Basketball Löcher wie in einer Tiefbaustelle

Hoch überlegen: Die Münchner Nihad Djedovic, Leon Radosevic und Stefan Jovic (von links) können nur staunen, wie Tibor Pleiß, deutscher Nationalspieler in Diensten von Anadolu Efes Istanbul, zum Korb zieht.

(Foto: Oryk Haist/imago)

Das lang ersehnte Euroleague-Comeback gerät für den FC Bayern München zu einer deprimierenden Angelegenheit: Beim 71:90 zeigt Anadolu Efes Istanbul schonungslos die Schwächen auf.

Von Matthias Schmid

Niko Kovac ist am Donnerstagabend ausgegangen, er hatte sich ein besonderes Schauspiel für seine Freizeitgestaltung ausgesucht: Nach zuletzt vier sieglosen Spielen besuchte der Cheftrainer der FC-Bayern-Fußballer die zurzeit erfolgreichste Abteilung des erfolgsgewohnten Klubs - bei den Basketballern wollte er sich mal wieder einen entspanntem Abend gönnen. Ein Vergnügen war das Spiel für Kovac dann allerdings nicht, er erlebte eine ähnliche gedämpfte Stimmung wie zuletzt bei den Spielen der Fußballer: Die Partie der Basketballer gegen den türkischen Spitzenklub Anadolu Efes Istanbul war sogar eine Vorführung im doppelten Sinne. Die Mannschaft seines Kollegen Dejan Radonjic verlor beim lang ersehnten Comeback in der Euroleague fast auf deprimierende Weise 71:90 (37:44), da halfen auch 17 Punkte von Nihad Djedovic nicht.

Die Münchner führen rasch 17:11, doch enteilen wie in der Bundesliga können sie nicht

Dabei hatte es in der Anfangsphase noch so ausgesehen, als könnten die Basketballer Kovac die gewünschte Zerstreuung von seinem zurzeit tristen Alltag bescheren. Devin Booker zum Beispiel stellte sich auf der höchsten Bühne, die der europäische Klubbasketball zu bieten hat, gleich mit einem hinreißenden Dunk vor, den sie in den USA mit dem Zusatz "Monster" versehen würden. Aber die Bayern haben nicht nur Sprungwunder wie ihn im Kader oder Ballartisten wie Stefan Jovic (insgesamt 15 Punkte), der mit seinen Bodenpässen ein Raunen im Publikum verursachte; sie haben auch Profis wie Petteri Koponen (10 Zähler), die kaum auffallen, aber wichtig sind, weil sie effizient treffen.

Aber auch die Gäste aus der Türkei hatten einiges zu bieten, sie beherbergen noch mehr Artisten unterm Zirkuszelt. Spieler wie Shane Larkin und Rodrigue Beaubois zum Beispiel, die ihre Künste schon in der schrillsten Basketballliga des Planeten aufgeführt haben, in der amerikanischen NBA. Und die ließen sich von der Anfangseuphorie der Bayern nicht irritieren. Nach einem Dreier des unberechenbaren Braydon Hobbs führte München rasch 17:11, doch enteilen wie in der Bundesliga sollten sie nicht. Istanbul blieb dran mit einfachen Punkten oder ansatzlosen Distanzwürfen wie von Beaubois, der 2011 an der Seite von Dirk Nowitzki mit den Dallas Mavericks sogar den Meistertitel der NBA holte.

Im zweiten Viertel begann dann auch Larkin, der in der vergangenen Saison noch das Trikot von NBA-Rekordmeister Boston Celtics trug, so zu spielen, wie es die FC-Bayern-Profis erwartet oder vielleicht sogar befürchtet hatten: rasant, raffiniert, mitunter auch bezaubernd wild. Er war manchmal sogar so schnell in der gegnerischen Zone unterwegs, dass er die zulässige Höchstgeschwindigkeit wohl locker überschritten hätte, wenn dort jemand eine Radarfalle aufgestellt hätte. Aber der 26-Jährige, der am Ende 13 Punkte sammelte, ist kein Solist, er lässt auch seine Mitspieler besser aussehen, unter anderem Tibor Pleiß. Der deutsche Nationalspieler hat in der türkischen Liga bisher noch nicht mitspielen dürfen, weil dort nur fünf Ausländer pro Partie erlaubt sind, sein neuer Klub aber insgesamt neun beschäftigt. In der Euroleague gibt es allerdings keine Beschränkung, so dass Pleiß auflief und sogar einmal von jenseits der 6,75 Meter entfernten Dreierlinie traf; insgesamt kam er auf elf Punkte. Auch seine Mitspieler trafen spielerisch leicht aus der Ferne, gerade so als würden sie an der Freiwurflinie stehen. Allein im zweiten Viertel verwandelten die Türken sechs Distanzwürfe, so dass sie bis zur Pause 44:37 in Führung gehen konnten.

Die Gäste müssen sich nicht mal besonders anstrengen, um bis auf 26 Punkte davonzuziehen

Und die Bayern? Offenbarten in der Defensive so riesige Löcher wie sie sonst nur in großen Tiefbaustellen zu begutachten sind. Istanbul musste sich nicht mal besonders anstrengen, um seinen Vorsprung zu vergrößern, der im letzten Viertel sogar einmal 26 Punkte betrug (86:60). Die Bayern hatten in der vergangenen Saison unter anderem auch deshalb den deutschen Titel gewonnen, weil sie die Abwehrarbeit genauso ernst nahmen wie das Spiel nach vorne. Doch in dieser Saison haben sie bislang noch Abstimmungsprobleme, die auch Dejan Radonjic missfallen; der Cheftrainer erklärt sie mit der zerstückelten Vorbereitung, er hatte ja nur selten seinen gesamten Kader beisammen, um an den gruppentaktischen Feinheiten feilen zu können. Viel Zeit bleibt ihm angesichts des eng getakteten Spielplans allerdings nun auch nicht, um intensiver zu trainieren. Er muss die Defizite im laufenden Spielbetrieb beseitigen. Anadolu Efes Istanbul deckte sie am Donnerstag schonungslos auf. Das hatte auch Niko Kovac sehen können.