Mitten in ... Istanbul

Die Braut rafft ihren schneeweißen Rock, einen Traum aus Tüll, wie ihn nur türkische Hochzeitskunst zu schneidern weiß. Dann steigt sie in den Zug, einen Waggon mit zerborstenen Scheiben und Graffiti an jeder Wand. Sie nimmt Platz, ohne Rücksicht auf das opulente Outfit. Der Bräutigam, ganz in Schwarz, bleibt auf dem Bahnsteig stehen. Dann drückt der Hochzeitsfotograf auf den Auslöser. Man könnte sich in diesem Moment fragen: Warum in aller Welt lässt sich ein junges Paar auf einem Abstellgleis fürs Familienalbum ablichten? Die Braut blickt verträumt durchs gesplitterte Glas zum Bräutigam. Sie lieben wohl einfach Haydarpaşa, den stolzen alten Bahnhof der Bagdadbahn, der tot ist, seit man unter dem Bosporus hindurchfährt. Ein Plakat warnt, der Bahnhof werde renoviert. "Betreten verboten." Gilt nicht für Verliebte.

Christiane Schlötzer

SZ vom 27. April 2018

Bild: Marc Herold 10. Juni 2018, 11:562018-06-10 11:56:44 © SZ/ihe