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Basketball:Wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Basketball easyCredit BBL Final-Turnier Basketball München 13.06.2020 Saison 2019 / 2020 easyCredit BBL Final-Turnier 20

Offensive ist schön, aber Schönheit allein reicht nicht, mahnt Elias Harris, der Kapitän der Bamberger Basketballer.

(Foto: imago images)

Der frühere Serienmeister Brose Bamberg sucht auch beim BBL-Finalturnier in München weiter nach seiner Konstanz: Mittlerweile gelingt der Wechsel von starken zu schwachen Leistungen schon von einer Halbzeit zur nächsten.

Die Basketballer von Brose Bamberg machen Fortschritte beim Finalturnier um die deutsche Meisterschaft in München. "Bis jetzt hatten wir zwei Spiele, in denen wir vollkommen verschiedene Gesichter gezeigt haben", resümierte Trainer Roel Moors nach der dritten Partie am Samstag: "Heute waren wir in der Lage, beide in einem Spiel zu präsentieren."

In den Worten des 41 Jahre alten Belgiers schwang Sarkasmus mit, auch Frustration, dabei hatte seine Mannschaft gerade ihr erstes Spiel bei diesem Turnier gewonnen, 99:83 (58:36) gegen die Fraport Skyliners Frankfurt, und damit einen großen Schritt in Richtung des angestrebten Viertelfinales gemacht. "Ich bin froh über den Sieg", sagte Moors, "aber nicht damit, wie wir ihn zustande gebracht haben." Seinen Unmut über die Leistung der Mannschaft hatte er noch während der Partie deutlich vernehmbar geäußert, in einer Auszeit im letzten Viertel: "Das ist Bullenscheiße!"

Die großen Zeiten des neunmaligen Meisters und sechsmaligen Pokalsiegers Brose Bamberg sind schon eine Weile her, das letzte Double gelang 2017. Aber der Klub verfügt immer noch über den dritthöchsten Etat in der Basketball-Bundesliga (BBL), hinter den Euroleague-Teilnehmern FC Bayern München und Alba Berlin. Umso enttäuschender ist der Ertrag.

Als die Saison wegen der Corona-Pandemie im März unterbrochen wurde, lag Bamberg lediglich auf dem siebten Tabellenplatz und musste sogar um die Teilnahme an den Playoffs der besten Acht bangen. Bis dahin hatte sich die Mannschaft präsentiert wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die gespaltene Persönlichkeit aus dem Roman von Robert Louis Stevenson. "Wir haben wunderbare Spiele gehabt, aber auch schon das komplette Gegenteil", sagte Kapitän Elias Harris am Samstag.

Die Verwandlung geht in kürzester Zeit, wie nun auch beim Finalturnier zu bestaunen ist. Zum Auftakt unterlagen die Bamberger dem Titelfavoriten Berlin (91:98), demonstrierten aber, dass sie durchaus in der Lage sind, jeden Gegner in Schwierigkeiten zu bringen. Zwei Tage später, beim 74:103 gegen die MHP Riesen Ludwigsburg, wiesen sie nach, dass sie auch gegen jeden verlieren können, und zwar mühelos, im Wortsinn. Gegenwehr leisteten die Brose-Profis jedenfalls kaum, "die Defense war nicht vorhanden", gab Harris zu. Sie ließ sich auch gegen die Skyliners nur kurz blicken. "Nach der Pause haben wir ihnen in einem Viertel 30 Punkte erlaubt", sagte Roel Moors, hadernd mit der Abwehrleistung, "das ist einfach zu viel."

Zumal die Frankfurter ja unübersehbar unter dem Turniermodus litten. In der Vorrunde hat an jedem Spieltag eine Mannschaft der beide Fünfergruppen Pause, die Frankfurter sind erst am letzten dran, am Montag. Die Partie gegen Bamberg war deshalb ihr viertes Spiel innerhalb von einer Woche. "Das waren anstrengende Tage, vor allem für die älteren Spieler", fand Len Schoormann, mit 17 der Jüngste im Team und gegen Bamberg mit neun Punkten einer der Besten. "Einige Spieler waren völlig übermüdet und körperlich absolut an der Grenze", resümierte Frankfurts Trainer Sebastian Gleim: "Die jungen Spieler haben uns wieder zurückgebracht."

Die Skyliners lagen kurz vor der Pause bereits mit 25 Punkten zurück (31:56), kamen aber mit Hilfe ihrer Teenager Schoormann, Bruno Vrcic (sieben Punkte) und Max Begue (vier) im weiteren Verlauf noch einmal gefährlich nahe heran (83:92). "Da haben wir dann auch aufgehört, im Angriff zu spielen", sagte Bambergs Trainer Moors verärgert. Dabei gehört die Offensive zu den Stärken des einstigen Serienmeisters: Gegen Frankfurt kamen sieben der zehn eingesetzten Spieler auf eine zweistellige Punktausbeute; auch die hohe Zahl der Pässe, die unmittelbar zu Korberfolgen führte (23), ist im Grunde ein Indiz für einen ausgeglichenen, rund laufenden und schwer auszurechnenden Angriff.

Vor dem letzten Vorrundenspiel am Montag gegen Rasta Vechta (16.30 Uhr/live auf Magentasport.de) warnt Kapitän Harris dennoch: "Wir können uns nicht nur auf unsere Offense verlassen. Wir müssen von der ersten Minute an Gas geben und vor allem defensiv viel ackern als Mannschaft." Das Brose-Team hat nach dem ersten Sieg eine gute Ausgangsposition, um das Viertelfinale zu erreichen, ist aber noch nicht sicher qualifiziert. Angesichts der Konstellation in der Gruppe B können es sich die Bamberger leisten, knapp gegen Vechta zu verlieren; bei einer ähnlich hohen oder gar höheren Niederlage wie gegen Ludwigsburg sind sie freilich draußen. Und dass sie selbst gegen ein ersatzgeschwächtes Rasta-Team untergehen können, haben die Bamberger im vorigen Jahr gezeigt, als sie die Best-of-five-Serie im Playoff-Viertelfinale 1:3 verloren.

Vechta ist mit nur zehn Profis angereist, dem kleinsten Kader aller zehn Teilnehmer, und bislang sieglos; ihr Kapitän Josh Young ist angeschlagen und fällt vermutlich aus. "Wir haben voriges Jahr schon gezeigt, dass wir trotz allem nie aufgeben", sagt Rasta-Center Michael Kessens. Bambergs Coach Moors hat seine Mannschaft bereits gewarnt: "Wir müssen bereit sein, 40 Minuten dagegenzuhalten. Wenn wir noch was erreichen wollen in diesem Turnier, müssen wir unsere Konstanz finden."

© SZ vom 15.06.2020

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