Überlebende berichten vom Titanic-Untergang:"Ein Gentleman warf mich kopfüber ins Boot"

Viele Passagiere der "Titanic" begriffen das Ausmaß der Katastrophe erst, als es zu spät war. Es überlebte nur, wer sich rechtzeitig in ein Boot rettete oder unglaubliches Glück hatte. Die dramatischen Stunden im Rückblick der Augenzeugen.

Daniela Dau

Mit Ziel New York fährt die in Southampton ausgelaufene Titanic in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 über den Nordatlantik. Mehrere Funksprüche mit Eisbergwarnungen haben das Schiff erreicht, doch auf der gewählten südlichen Route fühlt man sich auf der Brücke des Luxusliners sicher. Diesen verhängnisvollen Irrtum werden mehr als 1500 Menschen mit dem Leben bezahlen. Die, die ihn überlebt haben, schilderten in Büchern, Radio- und Zeitungsinterviews ihre Erlebnisse.

Group of survivors of Titanic disaster aboard the Carpathia after being rescued

Eine Gruppe von Überlebenden unterhält sich an Bord der Carpathia, dem ersten Schiff, das am Unglücksort eintraf.

(Foto: Reuters)

14. April 1912, 23:40 Uhr: Die Titanic befindet sich etwa 300 Meilen südöstlich von Neufundland. Die See ist ruhig, die Nacht sternenklar und mondlos. 20 Minuten vor Mitternacht haben sich viele Passagiere in ihre Kabinen zurückgezogen. Die verhängnisvolle Kollision auf der vorderen Steuerbordseite nehmen die meisten kaum war. "Es fühlte sich nicht bedrohlich an," erinnert sich die Erste-Klasse-Passagierin Edith Russell Jahrzehnte später in einem Radiointerview, "eher so wie ein kleiner Schubser." Trotzdem neugierig geworden, will die Modejournalistin den Grund für den Rückstoß herausfinden.

"Ich warf einen Mantel über und trat von meiner Kabine aus auf das Promenadendeck. Vor mir sah ich eine graue Wand aufragen. Im ersten Moment dachte ich an ein Gebäude. Wir schrammten daran entlang und Eisstücke sprangen von der grauen Wand ab und landeten auf Deck. Zusammen mit anderen Passagiere sammelte ich die Eisstücke auf und wir fingen an, uns damit zu bewerfen. Wir veranstalteten eine Art Schneeballschlacht. Wir hatten Spaß."

23:50 Uhr: Unterhalb der Wasserlinie sind mehrere der vorderen Abteilungen des Schiffes auf einer Länge von 30 Metern beschädigt worden. Die Titanic hat bereits leicht Schlagseite nach Steuerbord. Der zweite Offizier Charles H. Lightoller hat eigentlich dienstfrei und liegt in seiner Kajüte auf der Backbord-Seite. "Ich lief gleich das Deck auf ganzer Länge ab, konnte aber nichts entdecken, was auf eine Kollision hindeutete", erzählt er 24 Jahre nach dem Unglück in einer Radiosendung. Wenig später wird er vom vierten Offizier Joseph Boxhall über den Zusammenstoß informiert. "Zuerst war ich nicht sonderlich beunruhigt. Doch als er sagte: 'Das Wasser steht bis zum F-Deck', musste er nicht mehr weiterreden."

15. April 1912, 00:10 Uhr: Die Besatzung beginnt, die Evakuierung vorzubereiten. Die Passagiere werden geweckt, die Abdeckungen von den Rettungsbooten entfernt und die Davits (Kranarme), an denen sie zu Wasser gelassen werden sollen, ausgeschwungen. Aus den Dampfablassrohren der Schornsteine entweicht der überschüssige Dampf aus den Kesseln. Das soll den Druck vermindern und die Gefahr von Explosionen verringern. Doch der Lärm an Bord ist ohrenbetäubend und erschwert die Verständigung. Offizier Lightoller, der die Evakuierung auf der Backbordseite organisiert, erinnert sich: "Mit Handzeichen deutete ich einem Mitglied der Mannschaft, dass er die Persennings der Rettungsboote (Abdeckungen) heruntermachen sollte. (... ) Kurz bevor die Boote klar waren, um ausgeschwungen zu werden, traf ich auf den Kapitän und schrie ihm durch meine gewölbten Handflächen ins Ohr: 'Soll ich Frauen und Kinder evakuieren?' Er nickte nur."

Auf der Steuerbordseite macht der erste Offizier William Murdoch, der zum Zeitpunkt der Kollision Dienst auf der Brücke und ein Ausweichmanöver versucht hatte, gemeinsam mit dem dritten Offizier Herbert Pitman Boote zum Beladen fertig. Sie fragen nach den ersten Frauen, doch keine tritt vor. So erzählt es auch Edwina MacKenzie in einem Radiointerview: "Man konnte die Leute einfach nicht in die Boote kriegen. Viele fühlten sich sicherer auf der Titanic als in den Rettungsbooten." Schließlich trauen sich doch noch zwei Frauen. Um das Boot wenigstens halbwegs zu füllen, schickt Murdoch Besatzungsmitglieder dazu. Boot Nr. 7 wurde mit 32 Menschen herabgelassen. Das Fassungsvermögen lag bei 65 Personen.

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