Doping-Affäre in der Leichtathletik Auf der Straße des Umschwungs

Obwohl der Weltverband die russischen Leichtathleten auf unbestimmte Zeit verbannt, dürfen sie auf einen Start bei den Olympischen Spielen 2016 hoffen.

Von Johannes Knuth

Der Mittelstreckenläufer Sebastian Coe war ein Ästhet. Coe schob sich elegant und scheinbar mühelos über die Bahn, er gewann nebenbei zwei olympische Goldmedaillen, "Poesie in Bewegung" sei das, schwärmte die Daily Mail einmal. Auch in seinem zweiten Leben schwebte der Sportpolitiker Coe dem Erfolg scheinbar mühelos entgegen, er beherrscht das Spiel mit Worten genau wie das Spiel mit dem Tempo. Vor knapp drei Monaten wurde der 59-Jährige zum Präsidenten des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF gewählt. Doch die Leichtigkeit ist seitdem verflogen. Coe stolperte und schwankte. Und als er am Wochenende in die Nacht von London schritt und verkündete, dass man Russlands Leichtathleten aus der IAAF-Familie verstoßen habe, da wirkte er müde, getroffen. Wie einer, der gerade an seiner Aufgabe scheitert.

IOC-Präsident Thomas Bach hat für Russland bereits einen Fahrplan nach Rio entworfen

Irgendwann in den vergangenen Monaten muss der ewige Gewinner Coe ein paar Warnlampen übersehen haben, warum auch immer. Kurz vor seiner Wahl berichtete die ARD über systemischen Betrug in seinem Sport - Coe erklärte den Journalisten den Krieg. Dabei saßen die schlimmsten Verbrecher in der IAAF selbst; im Hintergrund leiteten die Staatsanwälte Ermittlungen gegen Coes Vorgänger Lamine Diack ein, wegen Korruption und Geldwäsche. Als die erste Kunde über den Bericht einer unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) durch die Szene schwirrte, über Manipulationen in Russlands Leichtathletik also, da teilte Coe mit: Er befürworte den Dialog, er sei gegen eine Sperre. Kurz darauf empfahl die Kommission, den russischen Verband (Araf) zu verbannen, wegen einer tief- wurzelnden, staatlich protegierten Dopingkultur. Am Freitag verhängten Coe und sein Council dann doch eine Sperre gegen den russischen Verband - die wohl aber gar keine richtige Sperre ist.

In der Verbannung: Stabhochsprung-Weltrekordhalterin Jelena Issinbajewa.

(Foto: Phil Noble/Reuters)

Russlands Leichtathleten dürfen sich ab sofort keinen internationalen Wettkämpfen nähern, so lautet der provisorische, unbefristete Spruch der IAAF. Sie will den Verband erst resozialisieren, wenn er einen Katalog von Maßnahmen abgearbeitet hat. Bis zu den Olympischen Spielen 2016 dürfte das kaum zu schaffen sein. Die Mängelliste ist fast so lang wie eine Doktorarbeit, die Wada hatte in ihrem Bericht 42 Empfehlungen ausgesprochen und vier, teils hoch korrupte Institutionen identifiziert: das Anti-Doping-Labor in Moskau, den nationalen Verband, die nationale Anti-Doping-Agentur Rusada, das Sportministerium. Witalij Mutko, der dem Ministerium vorsteht, gibt sich nun trotzdem gelassen. Entrümpeln, säubern, renovieren, das könne man in zwei, drei Monaten schaffen, glaubt er. Dass die IAAF ihren Bann erst nach den Spielen heben werde, "diesen einen Verlauf schließe ich aus", sagte Mutko der ARD. Man werde alle betroffenen Trainer, Athleten und Funktionäre bestrafen, entlassen oder beides, beaufsichtigt von einem IAAF-Gremium. Eine neue Führungsrolle könnte Stabhochsprung-Weltrekordhalterin Jelena Issinbajewa zukommen. Im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) traut man den Russen diese Selbstreinigung offenbar zu. Präsident Thomas Bach hatte, keine 24 Stunden nach Coes Bannspruch, einen "Fahrplan" für Russland ausgearbeitet, Endstation: Rio, Olympia. "Wir sind zuversichtlich, dass die Initiativen des russischen Olympischen Komitees, unterstützt von Wada und IAAF, sauberen russischen Athleten den Start bei den Olympischen Spielen ermöglichen", teilte Bach mit. Coe reichte am Sonntag nach: "Auf der Straße des Umschwungs könnte es schneller vorangehen als manche glauben." Wobei Russlands Resozialisierung längst vom Geruch von Absprachen umweht wird.

Wladimir Putin, Russlands Staatschef und enger Verbündeter Bachs, ölt die globale Sportmaschine seit längerem, mit Geld und Einfluss. Mehr noch: "Wenn die Russen eines über den internationalen Sport wissen, dann, wo andere ihre Leichen versteckt haben", schrieb der Guardian. Sportminister Mutko stieß die Tür zu seinem Giftschrank dann tatsächlich ein wenig auf, er behauptete, die IAAF habe seit 2008 gleich 155 positive Dopingtests verheimlicht, nur 15 von russischen Athleten. Wie glaubwürdig das ist, lässt sich kaum überprüfen, wie auch jene Hinweise, die russische Medien streuen. Zum Beispiel, dass Großbritanniens Ausdauer-Ass Mo Farah vier Dopingtests gegen ein Schutzgeld verschwinden ließ. Fakt ist, dass kaum Kritik aus manch einflussreichen Landesverbänden dringt, ähnlich wie bei der Ouvertüre des Fifa-Skandals, als die Europäer schwiegen. Und in der Leichtathletik? Viele Netze im Anti-Doping-Kampf sind löchrig, vor allem in Kenia und Jamaika, den fleißigsten Medaillenimporteuren. Die Sunday Times berichtete nun, drei kenianische Funktionäre, darunter Verbandspräsident Isaiah Kiplagat, hätten 700 000 Dollar an Sponsorengeldern auf Privatkonten umgeleitet. Absender soll Nike gewesen sein. Jene Firma übrigens, die IAAF-Präsident Coe ein sechsstelliges Beraterhonorar überweist.

Stehen eng zusammen: Russlands Präsident Wladimir Putin (re.) und IOC-Chef Thomas Bach.

(Foto: David Goldmann/AFP)

Coe, jahrelang die Nummer zwei im Leichtathletik-Staat, gibt sich derzeit entsetzt darüber, wie zerfressen sein Sport von Korruption sein soll. Die britischen Medien nehmen ihm das aber nicht so recht ab. Manche halten ihn bereits für "unhaltbar", er sei ein Michel Platini der Leichtathletik, der sich als Reformer verkaufe, aber in der alten Schule gelernt habe. In jedem Fall segelt Coe noch stürmischeren Zeiten entgegen. Ein zweiter Bericht der Wada-Kommission soll demnächst die IAAF treffen. Was die Frage aufwirft: Wenn die Kommission Russlands Suspendierung empfahl, wie verhält es sich dann mit der IAAF und seiner Mitgliedschaft im IOC?