Basketball Der Verrückte soll sich ausleben

Nur noch selten dabei: In den Bundesliga-Playoffs musste Braydon Hobbs (links, hier in der Euroleague gegen Podgorica) sogar auf der Tribüne Platz nehmen.

(Foto: Christian Kolbert/imago)

Braydon Hobbs muss den FC Bayern verlassen, weil seine oft unbekümmerte Spielweise Trainer Dejan Radonjic zu risikoreich ist. Er wechselt nach Oldenburg.

Von Ralf Tögel

Zuerst habe er mit Braydon gesprochen, erzählt Marko Pesic. Es ist ihm wichtig, dies zu sagen, denn der Geschäftsführer der Basketballer des FC Bayern München hat stets betont, wie sehr er den Sportsmann Braydon Hobbs aus Lowell, Kentucky schätzt. Also telefonierte er am Tag nach der Meisternacht zunächst mit seinem amerikanischen Guard, um nach dessen Befinden zu fragen. Es gehe ihm gut, sagte Hobbs, was sonst, der 30-Jährige ist ein Spieler, der nicht gerne im Fokus steht, einer, der sich nie zu wichtig nimmt, für Spieler wie Braydon Hobbs hat man den Begriff "Teamplayer" erfunden. Als am Dienstag auch die offizielle Meisterfeier im Biergarten am Nockherberg vorbei ist, sitzt Pesic im Schatten einer Kastanie und sagt: "Wenn er mich nach einem Rat zu seiner Zukunft fragen würde, dann würde ich ihm raten, irgendwo hinzugehen, wo er spielen und sich ausleben kann.

Und dann wieder nach München zu kommen und hier zu bleiben." Offenbar hat Braydon Hobbs den Rat des FC-Bayern-Geschäftsführers recht schnell beherzigt, denn nach SZ-Informationen hat der Guard mittlerweile beim Playoff-Halbfinalisten Oldenburg einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Die EWE Baskets können einen wie ihn gut gebrauchen, einen kreativen Spielmacher, der über einen äußerst sicheren Distanzwurf sowie viele verrückte Ideen verfügt, der eine Mannschaft mit seinem anarchischen Spiel und seiner sympathischen und stets positiven Ausstrahlung bereichern kann. Damit verliert Uli Hoeneß seinen Lieblingsspieler, von dem er sagt, dass "Hobbs links blinkt und nach rechts spielt".

Er wollte Wildhüter werden und studierte dann Kriminalistik. Profi wurde er, um die Welt zu sehen

Nicht selten stockte den Verantwortlichen der Atem, wenn der 1,96 Meter große Schlaks in einer entscheidenden Phase einen Hochrisikopass über das gesamte Spielfeld warf oder kalt von der Bank kommend sofort einen Dreier aus großer Distanz versuchte. Meist waren diese ungewöhnlichen und kreativen Momente von Erfolg gekrönt, wie Pesic feststellt: "Ohne Braydon hätten wir in der vergangenen Saison weder den Pokal noch die Meisterschaft gewonnen." Doch da war die meiste Zeit der serbische Nationaltrainer Aleksandar Djordjevic am Ruder, der aber nach dem Pokalsieg entlassen und durch den Montenegriner Dejan Radonjic ersetzt wurde. Und der sieht in der Abwehrarbeit die Grundlage für Erfolge. Radonjic ist die oft unbekümmerte Spielweise von Hobbs zu risikoreich, das Defensivspiel gilt zudem nicht als seine große Stärke. Radonjic gab zunehmend dem Serben Nemanja Dangubic den Vorzug, der ist trotz seiner 2,04 Meter Größe ein ausgewiesener Abwehrspezialist ud verfügt darüber hinaus über einen sicheren Distanzwurf. In den Playoffs musste Hobbs sogar ganz auf die Tribüne, weil die 6+6-Regel in der Bundesliga nur sechs Ausländer erlaubt, der FC Bayern aber wie jede international orientierte Mannschaft mehr Legionäre im Kader hat.

Nur einmal im Viertelfinale gegen Braunschweig durfte Hobbs mitspielen, weil Stefan Jovic wegen einer Blessur geschont wurde. Hobbs ertrug diese Umstände ohne jedes Zeichen von Larmoyanz: "Wenn der Trainer mich bringt, gehe ich aufs Feld und versuche meinen Teamkollegen zu helfen." Ein typischer Satz des Amerikaners, auf Dauer war dieser Zustand aber zu wenig für einen Profi von seiner Klasse - der wohl bei den meisten Bundesliga-Konkurrenten ein Kandidat für die Startformation wäre.

In Gießen zeigte er seine berüchtigten No-Look-Pässe erstmals vor größerem Publikum

Dabei hat der Amerikaner bislang alles andere als eine geradlinige Karriere hinter sich, Profi-Basketballer war gar nicht seine erste Berufswahl. Der passionierte Jäger und Fischer tendierte in Richtung Wildhüter, wie er einmal erzählte, ehe er während seines Studiums der Kriminalistik eine Karriere beim Geheimdienst CIA oder der Drogenfahndung DEA als noch reizvoller erachtete. Basketball war Ausgleich, Nebensache, der er in einem zweitklassigen College-Team seiner Universität in Kentucky nachging. Die Idee, es angesichts seines Talents doch mal in Übersee zu versuchen, schreibt er seinem Vater zu. Zunächst verdingte er sich in den Sommermonaten bei Zweitligisten in Australien. Im Winter spielte er in Spanien, ebenfalls zweitklassig, mal in Ungarn. Hobbs ging es dabei nie ums Geld, er wollte mit seiner Frau lieber etwas von der Welt sehen, "wir reisen gerne, wir haben das genossen".

Das Angebot vom deutschen Zweitligisten Nürnberg brachte schließlich seine Profikarriere entscheidend in Schwung, er lernte die BBL als neues Ziel kennen. In Gießen wurden seine berüchtigten No-Look-Pässe erstmals einem größeren Basketball-Publikum vor Augen geführt, der erste Schritt in Richtung Sesshaftigkeit war getan. In Ulm führte er die Mannschaft auf den ersten Platz nach der Hauptrunde, hinterließ dabei bei einem Gastspiel in München nicht nur beim FCB-Präsidenten einen so guten Eindruck, dass er bald darauf an der Isar anheuerte. Nun ist er zweimaliger deutscher Meister und Pokalsieger, hat in der Euroleague beeindruckt und will aus Deutschland vorerst nicht mehr weg. An Angeboten mangelt es nicht, wie sich gezeigt hat, Hobbs wird demnächst mit Ehefrau Sadie und seiner kleinen Tochter nach Niedersachsen umsiedeln.

Seinen ursprünglichen Berufswunsch bei der Polizei hat er übrigens noch nicht aus den Augen verloren. Vielleicht wird er ja doch noch Drogenfahnder. Und wenn das nicht klappt, hält ihm Marko Pesic ja ein Plätzchen beim FC Bayern frei.