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Anti-Doping-Kampf:Strengere US-Justiz

In Washington wird der Rodchenkov Act verhandelt. Ein Anti-Doping-Gesetzesvorstoß, benannt nach Whistleblower Rodtschenkow. Das IOC hat Bedenken.

Gefahr ist in Verzug, aus Sicht des Internationalen Olympischen Komitees. Es geht um sein heikelstes Geschäftsthema, Doping, da legt sich das IOC in der Not auch mal mit den Gesetzgebern in den USA an. Wie es scheint, ist die Not diesmal sogar sehr groß.

Was ist passiert? In Washington wird gerade der Rodchenkov Act verhandelt. Ein Anti-Doping-Gesetzesvorstoß, benannt nach dem russischen Whistleblower Grigorij Rodtschenkow, mit dessen Hilfe die russische Staatsdoping-Affäre aufgedeckt wurde. Der frühere Leiter des Moskauer Analyselabors steckt seit Jahren im US-Zeugenschutzprogramm, weil es viele ernstzunehmende Hinweise gab, dass sein Leben bedroht ist.

Die Amerikaner wollen Doping bei großen Sportevents im Lande als Straftatbestand klassifizieren und hart sanktionieren: mit Gefängnisstrafen bis zu zehn Jahren und Geldbußen bis zu einer Million Dollar für Herstellung, Verteilung oder Verwendung verbotener Substanzen. Das ist happig. Es könnte künftige Teilnehmer an großen Wettbewerben in den USA viel stärker vom Griff in die Pharmakiste abhalten als die gängigen Sporttests. Dass diese höchst ineffizient sind, ist ebenso bekannt wie der Umstand, dass die US-Justiz in Fragen der Sportkriminalität rigoros handelt. Sie durchforstet dann lieber Internet, Bankenwelt und Offshore-Netze, statt sich mit Pipifax aufzuhalten - das weiß längst auch das IOC. Ermittelt wird hier rund um Amtsträger, höchstrangige Leute mussten bereits abdanken, und diese Korruptionsabklärungen stehen noch am Anfang.

Auch verriet das IOC in der russischen Staatsdoping-Affäre eine solche Kreml-Nähe, dass es sogar auf Widerstand in eigenen Reihen stieß; was bemerkenswert ist, weil das IOC als Dachinstanz interne Widerstände gern mit wirksamen Machtmethoden auszuräumen pflegt. Im Russland-Skandal hat das IOC mit einer seltsam täterfreundlichen Verfahrensweise die Glaubwürdigkeit verspielt.

In dieses Bild passt die Reaktion des Ringe-Konzerns auf den US-Gesetzesvorstoß. Den Branchendienst insidethegames ließ das IOC wissen, es mache sich Sorgen, "dass mit dem Gesetz alle Athleten aus den 206 Nationalen Olympischen Komitees nach US-Recht beurteilt werden würden". Es kann dem IOC natürlich nicht gefallen, die Kontrolle im Dopingbereich zu verlieren: So harte Strafen? Oje, leber nicht. Da kann die Argumentation dann schon mal wegrutschen. Denn warum sollte für Sportler nicht dasselbe gelten, was für jeden Menschen gilt, der Straftaten in den USA begeht? Versetzt hat das IOC den kleinen Propaganda-Vorstoß mit einer Spitze, die auf die Organisation zurückfällt: Die USA sollten sich lieber um ihren Kram kümmern - um das "niedrige" Testniveau in ihren Profiligen.

Doping bei Events im Lande könnte mit Haft bestraft werden

Das zielt auch auf den Chef der US-Dopingagentur Usada, die ja selbst die Zustände in Baseball, Basketball, Football anprangert, Travis Tygart. Der hatte mit kriminalistischer Fahndungsarbeit den größten Radsporthelden des Planeten zu Fall gebracht: Lance Armstrong, USA. Seither gilt Tygart als Ikone der Dopingbekämpfung, was ihn interessanterweise in die Daueropposition zum IOC und dessen Hintersassen gebracht hat.

Nun klingt es wie ein Witz, dass das IOC die USA auffordert, ihrer "Partnerschaft gegen Korruption im Sport" beizutreten, die es jüngst gegründet hat; wie üblich mit Regierungen. Von irgendwo muss das Geld ja herkommen für all die Jetzt-wird-aber- richtig-aufgeräumt-Stäbe des Sports. Dabei dienen solche von Funktionären gesteuerte Organe fast nur der Publikumsberuhigung. Was sogar für die Welt-Anti-Doping-Agentur gilt: Die blieb 2014 untätig, als ihr Whistleblower hartes Material zum russischen Staatsdoping lieferten - sie informierte sogar Moskau. Was die Hinweisgeber so in Gefahr brachte, dass sie sich an Medien wandten; erst dann flog die Affäre auf. Es braucht Gesetze im Sport. Auch, weil es dort ein IOC gibt.

© SZ vom 28.07.2018
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