Tiere Bären und Araberpferde

Pino Battisti ist nicht nur Skilehrer, er züchtet auch Pferde.

(Foto: Tommaso Prugnola)

im Val di Sole gibt es überraschend unterschiedliche Tiere. Die einen bieten Köstlichkeiten, die anderen nehmen sich diese und sind deshalb unbeliebt.

Von Helmut Luther

Dario Andreis hat kürzlich vier Nächte im Auto vor seinem Bauernhaus am Dorfrand von San Giacomo im Val di Sole verbracht. Der 58-Jährige wollte einen nächtlichen Eindringling erwischen. Dieser hatte den Zaun vor dem Ziegenstall eingedrückt, am Morgen nach der Tat fand Dario dort eine seiner Bergziegen mit aufgerissener Flanke. Dario Andreis betreibt das Agriturismo Solasna: einen Bauernhof mit vielen Tieren, auf dem keine Chemie zum Einsatz kommt, dafür aber der Mondzyklus und Brennnesseljauche eine wichtige Rolle spielen. Bevor Dario sich also in seinen Schlafsack einrollte, band er das eine Ende eines Fadens an seinem Bein fest. Das andere Ende hatte er um den Hals der toten Ziege gewickelt. Aber nicht Dario, sondern seine Schwester Nicoletta entdeckte den mutmaßlichen Übeltäter. Am Morgen, nachdem Dario aufgegeben hatte, beobachtete sie, wie ein Braunbär über die Wiese hinter dem Bauernhof lief und im Wald unter einer Felswand verschwand.

Der Ort San Giacomo steht auf einem Sonnenplateau am östlichen Eingang des Val di Sole. Nördlich des Tales dehnt sich der Nationalpark Stilfser Joch aus, im Süden der Naturpark Adamello-Brenta. Von dort kommen die Bären. Auch Wölfe, die aus den weiter südlich liegenden Abruzzen zugewandert sind, streifen durch das Val di Sole. Es gibt also viel Natur rundherum. Und Sonne. Trotzdem soll der Name des Tales vom Lateinischen Sorgentis kommen, was Quelle bedeutet. Wasserreich ist das Val di Sole auf jeden Fall, mit Quellen und Wasserfällen, die als Silberfäden über Felswände herabstürzen. Zwischen Felsblöcken und dunklen Wäldern verbergen sich Bergseen; hundert Stillgewässer hat man im Val di Sole gezählt.

Zu den schönsten gehört der Lago dei Caprioli, der See der Rehe, den man von Pellizzano im Talgrund in einer Gehstunde bequem erreichen kann. Der Pfad schlängelt sich durch dichten Fichtenwald. Über dem Fluss Noce, der an diesem Tag braun und angeschwollen talauswärts hastet, hängen Nebelschleier. Doch wenn die Sonne durchkommt, funkeln die Regentropfen in den Zweigen. Am Wegesrand wachen aus Holz geschnitzte Waldtiere, Zwerge und Hexen, die Wanderung ist auch für Familien mit kleinen Kindern geeignet. Im Weiler Fazzon, wo viele der alten Häuser in Ferienquartiere umgebaut wurden, geht es an einer Kapelle vorbei. Hölzerne Brücken führen über ein Moor, wo auf Torfinseln Wollgras wächst. Im Sommer, nach der Blüte, werden sie sich wie Wattebäusche im Wind wiegen. Winzige Inseln schwimmen auch im Lago dei Caprioli, wo Wanderer im Rifugio Fazzon einkehren können. Andere packen auf Holzbänken mit Blick über den grünbraunen See ihr Picknick aus.

Aus der Milch der heimischen Kuhrasse werden zwei besondere Käsesorten gemacht

Wieder zurück im Haupttal, ist es nicht weit nach Termenago auf der anderen Seite des Noce, wo Diego Fezzis Bauernhof steht. Zur Wirtschaft gehören ein Campingplatz sowie einige Gästezimmer im ehemaligen Heustadel. In Gummistiefeln, auf dem Kopf einen Filzhut mit Hahnenfeder, kommt Fezzi aus dem Stall. Der Mittfünfziger ist Präsident der Genossenschaftskäserei Presanella Mezzana. "Einer muss es ja machen", sagt er und zieht seine kräftigen Schultern hoch. Stämmig und geländegängig sind auch Fezzis Kühe - Bruna Alpina, Alpines Braunvieh, heißt die Rasse. Im Vergleich zu anderen Rassen geben die Kühe wenig, aber gute Milch. "Die Milch der Turbokühe ist eher Wasser", sagt Fezzi. Um die Veränderungen seit dem Ende der Siebzigerjahre, als die Genossenschaft gegründet wurde, zu erklären, zeigt der Bauer auf den Hang, der sich hinter seinem Hof zum Dorf hinaufzieht: Erst auf den zweiten Blick erkennt man von Mischwald überwucherte Trockenterrassen. Früher, so Fezzi, sei dort Roggen, Dinkel, Hafer und Buchweizen angebaut worden. "Der Wald in unserem Tal hat sich innerhalb einer Generation um eine Fläche von 10 000 Hektar vermehrt", sagt der Bauer. Zum Vergleich: 20 000 Hektar Weinfläche gebe es im Trentino insgesamt. Zu Recht stolz ist Diego Fezzi auf den von der Käserei hergestellten Trentingrana sowie den Casolét. Beide tragen das geschützte DOP-Herkunftszeichen. Der erste, ein Parmesankäse, reift in dicken Rädern bis zu zwei Jahre im Genossenschaftskeller heran. Der zweite, ein süßer Rohmilchkäse, ist nach einem Bad in Salzlake bereits in wenigen Wochen reif zum Verzehr.

"Ein Test genügt - dieser hier ist zwar ebenfalls qualitativ hochwertig, kann aber mit dem anderen nicht mithalten!", sagt Fezzi, während er in einem für Besucher eingerichteten Raum auf Holzbrettchen in Würfel geschnittene Kostproben serviert: eher farblosen Parmesan aus pasteurisierter Milch sowie den gleichen Käse aus unbehandelter Milch, er ist dottergelb und schmeckt nach Almkräutern.

Ganz hinten im Tal liegt Peio. Das Gebiet rundherum gehört zum Nationalpark Stilfser Joch. Im Wildgehege zwischen dem nach seinen eisenhaltigen Quellen benannten Peio Fonti sowie dem an einem Hang klebenden alten Dorf Peio kann man Hirsche und Rehe beobachten. Obgleich von woanders her stammend, fühlen sich hier auch die schottischen Hochlandrinder und Araberpferde wohl, die beim Berggasthof "Drei Lärchen" leben. Die Rinder landen im Berggasthof auf den Tellern. Die Pferde hält der Besitzer des Gasthofs aus Leidenschaft.

Pino Battisti schwärmt von den edlen Tieren. "Den Gang, die herrliche Geschmeidigkeit, das kann ich nicht erklären, das muss man sehen." Da traben die drei nun, Kopf und Schweif steil aufgerichtet, die Beine angewinkelt, tänzelnd. Battisti schwärmt: "Kein Vergleich mit meinem ersten Pferd, einem Haflinger, der brav gearbeitet hat, aber von Eleganz keine Spur!" Pino Battisti, der auch Skilehrer ist, züchtet die Tiere. Nach bescheidenen Anfängen und einigen Misserfolgen ist er vor einigen Jahren mit seinem Hengst Va Lontano zu einem internationalen Wettbewerb nach Bergamo gefahren. "Da waren Amerikaner und millionenschwere Scheichs. Mich, den Dilettanten aus Peio, hat keiner beachtet." Battistis Hengst Va Lontano gewann damals den Wettbewerb. Heute sorgt er in Uruguay für edle Nachkommen. "Ungefähr zum Preis eines Ferraris, man muss realistisch bleiben", habe er den Hengst verkauft, erzählt Pino Battisti.

Die Stute Ksenija, die den Zuchthengst zur Welt gebracht hat, führt gerade im Pferch ihre Kunststücke vor. Sie wird bald wieder ein Fohlen bekommen. Zwar kann, bis es so weit ist, kein Mensch sagen, ob es sich um ein edles oder eher mittelprächtiges Pferd handeln wird. Eines jedoch ist jetzt schon klar: Wenn Pino Battisti mit dem Fohlen zu Wettbewerben fährt, wird er unter scharfer Beobachtung stehen.

Die Nacht im Agriturismo Solasna kostet mit Halbpension p. P. 50 bis 65 Euro bei einem Mindestaufenthalt von einer Woche, www.agritursolasna.it; Agricampeggio Ai Gaggi, ebenfalls im Val di Sole: Zimmer 30 bis 45 Euro p. P., www.aigaggi.it Weitere Auskünfte: www.valdisole.net