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Tarifa und Tanger:Zwei Träume vom Fliegen

In Tarifa wird auf Plakaten für Tagesausflüge nach Afrika geworben - 55 Euro für die Fähre, eine Busrundfahrt durch die Stadt, Besuche bei Teppichhändlern, Gewürzverkäufern, Schlangenmenschen und ein Mittagessen mit Couscous und Minztee. Auf so einem kurzen Trip ist es leicht, mit Afrika zurechtzukommen, sich seine Urlaubsstimmung zu erhalten. Eindringlicher wird es, man fährt selbst nach Tanger, bleibt über Nacht.

Die Stadt hat eine bewegte Vergangenheit: 1923 wurde sie zur internationalen Stadt erklärt und gemeinsam von Frankreich, Spanien, Großbritannien und später auch von Italien verwaltet. Die Stadt hat damals viele Künstler angezogen. Der französische Maler Henri Matisse ließ sich von Tanger inspirieren. Die Rolling Stones und bekannte Schriftsteller der Beatgeneration lebten zeitweise hier: William S. Burroughs schrieb in den fünfziger Jahren in Tanger sein Buch "Naked Lunch" und auch Jack Kerouac ("Unterwegs") verbrachte viel Zeit in der afrikanischen Stadt. Doch der Abstieg begann bereits, als Marokko 1956 die volle Souveränität zurückerhielt, und Tanger verlor nach und nach seinen sagenumwobenen Ruf von Glamour und Rausch.

Tanger zieht heute vor allem Flüchtlinge an. Eine Million Menschen leben in Tanger, die meisten in ärmlichen Behausungen; die Gewaltrate ist hoch. In den umliegenden Wäldern verstecken und versammeln sich die Flüchtlinge, um eines Tages die Fahrt zum europäischen Festland zu wagen. Auch im Zentrum spürt man abseits der Touristenpfade, dass man nicht mehr in Spanien ist: In den Straßen der Medina verfolgen einen die unerbittlichen Händler. Wenn es dunkel wird, treten die Drogendealer auf die Straße, Prostituierte lehnen an den Mauern.

König Mohammed VI. hat große Pläne für Tanger: In den neuen Mittelmeerhafen MedPort ist eine Milliarde Dollar investiert worden, am alten Hafen soll Platz für Jachten gemacht werden. Es entstehen neue Hotels. Oben auf den Hügeln hat der marokkanische König Mohammed VI. eine riesige Sommerresidenz. Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan lässt sich derzeit eine Villa bauen, und auch der Philosoph Bernard-Henri Lévy lebt hier. Das ist das Tanger, das die Touristen kennen, die Armen leben in einem anderen Tanger.

Wenn man die Fähre zurück nach Spanien besteigt, sieht man in der Ferne die Küste von Tarifa, die Berge, die weißen Gebäude - ein ähnlicher Anblick wie Tanger von Spanien aus. So nah und doch so fern. Wie stark der Wind ist, welche Gefahr von den Strömungen in der Meerenge ausgeht, erkennt man nicht. Ob im Meer ein Flüchtlingsboot sein Glück sucht? Aus der Ferne scheinen Spanien und Afrika sehr ähnlich. Es ist nur eine Entfernung von 14 Kilometern, doch sie ist in Wirklichkeit weit größer.