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Basketball:Gefahr im Anzug

Neue Kleiderordnung in der NBA entfacht einen Kulturkampf.

Tobias Pox

So kennt man Allen Iverson: Abseits des Feldes läuft der kleine, bunt tätowierte Aufbauspieler der Philadelphia 76ers gewöhnlich mit einer schlabbrigen Jeans und einem T-Shirt der Konfektionsgröße XXL herum; das Käppi sitzt quer auf dem Kopf, um den Hals baumeln glitzernde Goldketten und Medaillons.

Baseballcap, Tattoos, Goldketten: NBA-Profi Allen Iverson in seiner - kritiserten -Alltagskleidung.

(Foto: Foto: AP)

Doch mit diesem Outfit ist jetzt vorerst Schluss, zumindest an Arbeitstagen. Die nordamerikanische Basketballliga NBA schreibt für die am nächsten Dienstag beginnende Saison eine Kleiderordnung vor.

Die Spieler müssen sich künftig bei "offiziellen Vereins- und Ligaangelegenheiten", also vor und nach einem Spiel oder bei PR-Terminen, in einem "legeren Businesslook" präsentieren.

Verletzte und nicht aktive Spieler, die auf der Auswechselbank Platz nehmen, müssen Hemd und Sakko tragen. Accessoires wie die von Iverson sind ausdrücklich verboten.

Gefängniskluft

"Das wurde höchste Zeit, die Spieler haben in den letzten fünf, sechs Jahren eine Gefängniskluft getragen", kommentiert Phil Jackson, Trainer der Los Angeles Lakers. Bei vielen schwarzen NBA-Akteuren hat die Ligamaßnahme hingegen einen Schrei des Entsetzens ausgelöst.

Sie fühlen sich nicht nur ihrer Individualität beraubt, sondern sie sehen darin einen gezielten Angriff auf ihre Kultur. "Die Liga hat es auf meine Generation abgesehen: auf die Hip-Hop-Generation", sagt Iverson.

Stephen Jackson von den Indiana Pacers sieht in dem Dress-Code ein "rassistisches Statement", da etwa das Tragen von bestimmten Schmuckstücken eng mit dem zeitgenössischen afroamerikanischen Lebensstil verknüpft sei. Aus Protest trug Stephen Jackson demonstrativ vier große Ketten, als er nach einem Testspiel gegen San Antonio aus der Umkleidekabine kam.

Die aktuelle Kontroverse ruft wieder ein grundsätzliches Problem der NBA in Erinnerung: Die in der Mehrheit schwarzen Ligaakteure (mehr als 70 Prozent der Profis) spielen für ein überwiegend weißes Publikum.

Entfremdetes Publikum

Und eben jenes Publikum entfremdet sich immer mehr von den Darstellern. Vorfälle wie der Vergewaltigungsprozess gegen Kobe Bryant oder die Massenschlägerei zwischen Spielern der Pacers und Anhängern der Detroit Pistons im vergangenen Jahr haben das Bild vom bösen schwarzen Mann aufleben lassen.

Aktuelle Umfragen unterstreichen das schlechte Image der NBA-Spieler in der amerikanischen Öffentlichkeit, ebenso die Fernsehquoten der vergangenen Saison.

So ist es kein Wunder, dass Ligaboss David Stern sein drei Milliarden Dollar schweres Unternehmen vor einer weiteren Baisse schützen möchte. Die Rassismusvorwürfe lassen ihn indes kalt. Stern denkt nicht in Kategorien von Hautfarben, er denkt allein an die Couleur seines Geschäftsproduktes.

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