bedeckt München 22°

Davis-Cup-Erinnerungen:Das große Drama von 1995

Beim Davis-Cup-Halbfinale in Moskau schließt sich ein Kreis: Vor 12 Jahren trafen Russland und Deutschland schon einmal aufeinander. Nach einem dramatischen letzten Match endete die Begegnung damals mit Tränen.

Michael Stich schluchzte hemmungslos auf seinem Stuhl, die Ellbogen auf die Knie gestützt, das Gesicht in den Händen vergraben. Da näherte sich von hinten mit Grabesmiene Boris Becker. Behutsam legte er ein Handtuch über den Kopf von Stich, um ihn vor den Kameras zu schützen. So endete am Abend des 24. September 1995 in der Moskauer Olympiahalle eine historische Mission. Wenn am morgigen Freitag Tommy Haas und sein Team in derselben Halle das Davis-Cup-Halbfinale gegen Russland eröffnen, das erste eines deutschen Teams seit damals, schließt sich ein Kreis, und vielleicht löst sich nach zwölf Jahren auch ein Fluch. Das deutsche Tennis, so erscheint es im Rückblick, arbeitet sich bis zum heutigen Tag an seiner allzu großspurigen Vergangenheit ab.

Michael Stich, Davis-Cup

Boris Becker musste seinen Teamkollegen Michael Stich nach dessen Niederlage trösten.

(Foto: Foto: dpa)

Bevor in Moskau die großen Gefühle ins Spiel kamen, ging es ja vor allem um Geld. Mehr als zehn Millionen Mark, hatte der Tennis-Bund errechnet, würde er mit einem Finale gegen die USA erlösen. In Stuttgart oder Dortmund sollte das Spektakel über die Bühne gegen: Becker und Stich, erstmals Seite an Seite, gegen Andre Agassi und Pete Sampras. Würde es je wieder gelingen, solche Giganten zu vereinen? Man fieberte einem Jahrhundert-Ereignis entgegen. Der DTB hatte mit Becker einen der berüchtigten Kooperationsverträge geschlossen: 2,6 Millionen Mark jährlich bis 1997 nur für die prinzipielle Bereitschaft, Davis Cup zu spielen. Stich, der zuvor einen Vertrag über 1,5 Millionen Mark ausgehandelt hatte, setzte eine Angleichung durch, schließlich verfügte der Verband über scheinbar unerschöpfliche Millionen aus dem Fernsehvertrag mit Rechteverwerter ufa. Und es galt, Deutschland als Großmacht zu positionieren.

Nachdem Stich die Gehaltserhöhung durchgeboxt hatte, machte das Wort ,"Abzocker'" die Runde, er konterte beleidigt: "Irgendwer dreht die Dinge immer so, dass ich der Depp bin." Bis Stich tatsächlich zum Deppen der Mission wurde, ging alles unverhofft glatt. Das Team von Kapitän Niki Pilic kämpfte sich über Kroatien und die Niederlande ins Halbfinale, wobei Stich und Becker zu verblüffender Harmonie fanden. Beim 3:2 in den Niederlanden holte Stich den ersten Punkt, das Doppel Becker/Stich den zweiten und Becker den dritten. Als sie zum Halbfinale in Moskau eingetroffen waren, erklärte Stich, er habe schon die Amis im Hinterkopf. Und nach dem ersten Tag führten die Deutschen tatsächlich 2:0, trotz absurder Bedingungen.

Vier Tage lang hatten Becker und Stich auf einem knochentrockenen Sandplatz Aufschlag und Volley geübt - und fanden am Freitag dann eine Seenplatte vor. Derart war der Sand über Nacht gewässert worden, dass sich der Spielbeginn um eine Stunde verzögerte. Auf Anweisung des Schiedsrichters versuchte ein Hallenarbeiter, den Platz mit einem Handfön zu trocknen, Korn für Korn. Boris Becker sagte, man fühle sich "wie beim Joggen am Strand". Dennoch hielt er vor zehntausend Zuschauern Andrej Tschesnokow in vier Sätzen souverän in Schach. Noch verblüffender wirkte, wie Stich den aufstrebenden Jewgeni Kafelnikow, Kampfname "Kalaschnikow", in vier Sätzen demontierte. Doch die Deutschen, beide schon 28 Jahre alt und mit jeder Menge großer Schlachten in den Knochen, hatten Kraft gelassen. Und sie ließen noch mehr Kraft tags darauf im Doppel gegen Jewgeni Kafelnikow und Andrej Olchowski. Becker und Stich wehrten im vierten Satz sogar vier Matchbälle, ehe sie doch 6:7, 4:6, 6:2, 7:6, 5:7 verloren. Becker meldete sich anderntags kampfunfähig: Rückenprobleme, hieß es offiziell. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Bernd Karbacher hatte keine Chance gegen Kafelnikow, und Stich sollte im letzten Einzel retten, was längst gewonnen zu sein schien - gegen Tschesnokow, den gefürchteten Dauerläufer.

Michael Stich begann nervös, verlor den ersten Satz 4:6. Dann schien sich seine Klasse durchzusetzen. 6:1, 6:1, doch Tschesnokow kam zurück und gewann den vierten Durchgang 6:3. Nun wurde das Match zum Ritt auf der Rasierklinge, und es kulminierte im 14. Spiel des fünften Satzes. Stich hatte dem Russen den Aufschlag zum 7:6 abgenommen, nach dreieinhalb Stunden sah er Licht am Ende des Tunnels. Er galt als Meister von Aufschlag und Volley, mit diesen Waffen hatte er zwei Jahre zuvor den Wimbledontitel gewonnen, auch auf Sand konnte ihm jetzt nichts mehr passieren, eigentlich. Stich erkämpfte sich den ersten Matchball, rannte ans Netz - und Tschesnokow hieb die Filzkugel an ihm vorbei. Beim zweiten Matchball rannte Stich wieder nach vorne, wurde wieder passiert. So geschah es ein drittes, viertes, fünftes, sechstes, siebtes, achtes und ein neuntes Mal. Dann verließen Stich die Nerven. 7:7. Es grenzt an ein Wunder, dass er fast eine weitere Stunde durchhielt, bis er das Match 12:14 im fünften Satz verlor. Mit einem Doppelfehler am Ende, demütigender ging es nicht. Müßig die Frage, warum Stich nicht ein Mal die Entscheidung von der Grundlinie suchte. Er wollte die Sache schnellstens zu Ende bringen. Niki Pilic sagte fassungslos: "Sowas passiert nur alle fünfzig Jahre."

Andrej Tschesnokow wurde von seinem Präsidenten Boris Jelzin später mit einem nationalen Verdienstorden "für besonderen Mut" ausgezeichnet. Michael Stich musste sich mit der Welle von Sympathie trösten, die ihm zu Hause entgegenschlug. Heute hat er die er die Finalniederlage gegen Kafelnikow bei den French Open 1996 als schlimmer in Erinnerung. Doch emotionaler kann man nicht verlieren als er am Abend des 24.September 1995. Mit verweinten Augen sagte Stich nach den neun vergebenen Matchbällen: "Der größte Moment in der Geschichte dieses Sports fällt aus." Die Amerikaner gewannen das Finale in Moskau 3:2. Und die große Zeit des deutschen Tennis, zwischen 1988 und 1993 dreimal Davis-Cup-Sieger, neigte sich ihrem Ende entgegen.

Davis-Cup

Der letzte Schliff