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Behindertensport:Die Königin von Prince George

Biathletin Clara Klug aus München sieht seit ihrer Geburt nur Schattierungen. Nun hat sie bei der nordischen Ski-WM der Behindertensportler fünf Medaillen gewonnen - zwei davon im Langlauf.

Von Dominik Wolf

Auf den letzten Metern traute sich auch Clara Klug zu jubeln. Kurz nur und verhaltener als ihr Guide Martin Härtl. Im Ziel sank sie auf die Knie, die Erschöpfung raubte ihr die Luft. "Ich dachte, ich muss sterben", sagte sie hinterher in ein Mikro, das ihr entgegengestreckt wurde. "Jeder Schritt war ein kleiner Kampf und es hat irgendwann nur noch wehgetan." Vier Wettkämpfe hatte sie vor diesem letzten Biathlon-Rennen über 12,5 Kilometer in den Beinen, am Vortag war sie noch dazu mit einer Erkältung aufgewacht. Doch Klug, deren Trumpf in den vergangenen Jahren immer das Schießen gewesen war, blieb am Schießstand viermal fehlerfrei und mobilisierte in der Loipe die letzten Kräfte. Das reichte für Gold.

Es war ihre dritte Goldmedaille bei der nordischen Ski-WM der Behindertensportler im kanadischen Prince George. Fünf Tage zuvor hatte sie in einem packenden Rennen über zehn Kilometer den ersten Weltmeistertitel ihrer Karriere gewonnen, im Sprint ließ sie den zweiten folgen. Dazu gewann sie jeweils eine Bronzemedaille im Langlauf über die mittlere Distanz und im Sprint. Mit der perfekten Ausbeute von fünf Medaillen in fünf verschiedenen Wettbewerben war sie die erfolgreichste Athletin in einem starken deutschen Team, das sich mit insgesamt 15 Medaillen (5x Gold, 3x Silber und 7x Bronze) im abschließenden Medaillenspiegel hinter der Ukraine und den USA auf Rang drei einordnete. "Das ist mehr als ich mir hätte erträumen können. Natürlich bin ich mit Erwartungen hergefahren, aber dass es gleich dreimal im Biathlon mit Gold klappt, ist schon ziemlicher Wahnsinn", sagte Klug über ihre Bilanz bei dieser WM.

Clara Klug

Im Gleichschritt: Clara Klug und ihr Guide Martin Härtl liefen in Kanada zu insgesamt fünf Medaillen, darunter drei goldene. Klug ist damit die erfolgreichste deutsche Athletin dieser WM.

(Foto: Bob Frid/Canadian Paralympic Committee/oh)

Zwar gilt ihr Fokus dem Biathlon, doch die 24-jährige Pasingerin vom Post SV München nimmt auch an Langlauf-Wettkämpfen teil. Aufgrund einer Erbkrankheit sieht sie seit ihrer Geburt nur Schattierungen und tritt in der Konkurrenz der Sehbeeinträchtigten an. Weil der Grad ihrer Beeinträchtigung höher klassifiziert ist als der vieler Konkurrentinnen, läuft ihre Uhr langsamer - gewertet wird die sogenannte "factored time".

Stück für Stück hat sich Klug in den vergangenen Jahren an die Weltspitze herangearbeitet, schon vor Beginn der WM galt sie als Favoritin und Medaillenhoffnung des deutschen Teams. "Die Erwartungshaltung von außen hat sich verändert und mit ihr auch die an mich selbst", sagt Klug. Spätestens nach ihren beiden Bronzemedaillen bei den paralympischen Winterspielen in Pyeongchang war sie den Status der hoffnungsvollen Aspirantin los, nach Kanada reiste sie als Weltcupführende. Trotzdem sei sie vor ihrem ersten Start bei der WM in Prince George ähnlich nervös gewesen wie ein Jahr zuvor in Korea: "Wenn es auf Großereignisse zugeht, werde ich immer zu einem kleinen Nervenbündel. Ich hoffe, da in Zukunft ein bisschen cooler zu werden."

Auch ihr Privatduell mit der Ukrainerin Oksana Shyshkowa im Weltcup setzte sich bei dieser WM fort. In Abwesenheit der traditionell starken russischen Athletinnen, die aufgrund des systematischen Dopings im eigenen Verband weiterhin von den Wettbewerben ausgeschlossen sind, lieferten sich Klug und Shyshkowa einen hartnäckigen Zweikampf um Gold. Lange galt ihr Shyshkowa als Vorbild und Maßstab. Dass sie jetzt nicht nur ab und zu in Schlagweite ist, sondern sich bei jedem Rennen ein offener Kampf mit der Ukrainerin entwickelt, bestätige ihr, dass sie in der Weltspitze mithalten könne, findet Klug.

130 Starter aus 20 Ländern

Insgesamt neun deutsche Teilnehmer haben in Prince George über zehn Tage hinweg um Medaillen gekämpft. In den Klassen der "Sitzenden", "Stehenden" und der "Konkurrenz der Sehbeeinträchtigten" gingen die Athleten in den Disziplinen Langlauf und Biathlon mit insgesamt 130 Startern aus 20 Nationen an den Start. Zur erfolgreichen Bilanz des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) trugen neben Clara Klug auch der Freiburger Martin Fleig, 29, bei, der in der sitzenden Klasse zweimal Gold und zweimal Silber gewann sowie die mehrmalige Paralympicssiegerin Andrea Eskau, 47. Sie holte einmal Silber und dreimal Bronze. Debütantin Johanna Recktenwald, 17, gewann zweimal Bronze. SZ

Dabei musste sie bei der Vorbereitung auf die WM improvisieren - sie hatte noch Prüfungen an der LMU München zu bestehen. Deshalb verzichtete sie auf ein Trainingslager und schloss sich mit Martin Härtl, der auch ihr Heimtrainer ist, in Mittenwald ein, wo sie neben dem Training genug Zeit fand, um zu lernen.

Am Sonntag endete die WM. Clara Klug konnte nach ihrer Goldmedaille am Donnerstag nicht mehr eingreifen, die beiden noch ausstehenden Langlauf-Entscheidungen ließ sie aus. Zu erschöpft, zu erkältet war sie, um noch einmal ihr volles Leistungsvermögen abrufen zu können. Doch das kann ihre persönliche Bilanz dieser zehn Tage in Prince George nicht trüben: "Ich bin zwar krank, aber überglücklich."

© SZ vom 26.02.2019

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