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Basketball:Disneyland am Donauufer

Schwitzen in der Halle, auch im Sommer: Basketball-Bundesligist Ratiopharm Ulm hat den Einzug in seinen Orange Campus gleich mit einem Trainingsangebot für verbesserungswillige Profis verknüpft.

(Foto: Marcel Greiner/oh)

Besser als beim FC Bayern: Bundesligist Ratiopharm Um will seinen neuen, hochmodernen Orange Campus als führendes Leistungszentrum des Landes etablieren.

Von Joachim Mölter, Ulm

Seit voriger Woche stehen nun auch auf den Tischen von Sportdirektor Thorsten Leibenath und dem Trainerstab um Jako Lakovic die richtig großen Monitore: leicht gebogener Bildschirm, um die 30 Zoll im Durchmesser, hochauflösende Darstellung, höchstmodernes Gerät. Ausgerechnet diejenigen, die diese großen Bildschirme wohl am nötigsten brauchen, hatten sie vergessen, als es darum ging, die Büro-Austattung zu bestellen für den Orange Campus, die neue Heimat des Basketball-Bundesligisten Ratiopharm Ulm. Mitte Juli haben die Angestellten das Domizil am Donauufer bezogen, ein fünfstöckiges Bürogebäude mit angrenzendem Hallenkomplex - "das wahrscheinlich spannendste Projekt derzeit im deutschen Basketball", wie André Voigt twitterte, der Chefredakteur der Fachzeitschrift Five.

Das ist wahrscheinlich nicht mal übertrieben. "In Deutschland habe ich so was noch nicht gesehen, nicht mal auf dem FC-Bayern-Campus", sagt der Nationalspieler Ismet Akpinar, der im Juni während des Finalturniers um die deutsche Meisterschaft die Gelegenheit hatte, in München zu trainieren, also den direkten Vergleich hat. Akpinar war einer der Ersten, die nun in den Orange Campus durften, er hatte seinen Individual-Coach Moris Hadzija mitgebracht, mit dem er im Sommer sonst immer in Kroatien an seinem Spiel gefeilt hat. Auch Hadzija gerät ins Schwärmen: "Das ist die modernste Einrichtung, in der ich je gearbeitet habe. Ich komme mir vor wie in Disneyland."

Ein Trainingsangebot im Sommer - "das ist eine Marktlücke", glaubt Sportdirektor Leibenath

Drei Spielplätze stehen Ulms Basketballern künftig zur Verfügung, den Profis der ausgegliederten GmbH ebenso wie den Jugendlichen des Vereins. Dazu Fitnessräume, eine 160-Meter-Laufbahn, ein "Athletic Lab", in dem sie kognitive Fähigkeiten schulen können, teils mit lasergesteuerten Übungen, undundund. Das vorrangige Ziel des Klubs sei ja nie gewesen, Meister zu werden, erzählt Andreas Oettel, einer der beiden Geschäftsführer: "Aber wir wollten irgendwo vorne sein." Daraus entstand die Idee: "Wir wollen das führende Leistungszentrum in Deutschland werden." Dafür haben sie nun nicht bloß die Duschköpfe in den Brausen auf die Höhe von 2,50 Meter geschraubt, damit sich die groß gewachsenen Akteure die Köpfe nicht anstoßen.

Sie haben auch in die Haupthalle und die beiden weiteren Trainingshallen Kameras installiert, ein digitales, integriertes System, wie es in den USA bereits im College-Basketball üblich ist; hierzulande ist das neu. "Dadurch gibt es noch mehr Möglichkeiten, das Training zu analysieren", erklärt Leibenath, der bis vor einem Jahr Chefcoach in Ulm war und den Job dann an Lakovic übergeben hat. "Man kann den Spielern dann nicht nur etwas sagen", fügt Leibenath hinzu, "man kann ihnen auch direkt etwas zeigen." Eine entsprechende App habe schon jeder Jugendcoach auf seinem Handy. Auch Leibenath und Lakovic können künftig jedes Training von ihren Büros aus beobachten, dafür sind die großen Monitore halt besser.

Wie teuer dieses Kamerasystem war, mag Leibenath nicht sagen, der Posten geht auf in den Gesamtkosten von 23,5 Millionen Euro, die der Orange Campus verschlungen hat. Sechseinhalb Millionen davon hat der Verein BBU '01 e.V. als Eigenmittel aufgebracht, der Rest sind Zuschüsse von Investoren, des Landessportbundes Württemberg sowie der Städte Ulm und Neu-Ulm. Es ist ein kompliziertes Konstrukt, geschuldet den örtlichen Gegebenheiten. Das Grundstück, auf dem der Orange Campus steht, liegt in Neu-Ulm, auf der bayerischen Seite der Donau, gehört aber zu zwei Dritteln der auf baden-württembergischem Terrain liegenden Stadt Ulm. Es bedurfte also der Zustimmung von gleich zwei Stadträten in zwei Bundesländern, eine politische Herausforderung.

"Letztlich haben aber alle die Chance gesehen, die der Orange Campus bietet", sagt Oettel. 20 Jahre lang war das 18 000 Quadratmeter große Grundstück brach gelegen, "keiner kam auf die Idee, hier was zu entwickeln", erzählt er weiter. Wohnungen zu bauen ging nicht, wegen der vielbefahrenen Brücke, die gleich nebenan über die Donau führt. Aber ein Leistungszentrum für die Basketballer, das war möglich.

Die reine Bauzeit war dann relativ kurz, vom Spatenstich im November 2018 bis zum Einzug im Juli 2020 vergingen 20 Monate. Nun muss das Gebäude mit Leben gefüllt werden. Ein Teil des Komplexes gehört dem Verein BBU '01, nach Zahl der aktiven Mitglieder (rund 800) der zweitgrößte Basketballklub Deutschlands hinter Alba Berlin: die Hallen, die Geschäftsstelle, das Foyer. Daneben gibt es einen kommerziellen Teil mit Büros, Konferenzzentrum, Fitnessstudio. Dort sitzt auch die BBU '01 GmbH, die den Spielbetrieb der Bundesligaprofis organisiert und nun auch schauen muss, dass sie mit dem Orange Campus Geld verdient. "Das spielt eine wichtige Rolle bei der Refinanzierung", sagt Oettel, "nur über den Verein geht das nicht."

Neben der Vermietung von Büroflächen an Fremdfirmen wollen die Basketballer auch mit ihrem ureigensten Geschäft zu den Betriebskosten beitragen. Also haben sie zum Beispiel sofort Trainingsmöglichkeiten angeboten in ihren Hallen. "Du willst eine Immobilie im Sommer ja nicht ungenutzt stehen lassen", sagt Leibenath.

Über Akpinar, der zwischen 2017 und 2019 für Ulm in der Bundesliga auflief, kam der Kontakt zu Hadzija zustande, der seit Jahren in seiner Heimat Kroatien Sommercamps organisiert für Basketballer, die sich während der Ligapause verbessern wollen. "Das Thema Off-Season-Workouts ist noch ein kümmerliches Pflänzchen hierzulande, im Gegensatz zu den USA", hat Leibenath festgestellt. Die meisten deutschen Profis machen im Sommer einfach Urlaub, auch mangels anderer Angebote. "Das ist eine Marktlücke", findet Leibenath, der sich umgehend daran gemacht hat, sie zu stopfen. Und weil Hadzija festgestellt hat, dass viele seiner bisherigen Klienten in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht nach Kroatien kommen wollten, verlegte er sein Angebot kurzerhand nach Ulm.

Das Sommerprogramm "ist extrem gut angelaufen", findet Leibenath: Nationalspieler wie Akpinar haben schon dort trainiert, etliche Bundesliga-Profis waren da, aus Israel, Belgien, Malta wollten Spieler kommen. Derzeit ist das Angebot auf zwölf Spieler am Tag beschränkt, maximal vier trainiert Hadzija gleichzeitig in einer Gruppe. Manche Profis bleiben nur ein paar Tage, andere vier Wochen. Leibenath ist überzeugt, dass sich die idealen Bedingungen im Orange Campus herumsprechen: "Ich gehe davon aus, dass auch mal Nationalmannschaften für ein Trainingslager zu uns kommen."

© SZ vom 12.08.2020

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