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Facebook ist eine wichtige Plattform der Protestbewegung.

Zusammengestellt von Silke Lode

Ein Satz fehlt in fast keinem Bericht über die Proteste, die seit drei Monaten Syrien erschüttern: "Eine unabhängige Berichterstattung ist nicht möglich, da keine ausländischen Journalisten nach Syrien einreisen dürfen." Selbst der arabische Sender al-Dschasira musste Ende April sein Büro in Damaskus schließen, syrische Mitarbeiter internationaler Medien sind zum Schweigen verurteilt oder in die Nachbarländern geflüchtet. Für die Medien in aller Welt ist das Internet zur wichtigsten Quelle geworden, die jedoch einen entscheidenden Haken hat: Überprüfen kann die oft grauenvollen Berichte derzeit niemand.

Syrische Flüchtlinge an der Grenze zur Türkei

Syrische Flüchtlinge stehen in der syrischen Provinz Idlib in Sichtweite der türkischen Grenze. Sie übernachten hier seit Tagen in den Feldern. Tausende von Menschen harren darauf, dass sie in ihre Häuser und Städte zurückkehren können, von wo sie vor anrückenden Soldaten und Milizen des syrischen Regimes geflohen waren.

(Foto: dpa)

Die wichtigste Plattform für die Protestbewegung ist auch in Syrien Facebook. Zunächst erlebte ein kleiner Kreis, der nach den Ereignissen in Tunesien und Ägypten zu Demonstrationen in Syrien aufrief, eine herbe Enttäuschung: Als Mittel zur Massenmobilisierung hat Facebook in Syrien versagt. Bereits Anfang Februar riefen Aktivisten über www.facebook.com/syrian.revolution zu "Tagen der Wut" auf - ohne Erfolg. Inzwischen gehen die Syrer täglich auf die Straße. Die Revolutionsseite hat mehr als 200 000 Freunde und ist zu einem wilden Sammelsurium aus Informationen, Meinungen und Gerüchten geworden.

Interessanter sind die Facebook-Seiten einzelner Aktivisten, die dort Informationen über Proteste, Tote und Verhaftungen oder Positionspapiere veröffentlichen. Selbst prominente Köpfe wie der ehemalige Parlamentarier Riad Seif oder der 80-jährige Anwalt Haitham Maleh kommunizieren über Facebook - allerdings stehen ihre Seiten nur Freunden offen. Jeder Nutzer kann hingegen die Seite der selbsternannten Nachrichtenagentur "Schubakat Scham" (http://www.facebook.com/ShaamNews) lesen, die vorwiegend auf Arabisch Videos und Berichte von Protesten in Netz stellt - oft noch, während diese andauern.

Die Aktivisten im ganzen Land haben inzwischen ihre Arbeit professionalisiert: Statt ihre Informationen nur an ihren virtuellen Freundeskreis weiterzugeben, haben sie lokale Koordinationsgruppen gegründet, die Berichte sammeln und sie unter anderem über ihre Internetseite http://www.lccsyria.org verbreiten. Die lokalen Komitees veröffentlichen Augenzeugenberichte von Protesten und Militäraktionen, sammeln die Namen von Toten und füttern die Medien laufend mit neuen Informationen. Auch Forderungen der Opposition werden neuerdings hier veröffentlicht, so etwa ein am Montag publiziertes "Visionspapier", das etliche konkrete Vorschläge für eine friedlich Lösung des Konflikts enthält. Deutlich wird darin auch, dass die Opposition von ihrem Kernziel nicht abrücken wird: "Das erste Ziel der Revolution ist ein Regimewechsel in Syrien, und als erster Schritt soll das Mandat des derzeitigen Präsidenten beendet werden."

Auch die syrischen Machthaber nutzen das Internet, um ihre eigene Sicht der Dinge darzustellen. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana (http://www.sana.sy) stellt einen Großteil ihrer Berichte auch auf Englisch ins Netz, aktuell etwa einen Bericht über die Militäraktion in Dschisr al-Schughur, die sich laut Staatspropaganda gegen "bewaffnete Terrorgruppen" richtet. Berichte über eine Spaltung in der Armee werden zwar nicht totgeschwiegen, aber als "Lügen einiger Medienkanäle" dargestellt.

Ein informatives Blog, das auf Medienberichte aus aller Welt verlinkt, schreibt der amerikanische Professor Joshua Landis (www.joshualandis.com/blog), der zu den besten ausländischen Syrienkennern gehört. Allerdings werfen Kritiker ihm zu große Nähe zu Assads Regime vor. Sein Blog pflegt Landis schon seit 2004, doch von der Revolution wurde auch er überrascht. Besonders persönlich wurde ein Eintrag vom 11. April 2011: Am Vortag war der Cousin seiner syrischen Frau, ein Armee-Oberst, in Latakia erschossen worden. Auch Landis konnte nur spekulieren, wer den Mann erschossen hatte.

© SZ vom 14.06.2011/ib

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