Unter den Linden Zu wenig Sahnetorte

Die Prachtstraße im Zentrum hatte schon immer große Bedeutung für Berlin. Doch schöne Fassaden allein schaffen kein Großstadtflair. Dafür braucht es etwas anderes. Zum Beispiel einen Kiosk oder Plätze zum Verweilen.

Von Jens Bisky

Das Operncafé fehlt. Einst konnte man dort ein Stück süßester Sahnetorte reinschaufeln, Kaffee schlürfen und an Zeiten denken, in denen die Straße Unter den Linden wirklich ein Boulevard gewesen sein soll. Das ist lange her. 2011 gab der Pächter auf, von immer neuen Mieterhöhungen zermürbt. Der östliche Teil der Linden wurde noch unwirtlicher, kein Ort fürs Flanieren. Immer ist irgendwo Baustelle: ob an der Oper, deren Sanierung erst 2017 abgeschlossen werden konnte, oder in der Staatsbibliothek, ob am Humboldt-Schloss oder an der U-Bahn. Zurzeit verdecken Gerüste die Zeughausfassade. Den Touristen scheint das egal zu sein, sie eilen von Sehenswürdigkeit zu Denkmal zu frisch leuchtender Fassade. Ob das alles einmal fertig wird? So behaglich wie am westlichen Ende der Linden, so gepflegt wie am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor, kann es nie werden. Die Linden sind eine der Ost-West-Verbindungen, von denen es in Berlin zu wenige gibt, und daher viel befahren.

Im Prinzessinnenpalais, wo über Jahrzehnte das Operncafé florierte, wird das Palais Populaire Kunst zeigen. Vielleicht belebt sich dann die Grünfläche zwischen Palais und Oper wieder. Dort ließe sich sitzen und plaudern und auf die Standbilder der preußischen Generäle schauen, die man dort verschämt abgestellt hat. Aber noch kann keiner sagen, ob die Linden wirklich wieder ein urbaner Raum werden. Schon als Marlene Dietrich vom Promenieren und den Mägdelein Unter den Linden sang, waren Berliner dort selten anzutreffen, war die Straße fest im Griff des Fremdenverkehrs und der Studenten.

Herber Charme: Kräne, Bauzäune und viel Verkehr prägen seit Jahren die Straße Unter den Linden.

(Foto: Marius Schwarz/imago)

Am 3. Februar 1945 warfen "Fliegende Festungen" der 8. US-Luftflotte mehr als 2200 Spreng- und Brandbomben über dem historischen Zentrum ab. Nur wenige Gebäude überstanden den zweistündigen Angriff. In den folgenden Wochen des Kampfes um Berlin sanken auch sie in Trümmer. Im Mai 1945 standen Unter den Linden nur noch Ruinen; die Bäume verbrannt, die Schlosskuppel im Osten ein immer noch imposantes Skelett, zerschossen die Quadriga auf dem Brandenburger Tor im Westen. Der Neuanfang begann mit einer Trümmerbahn.

Zum Glück war die Haltung der DDR-Kommunisten zu den Hinterlassenschaften der preußischen Geschichte weniger eindeutig als heute angenommen. Erst unter Ulbricht, dann unter Honecker erfanden sie die Linden neu als Hauptstadt-Straße mit viel historischer Bausubstanz. Zwei furchtbare Entscheidungen setzten den Rahmen: die Sprengung des Schlosses und der Bau der Mauer. Sie verwandelte den Weg aus der alten Stadt hinaus zum Tiergarten in eine Sackgasse. Am Brandenburger Tor endete die sozialistische Welt. Am Ostende der Linden sprengte man 1950 das Hohenzollernschloss. Es galt zum einen als Symbol des verhassten preußischen Militarismus, zum anderen schien ein Wiederaufbau zu teuer zu sein und, drittens, sollte dort ein Aufmarschplatz für Paraden entstehen.

Andere Gebäude aus der Zeit der Preußenkönige wurden liebevoll wiederhergestellt: das Zeughaus, die Königliche Bibliothek, Schinkels Neue Wache, die Oper, die Knobelsdorff in der Mitte des 18. Jahrhunderts für den jungen, ruhmgierigen König Friedrich II. gebaut hatte. Zuständig für diese Baustelle war der Architekt Richard Paulick, Jahrgang 1903. Er war kein Mann der Rekonstruktionen, ausgebildet im Geist des Neuen Bauens, ein Jahr lang Assistent von Walter Gropius am Dessauer Bauhaus, er betrieb den Wiederaufbau mit Leidenschaft und suchte für die Innenräume nach Möglichkeiten, historisierende Lösungen mit zeitgenössischem Komfort und moderner Haustechnik zu verbinden. Für das Opernhaus erfand er nach langen Studien einen Knobelsdorff-Stil zwischen Rokoko und Klassizismus.

Gemessen an dem, was sonst so rumsteht Unter den Linden, war das Prinzessinnenpalais architektonisch und historisch wenig bedeutend, ein Adelspalais des frühen 18. Jahrhunderts, das 1810/ 11 einen Kopfbau an der Straße Unter den Linden erhielt. Später verband Schinkel das Haus mit dem benachbarten Kronprinzenpalais. Der Wiederaufbau war kurz nach der Schlosssprengung geplant worden, doch fehlte Geld, die Trümmer verwitterten und verfielen. Man trug sie ab, aber zwischen 1962 und 1964 baute Paulick das Palais wieder auf und das in etwa nach den Grundsätzen, die heute für den Schlossneubau gelten: getreu im Äußeren, modern im Inneren. So entstand das Operncafé und eroberte sich einen Platz im Ostberliner Nachtleben. Gleich nach der Vereinigung hat man das Innere vage historisiert. Auch die Gegenwart verhält sich inkonsequent zur historischen Gestalt des berühmten Berliner Geschichtsboulevards. Das neue Schloss vollendet das Wiederaufbauwerk aus DDR-Zeiten, aber die in der DDR gestalteten Plätze an der berühmten Kreuzung Unter den Linden / Friedrichstraße hat man nach unnötigen Abrissen kaltschnäuzig überbaut und dort steinerne Kolosse hingesetzt, die äußerlich Urbanität verkünden, sie aber im Straßenleben geradezu verhindern.

Vielleicht ist das ein Fluch der Linden: dass jeder ein Bild vor Augen hat, wie sie sein müssten, und derweil werden die vielen Details übersehen, die eine Großstadtstraße zu einer Bühne für Bürger und Besucher machen. Man denkt zu viel an Symbole, Effekte und zu wenig an Bänke und Kioske. In ein paar Monaten wird die Straße sich wandeln, einem anderen Sog unterliegen. Selbst wenn das Humboldt Forum im Schloss nur halb so viele Besucher anlockt wie erwartet, werden es Hunderttausende sein. Und wenn sie vom Dachrestaurant aus über das alte Zentrum geschaut haben, werden sie zum Brandenburger Tor flanieren wollen: vorbei an der Neuen Wache und der Universität, an der Oper und dem Platz, auf dem 1933 Bücher verbrannt wurden. Sie werden Schauplätze der deutschen Revolutionen von 1848 und 1918 passieren, an legendären, aber entschwundenen Orten des "Sündenbabels" Berlin vorüberziehen - und eben an Richard Paulicks meisterhaften Rekonstruktionen. Wenigstens eine Imbissbude mit dem Namen "Paulicks Operncafé" sollte man aufstellen Unter den Linden.