping:"Viagra ist nicht dopingrelevant"

Wilhelm Schänzer, ein anerkannter Dopingforscher, äußert sich zum Fall des italienischen Radprofis Andrea Moletta - und die möglichen Auswirkungen des Potenzmittels Viagra im Leistungssport.

Thomas Hahn

SZ: Herr Professor Schänzer, das Radsportteam Gerolsteiner hat seinen italienischen Profi Andrea Moletta bis auf weiteres freigestellt, weil sein Vater in einem Auto saß, in dem Zielfahnder 82 Packungen des Potenzmittels Viagra fanden...

Prof. Dr. Wilhelm Schänzer ist Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

(Foto: Foto: AP)

Schänzer: Viagra ist nicht dopingrelevant.

SZ: Ach.

Schänzer: Der Wirkstoff von Viagra steht nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen. Ich weiß jetzt gar nicht, welcher Wirkstoff das ist. Wissen Sie's?

SZ: Nein. Äh. Wirklich nicht.

Schänzer: Augenblick, ich schau mal. (Er schaut mal.) Sildenafil. Genau. Das ist der Wirkstoffname. Sildenafil. Das ist ein Wirkstoff, der auf keine der verbotenen Wirkstoffgruppen passt.

SZ: Das heißt, das darf ein Sportler beliebig einschmeißen?

Schänzer: Dazu ist nicht mal eine therapeutische Ausnahmegenehmigung notwendig. Das wäre kein Dopingverstoß. Es ist aber ein Medikament, das rezeptpflichtig ist und sollte nur nach Anweisungen eines Arztes angewendet werden. Eine Anwendung im Sport wäre dann ein Medikamentenmissbrauch; weil es ja nicht für das entsprechende Krankheitsbild eingesetzt wird.

SZ: Man denkt bei Viagra natürlich immer nur an das eine ...

Schänzer: Ja.

SZ: Aber das ist doch eine Form der Leistungssteigerung.

Schänzer: Klar, bei einem Potenzmittel denkt man automatisch, dass es auch sportliche Leistungen steigern könnte. Das scheint nicht der Fall zu sein. Zumindest gibt es bisher keine ausreichenden Daten, um es als Dopingsubstanz zu klassifizieren. Das Mittel kommt im benannten Sinne bei erektiler Dysfunktion ...

SZ: ... schön gesagt...

Schänzer: ... zum Einsatz. Zumindest ist es bisher nicht als dopingrelevant problematisiert worden. Wir haben sicherlich über eine mögliche Dopingrelevanz gesprochen, als Viagra auf den Markt kam. Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hat aber die Anwendung von Viagra bisher nicht als Dopingproblem angesehen. Es ist ja auch die Frage: In welchem Ausmaß wird das überhaupt eingesetzt? Hat der Einsatz zugenommen? Die Daten haben bisher anscheinend nicht darauf hingewiesen, dass Viagra im Sport ein Problem darstellt.

SZ: Viagra ist ja auch nicht nur ein Potenzmittel, sondern ein Medikament zur Gefäßerweiterung bei Kreislaufkrankheiten, das manche Mediziner in der richtigen Dosierung sehr gerne verschreiben.

Schänzer: Die Frage ist: Wo überall findet die Gefäßerweiterung durch Viagra statt? Und: Kann eine Gefäßerweiterung generell zur Leistungsförderung führen? Im Grunde ist es ja bei Belastung so: Die Gefäße in der beanspruchten Muskulatur erweitern sich, während sich die Gefäße in anderen Organen verengen. Das ist ein ganz normaler Anpassungsprozess, damit das Blut nicht überflüssig in Bereiche gebracht wird, die für die Belastung nicht notwendig sind. Die Blutversorgung der Muskulatur, in der die Energie gebraucht wird, wäre ja nicht effektiv, wenn zu viele andere Bereiche besser durchblutet würden.

SZ: Viagra könnte also sogar kontraproduktiv sein?

Schänzer: Weiß ich nicht. Es gibt aber Untersuchungen, die auf eine verbesserte Durchblutung der Lunge, also des Atemsystems, hinweisen und damit einen positiven Effekt für den Sauerstofftransport diskutieren.

SZ: Wie entscheidet man, ob ein Medikament, das bisher nicht auf der Dopingliste stand, dopingrelevant ist oder nicht?

Schänzer: Es geht um drei Entscheidungen. Erstmal sollte man überlegen: Ist das Medikament leistungsfördernd oder nicht? Wird es im Sport tatsächlich zunehmend zur Leistungsoptimierung eingesetzt? Zweitens: Ist es gesundheitsschädigend? Ein rezeptpflichtiges Medikament wie Viagra hat Nebenwirkungen - die müsste man genau abwägen und einstufen. Drittens: Man muss das Medikament aus sportethischen Gründen betrachten. Zwei dieser Kriterien sollten schon zutreffen, bevor ein Medikament - besser sollte man sagen: dessen Wirkstoff - zum Dopingmittel erklärt wird. Also Viagra müsste wirklich erkennbar leistungsfördernd sein.

SZ: Sie meinen leistungsfördernd im Sport. Denn es ist ja leistungsfördernd im ... Sie wissen schon.

Schänzer: Klar.

SZ: In dem beanstandeten Auto, in dem der Vater des Gerolsteiner-Profis Moletta saß, waren 82 Packungen Viagra. 82! Da muss es einer schon sehr nötig haben, oder?

Schänzer: Es kann ja tatsächlich dafür bestimmt sein, es an Sportler abzugeben. Weil die Herren denken, was potenter macht, muss auch im Sport gut sein. Das kann man nicht ausschließen. Ich denke, das muss man abklären. Es ist ein interessantes Thema.

© SZ vom 24.05.2008/mb
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