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6. Februar 2009:Eine Frage der Kultur

Beschneidung ist ein Ritual - dagegen wirkt Aufklärung besser als ein Verbot finden SZ-Leser.

In "Verfolgt von einem Verdacht" (28. Januar) beschreibt Bernd Dörries das Problem der Beschneidung. In Deutschland gibt es Organisationen, die das Ziel haben, weibliche Genitalbeschneidung zu bekämpfen. In diesem Kampf werden hauptsächlich zwei Richtungen verfolgt.

Ein Ölgemälde der nigerianischen Künstlerin Helen Idehen mit dem Titel "Die Unerfüllte" aus der Ausstellung "Genitalverstümmelungen an nigerianischen Frauen: Nigerianische Künstler klagen an".

(Foto: Foto: ddp)

Die eine Richtung wird größtenteils von deutschen Aktivistinnen vertreten. Diese Gruppe sieht die Problematik als eine Menschenrechtsverletzung an. Deshalb wollen sie besonders durch gesetzliche und behördliche Maßnahmen ihren Kampf gegen weibliche Genitalbeschneidung durchführen. Deshalb gibt es schon bei den Begrifflichkeiten Streit zwischen den Afrikaner und den Feministinnen. Wie unser Verein, "Deutsch-Afrikanischer Ärzteverein in der BRD e. V.", aus unseren Präventionskampagnen und Informationsveranstaltungen mit afrikanischen Vereinen und Communities weiß, lehnen hiesige Afrikaner den Begriff "weibliche Genitalverstümmelung" ab und bevorzugen den milderen Begriff "weibliche Genitalbeschneidung".

Die Arbeit dieser Aktivistinnen beruht darauf, dass sie bei jeglichen Verdacht und Gerüchten Hinweise an Behörden, etwa Jugendämter und Gerichten weiterleiten und Druck ausüben. Diese Methoden haben dazu geführt, dass Mädchen und ihre Eltern "sich terrorisiert fühlen" und Unruhe und Misstrauen in den Communities entstehen. Einige Aktivistinnen verneinen die Fähigkeit von Afrikanern zu lernen und zu verstehen und betrachten unsere kultursensible Betrachtungsweise als "Illusion". Diese Aussagen wurden von Frau Ines Laufer persönlich uns gegenüber geäußert. Diese Haltung ist nicht nur rassistisch, sondern auch verletzend. Gleichzeitig wirkt sie sich auch kontraproduktiv aus auf den Erfolg der Bekämpfung und Beendigung der weiblichen Genitalbeschneidung.

Die überwältigende Mehrheit, der in Deutschland lebenden Afrikaner, auch medizinische Fachkräfte wie wir, setzen sich für eine Überzeugungsarbeit von den Zielgruppen ein. Durch ihre Erfahrungen mit ihren Landsleuten sind sie näher an den Hintergründen, die zur Ausübung dieser gesundheitsschädigenden Praktik führen. Weibliche Genitalbeschneidung wird nicht in allen afrikanischen Ländern praktiziert. In den ethnischen Gruppen, die noch diese Praxis ausüben, sind unter anderem kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Aspekte von ausschlaggebender Bedeutung: Schönheit, Reinheit, religiöse Haltungen, Verhinderung von Unmoral und Sittenlosigkeit, Mythen und Irrglauben oder Initiationsritus.

Die über Jahrtausende alte Praxis der Beschneidung von weiblichen Genitalien hat sich im Laufe der Zeit zu einer Kulturpraktik entwickelt (Sie war auch noch bis 1921 in Europa und Amerika als medizinische Behandlungsmethode verbreitet). Genau wie in Europa durch Aufklärung und Informationen, frauenunterdrückendenden Praktiken etwa Keuschheitsgürtel, Hexenverbrennung, beendet worden sind, glauben wir, mit geduldiger Überzeugungsarbeit die weibliche Genitalbeschneidung zu beenden.

Wir sind der Meinung, dass exakte und korrekte Informationen über all diese Probleme entscheidend sind, denn Eltern, die es zulassen, dass ihre Töchter beschnitten werden, tun dies aus ihrer ureigenen kulturellen Identität heraus. Menschen ändern ihre Verhaltensweisen nur, wenn sie einsehen, dass ein neues Verhaltensmuster genauso nützlich, funktionell und effektiv wie das alte ist. Deshalb ist es unser Ziel, die Menschen zu überzeugen, dass sie diese Gewohnheiten hinter sich lassen, ohne nützliche Teile ihrer eigenen Kultur aufzugeben.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass viele Menschen die Verbindung zwischen den beschriebenen Ritualen und Traditionen und den Problemen unter denen die Frauen und Mädchen zu leiden haben, nicht realisieren. Diese Wechselwirkungen müssen dokumentiert werden, und die Menschen sollten darüber auf eine einfache aber dennoch angemessene Weise aufgeklärt werden. Dazu gehören auch Aufklärungen über das deutsche Gesetz, das die weibliche Genitalbeschneidung in der BRD verbietet und bestraft.

Eltern sind auf der ganzen Welt gleich - sie wünschen für ihre Kinder nur das Beste. Sie werden eine Veränderung akzeptieren und ihre Kinder schützen, wenn sie den Nutzen für ihre Kinder erkennen; besonders wenn ihnen die daraus resultierenden gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Vorteile für ihre Töchter bewusst werden.

Dr. med. MBoyo Likafu Herr Dr. Abusara Kangoum

Der Staat und seine Schutzpflicht

Zahlreiche afrikanische Expertinnen, die seit Jahrzehnten gegen weibliche Genitalverstümmelung arbeiten, wie Ayan Hirsi Ali Magan, Efua Dorkeeno oder Waris Dirie, weisen immer wieder darauf hin, dass die Schulferien dazu benutzt werden, die Töchter "rein und sauber zu machen". Behane Ras-Work, die Präsidentin des IAC (Inter African Committee against Harmful Traditional Practices affecting the Health of Women and Children) warnt ausdrücklich davor, dass Kinder in afrikanische Länder gebracht werden und danach verstümmelt zurückkommen oder dort zwangsverheiratet werden. Viele Fälle von traumatisierten und zwangsverheirateten Mädchen sind mir durch meine ehrenamtliche Tätigkeit bekannt.

Wer und wie schützt man denn in Deutschland die gefährdeten Mädchen effektiv vor einer genitalen Verstümmelung? Um eine Einschränkung des Aufenthaltsbestimmungsrechts kommt man nicht umhin, wenn der Staat seine Schutzpflicht gegenüber diesen Kindern ernst nimmt. Und dies ist bereits höchstrichterlich so entschieden und bestätigt.

Dagmar Schneider Dresden