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FC Bayern:Nübel und die Schreckensherrscher im Bayern-Tor

Training FC Schalke 04

Spielt derzeit noch bei Schalke: Alexander Nübel

(Foto: dpa)

Alexander Nübel hat das Talent, in München eine Ära zu prägen. Doch die bayerische Torwarthistorie zeigt: Die Aura eines Unüber­windbaren lässt sich auf der Ersatzbank schwer erzeugen.

Wenn Walter Junghans in München auf der Tribüne auftaucht, beginnen die Leute immer noch zu tuscheln. "Sind Sie nicht ...?", fragen die Leute dann, und Junghans antwortet: Ja, ich bin's. Vermutlich hat er sich irgendwann mal ein automatisches Lächeln besorgt, das er anknipsen kann, wenn die Leute ihm dann diese Supergeschichte erzählen. Der Sepp Maier habe doch mal gesagt, der Junghans werde hinter ihm zum Althans, haha ... Walter Junghans kennt die Geschichte. Es ist seine eigene.

Wer es nicht mehr weiß: Junghans hat Ende der Siebziger etwas Verrücktes gewagt. Er war jung und begabt, ja, okay - aber war das schon ein Grund, Stammtorwart beim FC Bayern werden zu wollen?

Walter Junghans ist nach Sepp Maier tatsächlich mal die Nummer eins in München gewesen, aber eine Ära hat er nie geprägt. Eine Weile hat er sich mit Manni Müller im Tor abgewechselt, bevor er etwas noch Verrückteres tat, nämlich nach Schalke zu wechseln. Dennoch hat Junghans bei Bayern ein Muster hinterlassen, und man mag für den Torwart Alexander Nübel hoffen, dass er sich im Fach "Ältere bayerische Torwartgeschichte" nicht so gut auskennt. Nübel sollte die nächsten Absätze überspringen, er muss das nicht wissen: In Bayerns Torwartgeschichte wimmelt es nur so von Althänsen. Von Torhütern, die jung und begabt waren, aber an den Helden nie vorbeikamen.

Kahn und Neuer waren bei ihren Wechseln schon kleine Michelin-Männchen

Ob Scheuer, Wessels, Gospodarek oder Rensing - von welchem Trainer, dem sein Leben lieb ist, hätte man verlangen sollen, dass er Oli Kahn fragt, ob er bereit wäre, mal drei, zwei oder auch nur ein Spiel herzuschenken? Und wenn man Manuel Neuer fragt, ob er für den Zugang Nübel ab Juli mal auf ein paar Spiele verzichtet, dann bekommt man auch nur die Antwort, die man schon vorher kennt. Nein! Kein Spiel schenkt er her, nicht mal gegen den Fanclub Die 13 Höslwanger.

Es ist ein historischer Fakt, dass es zu den gemeineren Schicksalen gehört, einem bayerischen Torwarthelden nachzufolgen. Die Junghans-Story wurde ja zweieinhalb Jahrzehnte später ziemlich detailgetreu nachgestellt: So wie es Junghans nicht schaffte, in Sepp Maiers riesige Handschuhe zu schlüpfen, so scheiterte Michael Rensing beim Versuch, sich auf Kahns titanische Torlinie zu stellen. So wie Junghans sich mit dem Routinier Müller abwechseln musste, erging es Rensing mit dem Routinier Jörg Butt.

Nübel - und jetzt darf er wieder mitlesen - dürfte mehr Potenzial als Rensing und die anderen besitzen, vielleicht hat er sogar das Potenzial, als Bayern-Torwart eine Ära zu prägen. Einleuchtend ist also der Versuch des Sportchefs Salihamidzic, sich den Mini-Manu in dem Moment zu sichern, in dem er ablösefrei auf den Markt kommt. Allerdings (jetzt lieber nicht mehr lesen) ist dieser Moment gemäß bayerischer Torwarthistorie nicht sehr günstig für Nübel, zumal Neuer ja immer noch da ist.

Kahn und Neuer waren gestandene Gestalten, als sie aus Karlsruhe und Schalke kommend in München eintrafen, auf ihrem Weg zu Schreckensherrschern im Tor waren sie schon ganz gut vorangekommen. Sie hatten international beglaubigte Ausweise ihrer Macht im Gepäck, bei Kahn war es ein Spiel gegen Valencia, bei Neuer eines in Porto. Große Torhüter brauchen diese Aura, ihre besten Paraden sind die, bei denen sie gar nichts machen müssen, weil die Stürmer vor lauter Angst danebenschießen. Kahn und Neuer waren schon vor ihren Wechseln kleine Michelin-Männchen, in München wurden sie vollends muskulös.

Nübel fehlt diese Zwischenetappe, er kommt unaufgepumpt nach München. Ist es möglich, sich die nötige Autorität nur im Training oder auf einer Leihstation zu besorgen? Es ist ein spannendes Experiment, sagen wir es so, und das darf Nübel auch gerne wieder mitlesen.

© SZ vom 23.05.2020/sonn

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Von Christof Kneer
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