Wiener Stadtführung Brutal schön

Sisi und Schönbrunn? Ganz nett, aber doch öd. Wie gut, dass es nun einen Briten gibt, der Touristen die hässlichen Seiten Wiens zeigt.

Von Hans Gasser

Es regnet, zum Glück. "Ich hoffe immer auf schlechtes Wetter", sagt Eugene Quinn, "dann sehen die Gebäude noch unheilvoller aus." Es ist ein deutlich zu kalter Frühlingstag in Wien. Die Kastanien recken ihre weißen und pinken Blütenkerzen in den grauen Himmel über dem Augarten: eine barocke Parkanlage mit Porzellanmanufaktur und dem Internat der Wiener Sängerknaben. Doch für derlei Wienseliges interessieren sich die knapp 50 Teilnehmer, die trotz des schlechten Wetters zu Eugenes "Vienna-Ugly"-Tour gekommen sind, eher nicht. Sie wollen das hässliche Wien sehen, die raue und grindige Kehrseite von Sisi, Stephansdom und Schönbrunn.

Eugene Quinn, in London geboren und seit sieben Jahren Wahlwiener, ist der Führer durch dieses Schattenreich. Und er ist der Einzige, der weder Regenschirm noch Funktionsjacke trägt, sondern Pullover und eine signalorange Hose der Wiener Müllmänner. Quinn zeigt auf ein Gebäude hinter sich, das aussieht, als wäre die dunkle Seite der Macht mitten im Augarten gelandet - ein Flakturm, Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, so massiv betoniert, dass er nicht gesprengt werden kann. "Es gibt nur acht davon in Hamburg, Wien und Berlin - es war also eine ziemliche Ehre, einen Flakturm zu bekommen", sagt Quinn. "Ich finde es nur ein bisschen schräg, dass sie ihn in die Mitte eines Barockgartens gestellt haben." Dann lässt er per Handzeichen abstimmen, wer das Nazi-Bauwerk hässlich und wer es schön findet. Tatsächlich heben sich einige Arme bei "schön", was Quinn mit einem lauten: "You Freaks!" quittiert.

Marokkanisches Parkhaus oder Sitz des Bundespräsidenten? Nein, das Gebäude ist Österreichs Ministerium für Verkehr, Technologie und Innovation.

(Foto: Hans Gasser)

Die Führung ist auf Englisch. Das hat zwei Vorteile: Erstens ist es Quinns Muttersprache, die er äußerst pointiert einsetzen kann. Und dann richtet sich seine Führung nicht nur an Touristen, sondern auch an Einheimische, darunter viele ausländische Wahlwiener. Als er fragt, wer Österreicher ist, hebt etwa ein Drittel der Teilnehmer die Hand, bei der Frage, wer in Wien wohne, ist es mehr als die Hälfte. Wien ist Sitz von UN, OSZE und Opec und hat viele internationale Bewohner. Sie wollen mal etwas anderes sehen als die Sehenswürdigkeiten, die sie immer abklappern müssen, wenn Verwandtschaft auf Besuch kommt.

"Conchita Wurst hat mich inspiriert, das touristische Bild von Wien etwas zu remixen."

Seit einem Jahr bietet Quinn seine "Vienna-Ugly"-Tour an. "Der Eurovision Song Contest und Conchita Wurst haben mich inspiriert, ich wollte das touristische Wienbild etwas remixen." Das ist ihm so gut gelungen, dass er fast Opfer seines eigenen Erfolgs geworden wäre. Die Ugly-Touren haben oft 70, 80 Teilnehmer, die hinter Quinns orangefarbener Hose herspazieren. Durch den zweiten Bezirk, wo der Augarten ist, geht es bis ins Herz der Stadt, zum Stephansdom - immer in schaudernd-freudiger Erwartung, welche architektonische Scheußlichkeit als nächste folgt.

Eugene Quinns Erkennungszeichen ist die Müllmannhose.

(Foto: Hans Gasser)

So viel Erfolg erzeugt natürlich auch Verwerfungen. Und weil Quinn keine zweijährige Ausbildung samt Prüfung als Wiener Stadtführer hinter sich hat, belegte ihn die Wirtschaftskammer zweimal mit einer saftigen Geldstrafe. Man forderte ihn auf, mit den "illegalen Touren" aufzuhören. Doch weil er sich widersetzte und die Wiener Presse auf seiner Seite war und auch internationale Medien viel und positiv über ihn berichteten, lässt man ihn seit ein paar Wochen unter Auflagen gewähren. "Die für Stadtplanung zuständige Magistratsabteilung hat mir sogar elf Gebäude genannt, die ich ihrer Meinung nach in die Tour integrieren soll", so Quinn.

Dazu zählt etwa der Media-Tower am betonierten Donaukanal, an den Quinn seine Gäste mit den Worten "Welcome to the schöne blaue Donau" führt. Das ist ja eines der größten touristischen Missverständnisse, dass Wien an der Donau liege. Die tangiert die Stadt bestenfalls am Rand. Und der Kanal, in letzter Zeit zwar mit Stadtstrand und schwimmenden Lokalen aufgehübscht, ist mit Sicherheit nicht das, was Johann Strauss in seinem Walzer besingt. Der Media-Tower ist ein seltsames Ensemble aus verschieden großen und gegeneinander verschobenen Glasriegeln. "Für mich sieht es aus, als hätten sieben Architekten den Auftrag bekommen, aber nie miteinander gesprochen", sagt Quinn.

Als wäre die dunkle Seite der Macht mitten im Augarten gelandet - ein Flakturm, Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, nicht sprengbar.

(Foto: Hans Gasser)

Quinns sehr unterhaltsame Führung, die er nun nicht mehr "Tour", sondern nur "Walk" nennen darf, ist aber weit mehr als eine Grusel-Architektur-Führung. Ganz en passant erfährt man manches über die Stadt und ihre Bewohner; besonders über die sogenannten Bobos, bourgeoise Bohemiens, jene gut situierten Akademiker, die ihre Laktoseintoleranz genauso gut pflegen wie die Oldtimer-Vespa, mit der sie bei ganz trockenem Wetter ins gerade angesagte vegane Beisl ums Eck fahren.

Auf dem Karmelitermarkt zeigt Quinn einen gläsernen Dachausbau, gekrönt von einer klobigen, goldfarbenen Abschattung. "Auf einer Etage in diesem Haus gibt es normal sechs Wohnungen, unterm Dach ist es nur eine." Der zweite Bezirk, die einst heruntergekommene Leopoldstadt, ist seit einigen Jahren zum Trendviertel geworden. Aber es gibt auch noch ein paar Brüche. Während Quinn die extrem hässlich mit lila Frauenfiguren bemalte Fassade des "Haus der Zeit" zeigt, steht die Gruppe vor einem veganen Café, in dem die Bobos frühstücken. Quinn weist auf das Ladenlokal direkt daneben, es ist eine Pferdemetzgerei: "Gentrifizierung in progress."

Quinn führt auch in die Cascade-Bar des Marriott-Hotels, die aussieht, als wäre eine Steinlawine abgegangen.

(Foto: Hans Gasser)

Chinesische Gäste finden moderne Hochhäuser generell schön, die Wiener eher nicht

Die überall noch herumstehenden Wahlplakate der Präsidentschaftskandidaten sind Eugene Quinn auch einen Exkurs wert, zumal er das aus Großbritannien nicht kenne, da gebe es kaum Fotos auf Wahlplakaten, nur Botschaften. Er findet das besser, "denn so wie manche Politiker aussehen, ist es nicht gerade gute Werbung für sie". Und dort, wo in Wien Politik gemacht wird, gibt es auch schön hässliche Dinge zu zeigen. Das Innovationsministerium etwa, eine krude Mischung aus bombastischen, achteckigen Backsteinpfeilern und blaugrün verspiegelter Fassade, wurde 1986 fertig gestellt. "Sieht aus wie ein Parkhaus in Marrakesch", sagt Quinn und führt die Gruppe ins Innere, das so erdrückend und dunkel ist, dass man sich fragt, wo hier Platz für Innovationen sein soll.

Natürlich ist das Schöne in Wien selbst auf einer "Vienna-Ugly"-Tour in der Übermacht, Barock-Palais hier, Jugendstilhaus dort, Konzerthaus da drüben. Und dann geht es durch den Stadtpark. Wie bei der Verkostung von guten Weinen, bei der man mit Weißbrot oder Wasser die Zunge ausruhen lässt, könne man auch hier das Auge an den Enten und dem vielen Grün entspannen, bevor es den nächsten "Architektur-Brutalismus" zu sehen gebe, scherzt Quinn. Dass Hässliches immer nur mit neuen Gebäuden in Verbindung gebracht werde, gefällt ihm nicht. Chinesen, die an seiner Führung schon teilgenommen hätten, fänden Hochhäuser meist schön, "ganz im Gegensatz zu den Wienern". Im Stadtpark bleibt Quinn vor einem Denkmal stehen, das wohl von allen Wiener Sehenswürdigkeiten die am meisten fotografierte ist: Johann Strauss, goldglänzend und Geige spielend, eingerahmt von einem marmornen Bogen aus großteils weiblichen, nackten Figuren. "Ich mag Strauss und seine Musik", sagt Quinn, "aber ich finde, dieses Denkmal drückt sie überhaupt nicht aus." Es sei zu statisch und viel zu süßlich.

Die extrem hässlich mit lila Frauenfiguren bemalte Fassade des "Haus der Zeit".

(Foto: Hans Gasser)

Bei all der Kritik bezeichnet sich Eugene Quinn als "rebellierenden Optimisten", der sehr gerne hier lebt und nicht verstehen kann, weshalb viele Wiener - "inklusive meine Frau"- immer nur über ihre Stadt schimpfen. "Mir geht es nur um eine Erweiterung des touristischen Bildes dieser schönen Stadt." Bald wird er auch Touren zu Gerüchen, schlechten wie guten, anbieten: "Zum Beispiel diese typische Wiener Mischung aus eingetrocknetem Bier im Teppich, kaltem Rauch und Gulasch."

Die fast dreistündige "Vienna-Ugly"-Tour soll nun sogar Eingang finden in die kommende Ausstellung der Wiener Kunsthalle: "Beton" heißt sie, und der Kurator hat Eugene Quinn gebeten, seinen Spaziergang zu den brutalen Architekturen nun wöchentlich anzubieten, als Teil der Ausstellung sozusagen. "Wer hätte das gedacht", sagt Quinn grinsend, "jetzt sind wir Kunst."

Informationen: Die nächste "Vienna-Ugly"-Tour findet am 4. Juni um 10.30 Uhr statt; die Tour "Wiener Luft - Wiener Duft" am 17. Juni. Die Teilnahme kostet jeweils fünf Euro, www.spaceandplace.at

Unterkunft: Hotel Altstadt Vienna, wie eine schöne Altbauwohnung mit viel moderner Kunst, DZ mit Frühstück ab ca. 200 Euro, www.altstadt.at

Allgemeines zu Wien: www.wien.info

Kuriose Stadtführung

Wien kann so hässlich sein