"You go down here and then always groodaus" Am Schirm nach Monaco

Auf der "X-Alps" fliegen 17 mutige Paraglider 800 Kilometer über die Alpen - wer zuerst da ist, der gewinnt. Aber für Anfänger ist das nichts.

Von Thomas Becker

(SZ vom 21. 7. 2003) - "Der Pass Thurn is a Schwein", doziert der kleine ältere Herr und blickt vielsagend. "Wenn er da auf Nord steht, geht gar nix!" Kopfnicken bei den Deutschen, Schweizern, Österreichern, der Brite schaut verwirrt. "Aber d' Schmittenhöh, die is dei Freind. Do kimmst von jeder Seitn hi."

Einer hat schon seinen Geldbeutel verloren, ein anderer flog in die falsche Himmelsrichtung. Die "X-Alps" ist in jeder Hinsicht eine Herausforderung.

(Foto: X-Alps)

Zustimmendes Grummeln aus D, CH und A, weiterhin Unverständnis in GB. Jon fragt: "So, how do I get to Schmittenhöh?" No Problem für den Tippgeber: "You go down here, then you go Filzmoos, and then, äh, then always groodaus." Nun ist der Brite dran mit Kopfnicken, der Rest mit Schmunzeln.

Der Paragliding-Start auf dem Dachstein-Gletscher: In knapp 3000 Metern Höhe inspiziert die Gruppe die Stätte des morgigen Starts. Drei, vier Schritte nur auf schmutzig weißem Restschnee, dann kommt die Wand: Gut 600 Meter geht es senkrecht runter - so was mögen Profi-Gleitschirmpiloten.

Das sind sie natürlich alle, auch der kleine ältere Herr mit dem gemütlichen Vollbart. Ihm gehört das Restaurant an der Bergstation, zigmal ist er hier schon runtergesegelt, meist Richtung Filzmoos oder Zell am See, zur Schmittenhöhe. Aber nie bis Monaco. Genau da wollen die anderen alle hin.

Eine verrückte Idee: 800 Kilometer mitten durch die Alpen, von Ost nach West, gegen die Hauptwindrichtung, und das nur mit Gleitschirm und Wanderschuhen. Kein Auto, kein Zug, kein Boot, keine Blades, nichts. Nicht einmal durch die Tunnels dürfen die Athleten laufen: Marsch, obendrüber!

Die Gondel hinauf auf den Dachstein sollte für die nächsten zwei, drei Wochen die letzte Fortbewegungshilfe gewesen sein. "Red Bull X-Alps" nennt sich dieser Wettbewerb der abgehobenen Art, in dem seit vergangenem Montag 17 Teams (je ein Gleiter, ein Betreuer am Boden) aus neun Nationen unterwegs sind. Die Regeln: Fliegen ist erlaubt von Sonnenauf- bis -untergang, danach laufen oder schlafen. Ein Kontrollpunkt in Verbier, einer kurz vor Monaco, dem Winterdomizil der Profi-Gleiter. Wer zuerst da ist, gewinnt. Das Preisgeld: 35.000 Euro. Die Motivation: Fliegen! Zum Meer!

Carlos, Arif, Jon

Was nach Camel-Trophy, Paris-Dakar, also einem reichlich absurden Unterfangen klingt, orientiert sich an der Urform des Paraglidens aus den Anfängen Mitte der Achtziger, dem "Biwag-Fliegen": zu Fuß hoch, mit dem Schirm runter, keine Hilfsmittel, Lifte, gemähte Wiesen, Landeplätze mit Party-Musik. Eine Sache für Idealisten.

Es sind auch nicht nur die Jungs aus dem Paragliding-Weltcup, die sich hier treffen, sondern eine wunderbar bunte Truppe: Carlos aus Mexiko, 40, Ingenieur, fünffacher Vater, vor sieben Jahren der jüngste Mensch, der alle Achttausender bestiegen hat.

Der Türke Arif, 25, Skydiver, und schon seit er 15 ist, Fallschirmspringer. Walter Holzmüller, Oberösterreich, 44, früher Judoka und Motocross-Fahrer, schwärmt vom Flug mit einem Adler: "Ich hab immer versucht, höher als er zu fliegen." Jon Shaw, der Brite, 35, Unternehmensberater, bei dem vergangenen September Hodenkrebs diagnostiziert worden war und der nach neun Wochen erfolgreicher Chemotherapie nun etwas "really challenging" tun wollte.

Der Kanadier Will Gadd, 34, X-Games-Sieger, einer der besten Eiskletterer im Weltcup, Rekordhalter im Langstreckenflug (423 Kilometer in sechs Stunden), bezeichnet sich selbst als "professional adventurer". Dazu ein Bergretter aus Rumänien, ein Pizzeria-Besitzer aus Slowenien, ein IT-Ingenieur aus Polen, ein Werkzeugmacher aus Österreich, ein Ozeanograph aus Bulgarien - und Holger Herfurth, 23, Student, Garmisch.

Er ist der Jüngste, sprich: der Unerfahrenste. Seit vier Jahren fliegt er erst, war zuvor Skirennläufer, wechselte mit 16 zum Free-Ski, wo er sich mit Film- und Foto-Aufnahmen Geld verdient. Schlabberjeans, Lockenkopf, viel Sonne im Gesicht, neugierig und ungeduldig wirkt er, kam per Wildcard zum X- Alps.

Seine mediale Veranlagung - er studiert auch noch Sport-Kommunikation - passt ins Anforderungsprofil: Jeder Teilnehmer muss vom eigenen Flug mehrere Fotos, Videos und ein kurzes Tagebuch liefern, sonst droht Strafzeit, Minimum sechs Stunden; für das beste Video gibt's 1000 Euro extra.

Ohne Technik geht nichts

Klingt stressig, auch für die Begleiter. Papa Dieter ist Holgers Mann am Boden, ein Lufthansa-Pilot, der sich mit dem Wetter bestens auskennt. Den 89er-Familien-VW-Bus haben sie mit Laptop aufgemotzt, in der Windschutzscheibe hängt die Maus.

Überhaupt, die Technik: Im 15 Kilo schweren Rucksack trägt Holger wie alle anderen ein Gerät, mit dessen Signalen er jederzeit geortet werden kann. Das System EAST (Equipment for Airborne Storage and Transmission) kombiniert ein GPS- und ein GMS-Modul, alle 20 Minuten wird von jedem Flieger automatisch eine SMS mit zehn Positionen an einen Internet-Server weiter gegeben, womit das Rennen auch online (www. redbullxalps.com) verfolgt werden kann.

Ergo: eine Schnapsidee durchgeknallter Extremer, ein ausgetüfteltes Hightech-Abenteuer, das den Sportler dennoch ganz mit sich allein lässt, mit seinem Schirm und den Elementen. Die zwei Köpfe hinter X-Alps spiegeln diese Kombination wieder: Hier Hannes Arch, der wilde Hund, der an Matterhorn und Eiger-Nordwand schon mal einen Basejump hinlegt, dort Renndirektor Steve Cox, "The Brain", der Elektroingenieur und Oberschiedsrichter, der jetzt im VW-Bus sitzt und kontrolliert, "dass keiner bescheißt".

Eine Woche sind die 17 nun unterwegs, 17 Geschichten. Holger ist gegen Wespenstiche allergisch und wird von einer Wespe gestochen. Jon verliert seinen Geldbeutel. Der Begleiter des Rumänen wird beim Start von einem anderen Piloten so schwer verletzt, dass er ins Hospital muss. Vasilev, der Ozeanograph, fliegt gut - aber nach Süden statt nach Westen.

Uros, der Pizza-Mann aus Slowenien, marschiert an einem Schlechtwetter-Tag 53 Kilometer. Arif, der junge Türke, muss seinen Begleiter bis nach Graz schicken: Ein Kabel fehlt. Auch seine Flugroute klingt bedenklich. Statt wie alle durchs Inntal, versucht er es über die Gletscher: Hintertux, Brenner. Der Südtiroler Andy Frötscher, ziemlich hinten im Klassement, ärgert sich immer noch über diesen verflixten zweiten Tag, an dem er nicht vom Fleck kam, einfach hängen blieb. Am Pass Thurn.