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Berlin:Holzfiguren in der Kurve

Hertha BSC - RB Leipzig

Doppelpack: Leipzigs Angreifer Timo Werner (links) überwand Herthas Torhüter Rune Jarstein gleich zweimal – hier per Lupfer zum 2:0.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

0:3 im Ost-Derby: Hertha BSC scheitert an den formstarken Leipzigern - und an der Stille der schmollenden Berliner Fans, die Trainer Dardai beklagt.

Von Javier Cáceres, Berlin

Hertha BSC streitet schon länger darum, sich den Gegebenheiten der wilden neuen Fußballwelt anzupassen. Am Samstagabend lernte der Bundesligist ein Phänomen kennen, das man vor allem aus der digitalen Moderne kennt und auf dessen nähere Bekanntschaft man wohl gerne verzichtet hätte: das in jüngster Zeit verstärkt auftretende "Ghosting", das in Partnerschaften durch den abrupten, einseitigen Kontaktabbruch gekennzeichnet ist.

In gespenstischer Atmosphäre verlor die Hertha im Olympiastadion 0:3 (0:1) gegen RB Leipzig und rutschte damit nach dem hoffnungsvollen Saisonstart in Richtung Mittelfeld der Tabelle ab. Gespenstische Atmosphäre? Oh ja: Die Treuesten unter den Fans der Hertha, die überwiegend in der Ostkurve stehen, stellten jede Liebedienerei ein und verzichteten weitgehend auf Unterstützung des Teams - aus Entgeisterung darüber, dass die Klubführung nach den Krawallen von Dortmund aus der Vorwoche zu Repressalien gegriffen hatte, die nicht nur von Ultra-Fans als "Kollektivstrafe" empfunden wurden. "Bis auf Weiteres" gilt nun das Verbot, Fahnen, Banner und sogenannte Doppelhalter (Transparente, die zwischen zwei Stangen gespannt sind)

ins Stadion einzubringen. Man habe gesehen, wozu "Stangen und Banner letzte Woche eingesetzt wurden", sagte Hertha-Manager Michael Preetz und spielte darauf an, dass Fans in Dortmund Banner als Sichtschutz für das (verbotene) Zünden von Pyrotechnik genutzt und Fahnenstangen als Schlaginstrumente gegen Polizisten eingesetzt hatten. Auch Preetz bedauerte, dass die Hertha vor einer Kulisse wie aus lauter schweigenden Holzfiguren agieren musste - gegen eine Leipziger Elf, die durch Tore von Timo Werner (7./48.) und Matheus Cunha (75.) zu einem klaren Sieg kam. Es war das zehnte RB-Spiel ohne Niederlage und das sechste ohne Gegentor. Am Sonntag erklärte Hertha-Trainer Pal Dardai, sich im Stadion auf einem verspäteten "Halloween"-Abend gewähnt zu haben; denn im Stadion habe "Friedhofsstimmung" geherrscht.

"Das darf uns nicht als Alibi dienen", betonte der Ungar allerdings. Und das tat auch niemand. Aber einen Effekt hatte das Ghosting von den Rängen schon: "Das Olympiastadion ist nur komplett mit unsere Ostkurve. Die Unterstützung hat uns gefehlt", sagte Stürmer Davie Selke.

"Du merkst es auf dem Platz, wenn es laut ist. Also merkst du auch, wenn es leise ist", pflichtete Abwehrspieler Karim Rekik bei. Und es war den Berlinern angesichts des Ergebnisses kein Trost, dass die Ostkurve signalisierte, doch nicht alle Brücken abbrechen zu wollen. Die Anhänger feierten das Team erst, nachdem die Hertha, wie es der Tagesspiegel formulierte, "ohne fliegende Fahnen" untergegangen war. Also nach dem Schlusspfiff.

Trainer Dardai hatte die Mannschaft zwar darauf vorbereitet, dass die Stimmung eine andere sein würde, aber es darf vermutet werden, dass das weitgehende Silentium der Kurve das Spielgeschehen beeinflusste. Es habe gegen die Leipziger Mannschaft jene Galligkeit gefehlt, die man bei den besten Spielen der Saison, beim Sieg gegen den FC Bayern oder beim 2:2 in Dortmund, gesehen habe, bemerkte Selke. Man sei "sehr brav" gewesen, fand auch sein Kollege Valentino Lazaro: "Manchmal muss man in den ersten Minuten, in zwei, drei Zweikämpfen ein Exempel statuieren: 'Ey Gegenspieler, du holst heute gar nix!" Das blieb diesmal aus.

Einerseits kann besagte Galligkeit von außen stimuliert werden. Andererseits vermisste Lazaro sie auch im defensiven Mittelfeld, wo der talentierte, aber noch entwicklungsbedürftige U 21-Nationalspieler Arne Maier das Zepter führt. "Wir coachen Arne natürlich und sagen ihm: 'Ey! Sei mal ein Arschloch! Steig ihm vielleicht mal auf die Zehen! Sei der Chef auf'm Platz!'", sagte Lazaro - freilich ohne Groll, denn das müsse und werde der 19-Jährige noch lernen. Aber es war offensichtlich, dass die Leipziger durch wache Aggressivität sowie defensive Aufopferung in Mittelfeld und Angriff - verkörpert durch Spieler wie Bruma, Werner, Cunha, Kampl und Demme - den Kreislauf der Berliner neutralisierten.

"Bei der Arbeit gegen den Ball machen die Jungs alle mit, sie haben mittlerweile richtig viel Spaß daran, zu null zu spielen", frohlockte RB-Trainer Ralf Rangnick. Er hatte sein Team auf sechs Positionen umgestellt - ohne Qualitätsabfall. Die Debatten um die Frage, ob der RB-Kader mit nur 18 Feldspielern zu klein sei, muten momentan an, als hätten sie parallel zu den Diskussionen über die Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung stattgefunden - und nicht aktuell vor erst zwei Monaten. RB überzeugte, obwohl in Berlin Forsberg und Augustin verletzungsbedingt fehlten. Dabei spielte Leipzig in die Hände, dass Hertha mit einer Dreierkette begann. Man habe nach dem frühen 0:1 sehr rasch gemerkt, erklärte Lazaro, "dass wir eigentlich keine Anspielstationen hatten", wenn der linke Außenbahnspieler Plattenhardt oder er selbst auf rechts den Ball hatten. Er habe "einmal schnell" zu Trainer Dardai "herausgerufen" und eine Änderung angeregt. "Dann hat er sich das noch eine Minute angesehen und gesagt: Ja, machen wir so, wir stellen um auf Viererkette."

Die letzten 20 Minuten vor der Pause gehörten danach der Hertha, Kalou und Ibisevic vergaben gute Torchancen. Stattdessen traf der bereits am Zeh angeschlagene Werner nach der Pause zum zweiten Mal - und zementierte die depressive Stimmung im Stadion. Hertha würde die Stimmung gerne heben, für den Beginn der Woche lud man Vertreter der Ultras zum Gespräch. "Die Hand bleibt ausgestreckt", betonte Manager Preetz. Doch am Sonntag schlugen die Ultras das Angebot aus. Die Fronten bleiben verhärtet.

© SZ vom 05.11.2018
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