Sieben Tage in Tibet Videokameras und Richtmikrofone

Der Potala-Palast, die Winterresidenz des Dalai Lama, ist die wichtigste Sehenswürdigkeit im Land.

(Foto: Getty Images)

Vormittags kein Programm. Bringe die Kekse zurück und unterhalte mich mit dem Chef des "Whole World Supermarket Welcome" über den FC Barcelona. Später ins Kloster Sera, wo die Mönche gerade einen Diskussionsnachmittag im Innenhof abhalten und sich anschreien. Das Original-Kloster wurde wie Tausende andere auch von den Chinesen zerstört. Was vor ein paar Jahren rekonstruiert wurde, sieht auch fast schon wieder so aus, als stamme es aus dem 14. oder auch 11. Jahrhundert. Sonne, Sturm, Frost, der Sand, den der Wind unaufhörlichzum Schmirgeln an die Mauern schickt - all das scheint dazu beizutragen, dass die Dinge schneller altern hier, die Dinge und die Menschen. So, wie ich mich fühle, trifft das auch auf Touristen zu.

Sechster Tag: Eier, bitte!

Es scheint allmählich aufwärts zu gehen: Dem "Eggs! Sir! Eggs!" beim Frühstück erstmals zugestimmt. Rigdsin ist hocherfreut: "Dann können wir heute zum Potala!" ruft sie. Der Winterpalast des Dalai Lama ist natürlich die wichtigste Sehenswürdigkeit im ganzen Land, ein Klotz, eine Trutzburg, ein 999-Zimmer-Amtssitz auf einem Berg über der Stadt. Innen schieben einen Hunderte Mitbesucher durch immer neue Empfangszimmer, Höfe, Flure, Andachtsräume und Versammlungshallen. Alles ist in ewige Düsternis gehüllt, aus dem gelegentlich steinalte Pilger wie Schatten auftauchen. Ich entdecke einen jungen Mönch, der betend in einer Ecke sitzt. Als er glaubt, dass alle aus dem Raum sind, holt er ein Handy aus der Robe und spielt "Angry Birds".

Rigdsin flüstert, dass die Räume hier videoüberwacht sind und sie deswegen besser flüstert. Auf dem Vorplatz draußen werden Gespräche übrigens mit hochempfindlichen Richtmikrofonen belauscht. Hoffe, die waren heute eingeschaltet. Dann können die Behörden nämlich nachhören, was passiert, wenn ein Modemagazin ein Shooting vor dem heiligen Ort organisiert. Ältere tibetische Pilger können ziemlich laut schimpfen.

Siebter Tag: Die Rettung

Der bislang schönste Tag der Reise! Morgens Eier, dann die Kinder von Pema und Nyima in die Schule gebracht. Anschließend lange bei einem Hutverkäufer in der Altstadt gesessen und ein passendes Exemplar gegen die Höhensonne erstanden. Zufällig eine der Nonnen aus dem Tsamkhung-Kloster getroffen, mit ihr zum Mittagssingen gegangen. Notizen iIn einem kleinen Café vervollständigt, dabeiein eiskaltes Lhasa-Bier getrunken und Chips geknabbert. Besorgungen und etliche Fotos gemacht. Im Hotel dann einen Buttertee mit dem Torwächter getrunken.

Ach so: Die Kopfschmerzen sind verschwunden. Komplett. Der Frühstücksraumaufseher hatte mir einen Chiropraktiker in der Dekye Shar Lam empfohlen(Pema und Nyima haben genickt). Der gute Mann benötigte einen einzigen Ruck, bei dem es irgendwo im Nacken laut geknackst hat - die Schmerzen waren augenblicklich weg. War gar keine Höhenkrankheit. War der Kunstlederkoffer aus dem Handgepäckfach.

Morgen geht's dann los mit der Rundreise. Aber eigentlich kenne ich Tibet schon.

Informationen:

Anreise: über Peking oder Shanghai; von dort kann man mehrmals täglich nach Lhasa fliegen. Flüge nach Tibet können (offiziell) nur im Rahmen einer Gruppenreise gebucht werden.

Reisearrangements: Der Veranstalter Marco Polo bietet eine Individualvariante an; 13 Tage ab 3379 Euro inkl. Flüge, Guide und Transport; www.marco-polo-reisen.com. Bei der Expeditions-Studienreise von Studiosus wird neben den kulturellen Höhepunkten Zentraltibets auch der Westen besucht. 22 Tage, ab 4298 Euro; www.studiosus.com