Boxen:Fliegende Fäuste auf dem Zuckerberg

Boxen München

"Ich war im Kopf nicht frei": Alexander Rigas (re.) verliert den Hauptkampf um den IBO-Continental-Titel gegen Taras Golovashchenko.

(Foto: Mitya Kolomiyets/oh)

Der "Rumble on Sugar Mountain" am Wochenende war die erste größere Freiluft-Box-Veranstaltung in München seit Jahren. Zehn Duelle, 500 Zuschauer, Festivalstimmung - nur der Hauptkampf kann die Erwartungen nicht ganz erfüllen.

Von Jonas Kraus, München

Selbst geboxt hatte Tim Yilmaz am Samstag nicht, auch wenn er ähnlich abgekämpft wirkte wie nach zehn Runden im Ring. Der Schweiß glitzerte auf seiner Stirn, Yilmaz wirbelte umher, begrüßte Boxer und Zuschauer, ermahnte Fans, die es mit den Corona-Auflagen nicht so genau nahmen. Dabei war Samstag nicht mal der stressigste Tag für Yilmaz, vor allem die Wochen zuvor hatten ihm schlaflose Nächte bereitet. Unzählige Male am Tag zückte er sein Smartphone, checkte die Wetter-Apps und war danach nicht schlauer als zuvor. Erst meldeten die Meteorologen Regenfälle, dann Sturmböen, dann beides, ehe sich die Prognose ins Gegenteil verkehrte und Yilmaz mit einer Hitzefront rechnen musste. Planung? "Fast unmöglich", sagte er, was ärgerlich war. Für seinen "Rumble on Sugar Mountain", das erste Freiluft-Box-Event in München seit Jahren, war gutes Wetter alternativlos.

Letztlich hatte Hauptorganisator Yilmaz Glück. Die ersten Gewitter zogen erst spätabends über die Stadt. Davor: Sonnenschein bei angenehmen Temperaturen. Eigentlich liegt der Sugar Mountain, Zuckerberg also, auf dem Gelände einer ehemaligen Betonfabrik im Stadtteil Obersendling, wo ein Biergarten trinkfreudige Städter lockt und ein Skatepark sowie ein Basketballfeld zum Sport machen einladen. Aber an diesem Abend kam dort Festival-Stimmung auf. Was an Yilmaz und seinem Team lag, das auf dem Basketballfeld einen Boxring aufbaute, ringsum bestuhlte, eine mobile Tribüne herankarrte und 500 zahlenden Gästen gleich zehn Kämpfe präsentierte.

Ein Box-Event in dieser Größenordnung ist in München eine Seltenheit, dementsprechend stressig war der Tag für die rund 20 Helfer vom Boxclub Mariposa. Vor allem, weil Yilmaz nicht nur als Organisator gefragt war, sondern nebenbei noch vier Boxer betreute, die bei ihm im "Gym Yilmaz" trainieren. Und dennoch, trotz der vielen Arbeit, sagte Yilmaz: "Besser hätte ich es mir nicht wünschen können."

Der prestigeträchtigste Kampf fand zwischen Alexander Rigas aus Weilheim und Taras Golovashchenko statt. Die beiden kämpften um den IBO-Continental-Titel im Supermittelgewicht. Ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zu einem möglichen WM-Kampf, wie der 29-jährige Rigas schon vor dem Duell sagte. Die meisten Zuschauer waren wegen ihm da, viele trugen Shirts mit Rigas' Kampfnamen: "The Great."

Bevor aber "The Great" in den Ring stieg, standen sich 18 andere Boxer in neun Duellen gegenüber. Vor allem bei den ersten Kämpfen war das Zuschauerinteresse überschaubar. Was auch an der Diversität des Publikums lag. Während einige hartgesottene Kampfsportfans schon bei den ersten Kämpfen stoisch auf ihren Plätzen ausharrten und über jede Aktion diskutierten, waren viele da, die sich in erster Linie einen schönen Tag machen wollten. Endlich wieder Leute treffen, endlich wieder ein wenig Normalität. Ein DJ machte mit elektronischen Beats Stimmung, eine Bar versorgte die Zuschauer mit Getränken. Bereits um 16 Uhr bildete sich eine lange Schlange vor der Ausgabe.

Im September soll es erneut Boxen in der Stadt geben. Wenn die Delta-Variante nichts dagegen hat

Die Stimmung war heiter, den Zuschauern war anzumerken, wie froh sie waren, dass wieder was geboten war. Trotz aller Ausgelassenheit aber blieben die Leute angenehm ruhig. Auch an die Corona-Regeln hielten sich die Fans spätestens nach der ersten Ermahnung. "Unser Ziel ist es, ein Publikum anzulocken, das nichts mit dem Boxsport zu tun hat", sagte Yilmaz. Anders könne der Sport nicht wachsen.

Dieses Ziel hat Yilmaz erreicht. Und im Laufe des Nachmittags verlagerte sich das Interesse der Zuschauer auch immer mehr in Richtung Boxring. Als die Sonne langsam hinter dem riesigen Kamin der alten Betonfabrik verschwand und der DJ noch ein wenig lauter drehte, machte sich Fedor Michel auf den Weg in den Ring. Auch eine Art Lokalmatador, Michel wohnt in Traunreut. Der 19-jährige Supermittelgewichtler stammt aus einer Boxfamilie, wird von seinem Vater trainiert und knockte seinen Gegner schon in der ersten Runde aus. "Einfach nur geil", sagte Michel, der jetzt bei fünf Siegen und null Niederlagen steht.

Ähnlich euphorisiert war der Münchner Pietro Loriga, der bei seinem Heimspiel siegte und zugab: "Die letzte Zeit während Corona ging es mir echt schlecht." Umso glücklicher sei er, dass es wieder richtig losgehe. Weiter ohne Fans? "Unmöglich", so Loriga, 28, dem die Zuschauer zujubelten, als er nach dem Kampf auf die Seile sprang und die Muskeln spielen ließ.

Nur beim Hauptkampf verstummten die Fans kurz. Zwar lieferte Rigas seinen Fans eine große Show, im Ring aber fand er nicht zu seiner Topform. Über zehn Runden wirkte er seltsam gehemmt. "Ich war im Kopf nicht frei", bestätigte er tief geknickt, nachdem die Punktrichter Golovashchenko zum Sieger erklärt hatten. Für Rigas ein harter Schlag, er hatte bei der Organisation des Events geholfen, bis zuletzt Karten verkauft. "Das würde ich nicht mehr machen", gestand er, die vielen Nebenschauplätze hätten ihn aus der Bahn geworfen. Für Rigas war es die zweite Pleite als Profi, 13-mal hat er gewonnen.

Rigas macht nun Urlaub, Kopf frei kriegen, Niederlage verarbeiten. Yilmaz dagegen ist wieder gefordert. Im September soll es erneut ein Profi-Event geben, möglicherweise wieder an der frischen Luft, wo die Ansteckungsgefahr gering ist. Die Ausbreitung der Delta-Variante erschwert jedoch die Planung, aber irgendwas werde schon möglich sein, meint Yilmaz. Anstatt der Wetter-Apps checkt er jetzt wieder die Corona-Zahlen.

© SZ/sewi
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