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Basketball:Vorstellung für künftige Arbeitgeber

links Elias Harris (Brose Bamberg, 20) rechts 06 Michael Kessens (RASTA Vechta) unten 14 Philipp Herkenhoff (RASTA Vech

Auf ins Getümmel! Vechtas Basketballer Michael Kessens (oben) und Philipp Herkenhoff (unten) nehmen vor der Corona-Pause den Bamberger Elias Harris in die Zange. Beim Finalturnier in München treffen die beiden Mannschaft zum Abschluss der Vorrunde erneut aufeinander.

(Foto: Eibner/imago)

Mit dem kleinsten Kader zum Finalturnier nach München: Am Beispiel von Rasta Vechta wird deutlich, wie schwierig es ist, derzeit eine Mannschaft zusammenzuhalten - aber auch, welche Chancen die Saison­fortsetzung bietet.

Bis vor kurzem wussten Matic Rebec und Vechta so gut wie nichts übereinander. Nun wissen sie in der Kleinstadt im Westen von Niedersachsen immerhin, dass Rebec Basketballprofi ist und sogar zu Sloweniens Europameister-Mannschaft von 2017 gehört. Und Rebec kennt in Vechta neben der Sporthalle auch schon das Hospital sowie das beste Sanitätshaus am Ort. Dort hat Rebec am Dienstag eine Schutzmaske angepasst bekommen, weil ihm am Montag bei einer Kollision im Training die Nase brach (weswegen er ja bereits das Krankenhaus von innen kennenlernte). Das ganze Malheur soll ihn freilich nicht davon abhalten, demnächst für Rasta Vechta aufzulaufen, einen der zehn Klubs, die am Finalturnier der Basketball-Bundesliga (BBL) teilnehmen. Das wird vom 6. bis 28. Juni in München austragen.

Mit seinen 32 500 Einwohnern ist Vechta der kleinste Standort der BBL, dementsprechend wird der dort beheimatete Klub am Freitag mit dem kleinsten Spielerkader nach München reisen, wo die Teams, dem Hygiene- und Sicherheitskonzept der Liga folgend, alle in einem Hotel unter Quarantänebedingungen untergebracht werden. Mit nur zehn Profis nimmt Rasta-Trainer Pedro Calles den Kampf um die deutsche Meisterschaft 2020 auf, das ist die Mindestzahl, welche die BBL voraussetzt für die Turnierteilnahme.

Um überhaupt auf so viele Spieler zu kommen, hat Rasta neulich noch zwei Profis nachverpflichtet: den Spielgestalter Matic Rebec eben, der zuletzt beim kroatischen Klub Cibona Zagreb unter Vertrag stand; außerdem den vielseitig verwendbaren Polen Jaroslaw Zyskowski, den "wertvollsten Spieler" seiner heimischen Liga, wo er für Stelmet Zielona Gora aktiv war. "Zwei Jungs, die Lust hatten, noch zu spielen, und die sich auch präsentieren wollten für ihre weitere sportliche Zukunft", sagt Stefan Niemeyer, der geschäftsführende Gesellschafter von Rasta, über die Neuen.

Es ist gerade nicht leicht im Sport, eine Mannschaft zusammenzuhalten oder zusammenzubekommen. Es fehlt ja allerorten an Einnahmen. Als die BBL Mitte März ihren Spielbetrieb für zunächst unabsehbare Zeit einstellte wegen der Corona-Pandemie, da trennten sich etliche Klubs aus Kostengründen von Spielern. Als die Liga dann beschloss, die Saison doch fortzusetzen, hatten einige Teams nicht mehr genug Profis oder genug Geld, um sich das Weitermachen leisten zu können.

"Fünf, sechs Monate Pause bis zur nächsten Saison wären nicht gut gewesen", findet Matic Rebec

In Vechta standen sie da vergleichsweise gut da, erzählt Stefan Niemeyer: Bis auf vier hatten sie schon alle Heimspiele der Hauptrunde hinter sich gebracht, "die Rückforderungen waren im Rahmen", sagt er. Die meisten Dauerkartenbesitzer und Sponsoren verzichteten darauf, wegen der nicht erbrachten Gegenleistung in Form von Spielen zu reklamieren. "Wir wissen, dass andere Klubs viel größere Probleme haben", sagt Niemeyer und erklärt damit, warum er sich mit seinem Klub nach Abwägung aller Vor- und Nachteile zum Weitermachen entschloss: Es ging ja auch darum, der Liga zu helfen, die bei einem Saisonabbruch ebenfalls Regressforderungen hätte bewältigen müssen.

Allerdings hatten zu Beginn der Corona-Krise auch in Vechta vier Amerikaner gebeten, nach Hause fliegen zu dürfen, und Niemeyer hatte deren Verträge aufgelöst. Nur zwei Amerikaner - Kapitän Josh Young sowie Trevis Simpson - waren geblieben und mit ihren deutschen Kollegen in Kurzarbeit gegangen. Als die Liga dann Mitte Mai das Signal zum Weitermachen bekam, brauchte Niemeyer noch Leute. Der Flügelspieler Ishmail Wainright flog als einziger Amerikaner wieder ein, auf den Rest verzichteten sie aus Kostengründen; da waren die Osteuropäer Rebec und Zyskowski unter dem Strich günstiger zu haben.

Die Beiden sehen in dem kurzfristigen Engagement freilich auch eine Chance. "Ich habe zuletzt Anfang März gespielt", erzählt der Slowene Rebec, "und fünf, sechs Monate Pause bis zur nächsten Saison wären nicht gut gewesen." Vor allem hätte er sich derzeit auch nirgendwo sonst für neue Arbeitgeber empfehlen können, weil halt nirgendwo sonst gespielt wird. Und auch wenn er nichts wusste über Vechta, die Stadt, so hatte er doch von Rasta gehört, dem Klub. "Ich glaube, man hat in der Basketball-Welt schon mitbekommen, für welche Furore wir gesorgt haben", sagt Niemeyer in Anspielung auf vorige Saison. Da hatte Rasta als Bundesliga-Aufsteiger das Playoff-Halbfinale erreicht, und das mit einem zuletzt sogar stark ersatzgeschwächten Kader. In dieser Saison war das Team bis zur Corona-Pause immerhin Sechster, "damit haben wir bewiesen, dass das keine Eintagsfliege war", findet Niemeyer.

Matic Rebec bestätigt diese Einschätzung; der 25-Jährige sagt, er habe "nur Gutes gehört von Pedro Calles und seinem Trainerstab". Immerhin hat der junge Spanier im vorigen Jahr zwei Spieler gefördert, die dann von Euroleague-Klubs abgeworben wurden: Austin Hollins von St. Petersburg und T.J. Bray vom FC Bayern. Nun kommt wohl ein weiterer hinzu: Der nicht mehr zurückkehrende Amerikaner Steve Vasturia ist angeblich mit Zalgiris Kaunas einig. Von solchen Transfers profitiert wiederum Rasta, das sich ebenfalls darstellen kann - als Sprungbrett zu größeren Klubs. Er habe jedenfalls nicht lange gezögert, als Calles bei ihm anrief, berichtet Rebec. Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus habe er nicht, und die rund dreiwöchige Kasernierung in einem Hotel schreckt ihn ebenfalls nicht; als Basketball-Legionär sei er die Trennung von seiner Familie gewohnt, sagt Rebec. "Ich denke mal, wir werden diese zwei, drei Wochen ohne Probleme überstehen", versichert er. Eine gebrochene Nase ist demnach offensichtlich kein Problem.

© SZ vom 03.06.2020

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