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Amateurfußball:Brasilianer in der Kreisliga

Bayernliga-Spitzenspiel im Jahre 2014 : Aichachs Michael Hutterer (r.) im Derby gegen Pipinsrieds Serge Yohoua.

(Foto: joergensen.com)

Der BC Aichach gehörte Patriarchen und wollte in die dritte Liga, mindestens. Seine Geschichte verrät viel Beispielhaftes über die Hybris im Amateurbereich.

Es war der Zufall, der Hans-Joachim Wiener das erste Mal hierher führte, und die Gemeinschaft, die ihn so lange bleiben ließ. Seit fast 30 Jahren geht er diesen Weg jetzt schon, links die Betonbahn der Stockschützen, rechts die Vereinsgaststätte, durch das Kassenhäuschen aus dunklem Holz, ein paar lange Stufen hinunter und Wiener steht auf dem Rasen. Er schaut sich um und sagt: "Sieht alles aus wie damals, det is' ja auch mal was." Es sieht alles so aus, wie es bei einem Amateurverein aussieht, und nichts deutet darauf hin, welch sonderbare Dinge sich beim BC Aichach schon so zugetragen haben.

Wie hier Patriarchen das Kommando übernahmen, einer nach dem anderen, obwohl deren Treiben in der Stadt niemanden interessierte. Wie dieser Klub trotzdem auf dem Weg in den Profifußball war, wie er abstürzte, fast bankrott ging und zum Umschlagplatz für Talente aus dem Ausland verkam. Wem gehört der Fußball eigentlich? Um den kleinen BC Aichach entspann sich plötzlich diese große Frage, auch weit über die Stadtgrenzen hinaus. Es ist eine Geschichte, die auch viel über die Hybris im bayerischen Amateurbetrieb verrät.

Hans-Joachim Wiener, 62, hat das alles beobachtet, aus nächster Nähe, er konnte ja irgendwie nicht anders. Der Verein war sein "Anker", wie er sagt, durch ihn fand er Freunde, Bekannte, Halt. Wiener ist im Osten aufgewachsen, Berlin-Köpenick, ein kräftiger Mann mit Ohrring, ein Arbeiter. Es war Anfang der Neunzigerjahre, als er auf eine Hochzeit in Bayern eingeladen war, in Aichach legte er auf der Heimreise einen Zwischenstopp ein. Die Stadt gefiel ihm, es war beschaulich. Wiener blieb.

Eine bayerische Kleinstadt ist aber nicht Berlin-Köpenick, irgendwie musste er Anschluss finden. "Da hab' icke mir gedacht, den Fußball versteht man überall", sagt Wiener, und wohl nichts könnte sein neues Leben besser umschreiben als dieser Satz. Er wird von allen "Icke" genannt, weil er eben "icke" statt "ich" sagt, und auf diese Idee kamen die Fußballer des BC Aichach. Über den damaligen Vereinspräsidenten bekam Wiener einen Job, er kickte in der Reservemannschaft und bei den Alten Herren, mit ihnen wurde er viermal bayerischer Meister. Inzwischen ist Wiener das "Mädchen für alles", wie er sagt, Stadionsprecher, Betreuer, eine dieser guten Seelen, ohne die das Vereinswesen zum Erliegen kommen würde.

Aichach, etwa 20 000 Einwohner, liegt im Regierungsbezirk Schwaben und ist vor allem dafür bekannt, dass Kaiserin Sisi hier mal Urlaub machte und das Adelsgeschlecht der Wittelsbacher aus ihr hervorgegangen ist. Den Aichachern gefällt es zwar nicht, dass sie seit einer Reform nicht mehr zu Oberbayern gehören, was man auch an den gemischten Dialekten merkt. Aber so schlimm ist das auch wieder nicht, der Wirtschaft und den Leuten geht es gut. Aichach liegt im Zentrum des Dreiecks München-Augsburg-Ingolstadt, gerade deshalb fehlt es der Stadt aber auch ein bisschen an Orientierung und Identität. Wenn die Leute auf etwas stolz waren, dann auf ihren BC Aichach. Icke Wiener sagt: "Man glaubt's kaum, aber der BCA is' schon ein Mythos hier, dat merkste."

Der Verein spielte lange in der Landesliga, früher die höchste bayerische Amateurliga, es waren auch die goldenen Zeiten des bayerischen Amateurfußballs. Die Menschen hatten keine Smartphones und es gab sogar noch Tage, an denen kein Live-Fußball im Fernsehen lief, sehr viele sogar. Auf Fußball wollten die Leute natürlich trotzdem nicht verzichten, also schauten sie bei ihrem Stadtverein zu, in Aichach waren es jede Woche ein paar Hundert Leute, manchmal sogar mehr. Sogar der große Bobby Charlton war mal mit Manchester United zu Gast, den Bayern hat der BCA mal in einem Freundschaftsspiel ein 7:7 abgetrotzt, gegen Trainer Udo Lattek, Klaus Augenthaler und Lothar Matthäus.

Wer in Aichach spielte, der war in der Region also schon eine große Nummer, aber natürlich kann so etwas auch Missgunst nach sich ziehen. Bis heute gelten die Aichacher als arrogant, die Fußballer von den umliegenden Dorfvereinen als Neider, so ist das eben auf dem Land. Bei den vielen Bierfesten im Umkreis ist es eine Tradition, dass in den Ruhepausen der Blaskapelle ein Schmählied angestimmt wird, "ale ale ale ale oh, B-C-AAA...", dann werden die Spieler und ihre Mütter beleidigt, und die Beleidigten stehen auf den Tischen und saugen alles genüsslich in sich auf.

Solche Dinge sind auch ganz nach dem Geschmack von Volker Weingartner. Das ist der Mann, der diesen Verein ins Profigeschäft führen wollte, die Geschichte des BCA teilt sich in eine Zeit vor und nach Weingartner. Er stieg 2009 im Verein ein, erst als Sponsor mit weitreichenden Befugnissen, dann wurde er zum ersten Vorstand und Alleinunterhalter. Der BCA hatte sich in den 2000er Jahren finanziell übernommen, schon damals wurden im höheren Amateurbereich Gehälter gezahlt, es ging runter bis in die Kreisliga. Weingartner tilgte die Schulden, er investierte viel Geld, am Ende waren es viele Millionen. In die dritte Liga sollte es gehen, mindestens.

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Wollte aus dem BC Aichach wieder eine große Nummer machen: Mäzen Volker Weingartnermit Sonnenbrille und dem vom FC Bayern II verpflichteten Alexander Benede.

(Foto: Siegfried Kerpf)

Weingartner konnte sich das alles auch locker leisten, er schrieb eine dieser Erfolgsgeschichten des deutschen Mittelstands. Aus dem Nichts hatte er ein Millionenunternehmen hochgezogen, Hochwasserschutz. Seinen Mitmenschen zeigte er gerne, was er hatte, seine Porsches, seine teuren Uhren, irgendwann wollte er es halt auch im Fußball allen zeigen. Und dann hat Volker Weingartner alles verloren.

Man trifft ihn am Münchner Marienplatz, dort hat seine Lebensgefährtin einen Lifestyle-Laden, Weingartner hilft immer wieder mit. Ein Mann mit Glatze, einem heiteren Gemüt und einer Stimme wie ein Rasenmäher, man hörte sie früher in jedem Winkel der Fußballplätze. Warum hat er das eigentlich gemacht, all das Geld, das Herzblut? "Manche spielen Golf, andere kaufen sich einen Jet, ich hab' mich halt schon immer für den Fußball begeistert", sagt Weingartner. Das Problem war, dass Begeisterung für sein Projekt in der Stadt nie wirklich aufkam, dafür gab es viele Gründe: Ex-Profis und hochbezahlte Amateure verdrängten die Einheimischen, regionale Sponsoren stiegen aus, der BCA wurde jetzt von vielen als Söldnertruppe beschimpft.

Und dann wäre noch Weingartners Art, er polarisiert und redet schon mal in der dritten Person von sich, er sagt etwa: "Ein Volker Weingartner hat Ecken und Kanten, man liebt ihn oder man hasst ihn." Und ja, es gab die Leute, die ihn liebten: Die Stockschützen etwa, weil er sich auch um sie kümmerte, aber auch Icke Wiener, der Betreuer und Stadionsprecher. "Die Zeit mit Volker möcht' ich nie missen", sagt Wiener, "wir waren endlich wieder wer, und das war schön."

Weingartner wiederum gefiel seine Rolle als schillernder Mäzen, die Vergleiche mit Dietmar Hopp oder Roman Abramowitsch, im Mai 2012 kündigte er in der SZ an: "Ich bin gerne der BC Hollywood der Regionalliga." Bis dorthin hätte er seine Mannschaft auch fast gebracht, aber zugeschaut haben nicht mehr Leute als damals in der Kreisliga.

Also, nochmal die Frage, warum das Ganze? Seine Antwort klingt jetzt wie eine Parabel auf Teile des Amateurbetriebs: "Es geht um Egos. Punkt. Wer was anderes behauptet, der lügt." Tatsächlich betrieb Weingartner nur im großen Stil, was andere auch machten. Im Umkreis von 25 Kilometern tummelten sich zig weitere Bayernligisten, der TSV Aindling, der FC Affing, der FC Pipinsried, der TSV Gersthofen, es war die Vorzeigeregion des bayerischen Amateurfußballs. Die Gönner, Vorstände und Sponsoren waren Feudalherren, so stolzierten sie auch durch ihre kleinen Gemeinden. Weingartner sagt: "Das ist eine Spielwiese für Männer, das stachelt sich hoch, jeder will besser sein als der andere."

Doch dann marschierte die Staatsanwaltschaft beim TSV Aindling ein, Ende 2011 war das, Steuerhinterziehung, dem Verein wurde zwischenzeitlich die Gemeinnützigkeit aberkannt, Funktionäre entgingen nur knapp Gefängnisstrafen. Jeder Amateurkicker weiß, dass das System hat: Scheine in Briefkuverts, Hunderte von Euro, alles schwarz, das geht runter bis in die A-Klasse. Der TSV Aindling, so sahen das viele, sollte herhalten, um die anderen abzuschrecken. Heute liegt diese einst so stolze Fußballregion brach, bis auf Pipinsried mussten alle ein paar Ligen runter.

Weingartner hatte keine Probleme mit der Justiz, er konnte sich ja die legale Bezahlung locker leisten, und zur Not gibt es ja noch den im Amateurfußball altbewährten Trick: Spieler werden in vereinsnahen Unternehmen angestellt, meistens ein Scheinjob, Hauptsache, die Kohle fließt. In Weingartners Firma gingen die Spieler aber wirklich arbeiten. Frühere Profis machten Ausbildungen, nach halbgescheiterten Karrieren hatten sie eine neue Perspektive. "Darauf bin ich vielleicht am meisten stolz", sagt Weingartner.

Stolz ist er aber auch auf den letzten Akt seiner Ära, es war ein bisschen wie in diesen überzeichneten Hollywood-Sportstreifen: Die Individualisten des BCA wurden zu einer Einheit, sie fegten nur so über ihre Gegner hinweg, die Hinrunde der Saison 2013/14 war eine der besten, die eine Mannschaft in der Bayernliga je gespielt hat. Und dann, so kurz vor dem großen Ziel, schien alles vorbei. Weingartners Unternehmen musste im Winter Insolvenz anmelden, für die vielleicht bestbezahlten Fünftligakicker der Republik war kein Geld mehr da. Und dann passierte etwas, womit seinerzeit niemand gerechnet hatte: Die Söldnertruppe blieb zusammen, sie spielte einfach weiter, gratis, für den Sport. Und wurde Meister. Auch Weingartner, dem das Publikum auf fremden Plätzen ohnehin nie wohlgesonnen war, hätte jetzt von der Bildfläche verschwinden können, stattdessen ertrug er dort Häme, Spott und Beschimpfungen. "Es ging jetzt nur noch um Fußball", erinnert sich Icke Wiener, der Mannschaftsbetreuer, "einfach nur um Fußball, und da steht man sowas halt gemeinsam durch."

Aber war es das alles wirklich wert, rückblickend betrachtet? "Man schwebt da so mit", sagt Wiener, "so ein Risiko sollte man aber nie wieder eingehen." Und Weingartner, der Macher, bei dem es immer nur steil bergauf ging und der auf dem besten Wege war, einen Provinzklub ins Profigeschäft zu führen, der pleite ging und seinen Lebensstil komplett ändern musste, dieser Volker Weingartner sitzt jetzt in einem Lifestyle-Laden am Marienplatz und sagt: "Wenn einer zu mächtig wird, dann wird's problematisch. Immer."

Icke Wiener BC Aichach; Icke Wiener

Betreuer Icke Wiener sagt: „Die Zeit möcht’ ich nicht missen, wir waren endlich wieder wer.“

(Foto: oh)

Denn da war ja noch ein Gesamtverein, mit Jugendarbeit, Schach- und Stockschützenabteilung, und auch diese hinreißende Rückserie der ersten Fußballmannschaft konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es beim BC Aichach jetzt um die blanke Existenz ging. Er war ein Ein-Mann-Betrieb geworden, und dieser eine Mann konnte jetzt eben keine laufenden Kosten mehr decken. Weingartner musste den BCA wieder hochverschuldet übergeben. Die Alteingesessenen versammelten sich, ein Krisengremium. Wiener war auch dabei, er sagt: "Es ging nur um eins: Wie geht es weiter, geht es überhaupt weiter?" In der Stadt machte sich eine Welle der Solidarität breit, Privatleute und Unternehmen spendeten, der Verein konnte gerettet werden. Die andere Frage aber war, wie es mit der Mannschaft weitergehen sollte, die einheimischen Spieler waren längst weg und die Bayernligameister inzwischen auch. Vermutlich hätte der BCA den Spielbetrieb für mehrere Jahre einstellen müssen, wenn bei einem der neuen Vorstände nicht dieser Anruf eingegangen wäre: Sascha Hrnjacki war dran, ein Mann, dem im Großraum München ein zweifelhafter Ruf vorauseilte.

Eine Fußballmannschaft? Klar, die kann er besorgen.

Hrnjacki importierte Spieler aus dem Balkan, aus Brasilien, in Aichach sollten sie vorspielen, damit er sie später mal zu Geld machen kann. Junge, am Ende nur mäßig talentierte Fußballer wurden in die Kreisliga gelockt, dort ging es für den BCA weiter. Hrnjacki versprach ihnen große Karrieren, aber vorläufig hatten sie in eher dürftigen Unterkünften zu hausen.

Kann man sich auf so etwas einlassen, nur damit in Aichach weiter Fußball gespielt wird? "Hrnjacki war det' Schlimmste, was wir in der Stadt je hatten", sagt Icke Wiener. Wenn man sich heute bei den damaligen Funktionären umhört, dann bezeichnen sie diese Entscheidung als "großen Fehler" - es sei so aber auch nicht absehbar gewesen. Der Verein jedenfalls war schon wieder abhängig von nur einem Mann, und zwar diesmal von einem, der nicht sein Geld hinein steckte, sondern eine ganze Sparte zweckentfremdete. Hrnjacki, so empfanden das viele, wollte diesen Klub kapern, um ein bisschen Trainer, Manager und Scout zu spielen. Nach 15 Monaten trennte man sich von ihm, Hrnjacki verschwand zu einem serbischen Profiklub.

In Aichach jedenfalls wurde dann der nächste starke Mann vorstellig, ein örtlicher Obst- und Gemüsegroßhändler, der auch schon in allerlei Vereinen im Umkreis tätig war. Auch mit ihm kamen Spieler, auch er blieb nicht lange. Inzwischen war es den Alteingesessen im Klub gelungen, in der Region verstreute Eigengewächse zurückzuholen, auch aus der Jugend kamen Spieler nach. "Wenn icke so zurückblicke", sagt Icke Wiener, "dann macht's mir mit unseren eigenen Jungs viel mehr Spaß." In Aichach wird heute wieder ganz normaler Amateurfußball gespielt, es gibt kein Geld, keine Strippenzieher, nach den Spielen sitzt man stattdessen in der Vereinsgaststätte beisammen, bei Bier und Pizza.

Der BCA ist momentan Tabellenführer in der Kreisliga, im letzten Spiel vor der Winterpause gab es ein 1:1 gegen den TSV Pöttmes, den Zweitplatzierten und Meisterschaftsfavoriten. Und in Pöttmes, rund 15 Kilometer von Aichach entfernt, gleicher Landkreis, geschehen gerade sonderbare Dinge: Ein Unternehmer ist eingestiegen, in die Landesliga soll's gehen, mindestens. Teure Kicker werden verpflichtet, trotzdem sehen nicht mehr Leute zu als vorher. Und die Staatsanwaltschaft war auch schon da: Es geht um schwarze Kassen, die Ermittlungen laufen.

© SZ vom 28.12.2019
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