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Brose Bamberg:Einsam in Strullendorf

BBL Basketball ACTIC Cup 2019 in der Oberfrankenhalle in Bayreuth Saison 2019 2020 Kleines Finale M

Flucht in die Heimat: Nach einem offiziellen Reisehinweis aus den USA hat auch Paris Lee (links) Brose Bamberg verlassen.

(Foto: Peter Kolb/imago)

Bambergs US-Amerikaner verabschieden sich in ihre Heimat. Sportchef De Rycke arbeitet auf Hochtouren.

Von Sebastian Leisgang

Für gewöhnlich ist Strullendorf ein recht geruhsamer Ort, eine idyllische Gemeinde, rund 8000 Einwohner, etwa zehn Autominuten abseits des Bamberger Stadttrubels gelegen. Obwohl die Basketballer in dem beschaulichen Vorort ihr Trainingszentrum haben, geht es in Strullendorf doch gemächlich zu, nicht nur an Tagen wie diesen.

Momentan, sagt Leo De Rycke, momentan sei es aber noch ruhiger als sonst ohnehin schon. Wenn er aus dem Fenster schaue, sehe er nichts, zumindest nichts von jenem Leben, das er sonst mitbekomme, wenn er durch die Straßen geht.

De Rycke, 55, wohnt in Strullendorf. Er ist der Sportdirektor der Bamberger Basketballer, in Zeiten der Corona-Krise arbeitet er von zu Hause aus. "Für mich geht es immer weiter", sagt De Rycke, "ich bin ja kein Spieler." Gespräche mit den Vertretern der Bundesliga, Gespräche mit Agenten, Gespräche mit den Spielern selbst. Auch wenn die Strullendorfer Welt derzeit stillsteht: De Rycke selbst kommt kaum zur Ruhe.

"Im Moment ist die Situation sehr schlimm", sagt er. De Rycke meint nicht das Arbeitspensum, das er in diesen Tagen zu bewältigen hat, sondern das große Ganze. "Wir müssen Respekt haben vor den Leuten, die arbeiten, um Leben zu retten", sagt er, "das ist viel wichtiger als Basketball." De Rycke selbst kommt dennoch nicht um ihn herum: Basketball hier, Basketball da. Am Wochenende hat er den Weg freigeschaufelt, damit die US-amerikanischen Spieler in ihre Heimat zurückkehren können. Paris Lee, Kameron Taylor, Darion Atkins und Jordan Crawford haben sich bereits aus Bamberg verabschiedet, Tre McLean wird sich an diesem Montag in die Staaten aufmachen. "Die Spieler sind mit der Bitte zu uns gekommen, nach Hause fliegen zu dürfen", erklärt De Rycke, "alle kommen zurück, wenn die Saison weitergehen sollte. Nur bei Jordan Crawford müssten wir dann noch ein paar Sachen klären."

Auch für De Rycke selbst ist es keine leichte Zeit. Als er am Sonntagnachmittag über die Situation bei den Bamberger Basketballern spricht, kommt er ziemlich souverän daher. Wenn man aber genau hinhört, lässt sich erahnen, dass die Krise auch ihm zu schaffen macht. Seine Familie lebe in Belgien und dürfe das Haus nur noch verlassen, um zum Supermarkt oder zum Arzt zu gehen, sagt De Rycke. Er kann momentan nur in Gedanken bei ihr sein. Es sind Tage, an denen ihm bewusst wird, wie bedeutungslos der Basketball ist. Es sind aber auch Tage, an denen ihm klar wird, wie bedeutsam er für die Leute ist, die mit ihm ihren Lebensunterhalt bestreiten. De Rycke sagt deshalb: "Es ist die Aufgabe der Bundesliga, jeden Verein zu unterstützen - nicht nur finanziell, sondern auch mit Ratschlägen." Die Bamberger selbst seien gut aufgestellt. Aber: "Es geht momentan nicht um Bamberg. Wir müssen zusehen, dass wir nächstes Jahr überhaupt noch genug Mannschaften haben, die in der Bundesliga spielen können."

Die Krise trifft die Basketballbranche besonders hart. Wie hart, das werden zwar erst die nächsten Wochen zeigen, doch zahlreiche Klubs haben längst eingeräumt, dass die gegenwärtige Situation höchst bedrohlich sei. In Bayreuth etwa hat ein US-Amerikaner nach dem anderen die Koffer gepackt, auch Würzburg macht keinen Hehl daraus, dass es derzeit um die Existenz geht, und Rasta Vechta hat gestanden, ohne externe Hilfe nicht überleben zu können.

Wann die Krise auch für Bamberg bedrohlich wird, sei derzeit schwer zu beziffern, sagt De Rycke. Sollten die Oberfranken kein einziges Heimspiel der Saison mehr austragen können, würde ihnen dem Vernehmen nach ein mittlerer sechsstelliger Betrag entgehen. Dennoch betont De Rycke: "Bei uns ist die Situation noch in Ordnung. Jeder muss sich einschränken - auch wir. Aber für andere Vereine ist es schwieriger." Er selbst arbeitet nun daran, dass es nicht auch für Bamberg schwierig wird. Er tut das in der Abgeschiedenheit Strullendorfs, einer Gemeinde, die im März 2020 noch stiller ist, als sie ohnehin ist.

© SZ vom 23.03.2020
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