Österreich Alte Hirsche

Selbst im wenig besuchten Gesäuse braucht es Regeln zum Schutz der Natur. Das Problem sind eher die Einheimischen als die Touristen.

Von Florian Sanktjohanser

Der Wind pfeift garstig am Gipfel des Gscheideggkogel, es beginnt schon zu dämmern. Schnell zieht Werner Huber die Felle von seinen Tourenskiern, stellt Stiefel und Bindung auf Abfahrt. Dann wedelt er los, im Slalom zwischen den Bäumen hinab. Also hinterher, durch Nebel und Flocken. Nach fünf Schwüngen liege ich das erste Mal im Pulverschnee. Es wird eine lange Abfahrt.

Drei Stunden zuvor hat Huber die Tour auf den 1788 Meter hohen Gscheideggkogel als Anfängerroute verkauft. "Relativ lawinensicher", hat er gesagt, und "bei fast jedem Wetter zu gehen." Dann ist er losgespurt, 600 Höhenmeter, ohne echte Pause. Huber trägt Schnauzbart zum Bäuchlein, er ist 53 und sieht nicht gerade aus wie ein Ausdauersportler. Doch der Steirer ist hauptberuflich bei der Polizei für Bergunfälle zuständig und nebenberuflich Ranger hier im Nationalpark Gesäuse. "Dafür sollte man geländegängig sein", sagt er.

In beiden Berufen hat Huber mit Touristen zu tun. Entweder er führt sie den Berg hinauf oder er gräbt sie aus dem Schnee. "Die Lawinenproblematik ist groß", sagt Huber. Die Berge sind keine 2500 Meter hoch, aber steil und felsig im einzigen Nationalpark der Steiermark. Und mit dem Boom des Skitourengehens kommen immer mehr unerfahrene Besucher. An den Wochenenden fallen die Ausflügler aus Graz, Linz und Wien ein. Bei schönem Wetter steigen oft jeweils mehr als hundert Tourengeher auf die beliebtesten Berge der Gegend: auf Tamischbachturm, Festkogel, Leobner und natürlich auf den Lugauer, 2217 Meter hoch.

Unter der Woche aber wird es sehr ruhig. An diesem Donnerstag im Hochwinter stehen drei Autos auf dem Parkplatz der Ebner Klamm. Auf dem Weg zum Gscheideggkogel begegnen wir keinem Menschen. Wir steigen über Forststraßen und Wanderwege auf, zwischen Bäumen, die kissendick in Schnee eingepackt sind. Bartflechten hängen von den Zweigen, Zeichen eines intakten Waldklimas. Am Wegesrand die Wurzel eines umgestürzten Baums, die aussieht wie das aufgerissene Maul eines Raubtiers. Im Nebel über dem Wald zeichnen sich die Konturen der Gsuchmauer ab, dahinter die Schemen von Ödstein und Reichenstein. Nur unser Geklapper, das zwei Rehe den Hang hinauf flüchten lässt, stört die Winterruhe.

Das sei das Problem, das die steigende Zahl von Schneeschuh- und Skitourengehern mit sich bringe, sagt Huber: Sie erschrecken das Wild. "Die Hirsche fahren im Winter ihre Körpertemperatur herunter", erklärt er, "vor allem in den Läufen. Wenn ein Skifahrer sie aufscheucht, müssen sie ihren Stoffwechsel für die Flucht anwerfen. Das kostet viel Energie."

Um die Wintersportler zu lenken, ließ der Nationalpark an den Parkplätzen große Schilder mit Karten aufstellen. Entlang der beliebten Routen wurden Schneestangen mit blau-orange-gestreiften Spitzen in den Boden gerammt, an Abzweigungen weisen Pfeile den Weg. Und jedes Wochenende steigen Werner Huber und seine Kollegen die Routen hinauf und legen frische Spuren. "Die Besucher halten sich zu 99 Prozent an die Routen. Das Problem sind die Einheimischen, die weiter ihre alten Touren gehen wollen", sagt Huber.

Eine Sturheit, die das Leben der gefährdeten Birk-, Schnee- und Auerhühner bedroht. Werden sie zu oft gestört, ziehen sie sich in immer unzugänglichere Gebiete zurück, die eigentlich nicht für sie geeignet sind. Im schlimmsten Fall finden die Raufußhühner nicht mehr genug Nahrung und verhungern. Deshalb hat der Nationalpark ihre Winterruhezonen zusätzlich markiert. Am Gscheideggkogel passieren wir nach zwei Stunden das erste dieser Schilder. Darauf ein Birkhuhn mit Küken, das uns ein Stoppschild entgegenhält.

Es ist fast dunkel, als wir das letzte Stück über einen Pulverhang hinab kurven. Huber packt die Ausrüstung in den Wagen und fährt zum Kölblwirt, dem letzten Gasthaus im Johnsbachtal. Hier treffen sich abends die Skitourengeher bei Kasnocken, Schnitzel und Bier. Im Fernseher läuft ein Skirennen, die Österreicher fiebern lautstark mit. An einem Tisch in der Ecke sitzt Ludwig Wolf, der Wirt. Er war bis Ende vergangenen Jahres Bürgermeister von Johnsbach und betreibt auch den einzigen Skilift im Tal, einen Schlepper mit Bügeln. Auf der dazugehörigen Piste wurden früher sogar Jugendrennen ausgefahren. Bis heute lernen alle Kinder aus dem Dorf hier Skifahren.

Urlauber würden wegen der kurzen Piste allerdings nicht anreisen, sagt Wolf. Und auch das winzige Skigebiet Kaiserau bei Admont mit seinen drei Schleppliften ist im Zeitalter der Pistenkilometer-Rekorde und der Lifte mit beheizten Sitzen und Wlan nicht gerade ein Touristen-Magnet. Mehr wurde im Gesäuse nie gebaut. Die steilen Berge böten sich einfach nicht für Pisten und Lifte an, erklärt der Tourismusdirektor David Osebik. Eine Ausnahme ist der Klosterkogel. In den frühen Sechzigerjahren plante man auf dem Berg über dem Schloss Röthelstein ein großes Skigebiet. Die Abfahrt sollte bis nach Admont hinabführen. Das Vorhaben scheiterte an Eigentümern, die ihre Wiesen nicht hergeben wollten. "Heute sind wir heilfroh", sagt Osebik. Denn in Österreich seien heute nur wenige Skigebiete noch profitabel.

Osebik setzt auf die Winterruhe. Sie verschlingt keine Millioneninvestitionen, und es gibt reichlich von ihr im Gesäuse. Johnsbach hat 150 Einwohner, vor 25 Jahren waren es noch mehr als 200. "Es leben viele Alte hier, und jedes Jahr sterben ein paar", sagt Riki Nachbagauer am nächsten Morgen beim Frühstück in der Stube mit Kachelofen. "Die Jungen ziehen alle weg, um in der Stadt zu studieren. Zurück kommen nur die Kinder aus den Gasthäusern und Bauernhöfen, für die es Arbeit gibt."

Die Familie Nachbagauer hat seit mehr als 100 Jahren Fremdenzimmer auf ihrem Hof, dem Huberbauern. Zuerst kamen die Gäste ausschließlich im Sommer, erzählt die Bäuerin. Von 1872 an reisten Intellektuelle, Beamte und Studenten aus Wien mit der neuen Kronprinz-Rudolf-Bahn an. Sie nannten das Gesäuse ihre Universität des Bergsteigens. Es war eine harte Schule. Auf dem Bergsteigerfriedhof in Johnsbach, dem größten in Österreich, ruhen mindestens 59 Bergtote.

Die ersten Skitourengeher kamen in den Achtzigerjahren. Mit Seehundfellen unter den Brettern und einer Kabelzug-Bindung stiegen sie die Berge hoch. Eines ihrer bevorzugten Ziele waren die Futterstellen für Rehe und Hirsche. Heute kann man eine Schneeschuh-Tour zum Rotwild-Gehege beim Nationalpark buchen. Skitourengehern ist der Zutritt inzwischen verboten. "Das Gehege ist das letzte Rückzugsgebiet für die Hirsche", sagt Karl Platzer. Der 31-jährige Förster stapft in Lederhose und grünen Kniestrümpfen voran. An jungen Bäumen zeigt er den Unterschied zwischen dem Verbiss durch Hasen (glatt) und dem durch Rotwild (ausgerupft). Ohne Fütterung wäre der Verbiss weit schlimmer, sagt Karl Platzer.

Der letzte Schrei sind Skitouren mit Stirnlampe. Jetzt hat das Wild auch nachts noch Beleuchtung

Im Innern der Beobachtungshütte wurde eine kleine Tribüne aufgebaut, an der Wand dahinter hängt die Abwurfserie eines Hirschs: ein Geweih für jedes Jahr. Durch die Fenster haben wir einen Logenblick auf die etwa 70 Hirsche in der Senke. Sie trotten umher, fressen ihr Heu, scheuchen einander weg. "Futterneid", sagt Platzer. Dann weist er auf einen großen Hirsch hin, der reglos am Rand steht. "Das ist der Chef: Vladimir." Wie passend.

Auf dem Weg zurück wird Platzer ernst. Er erzählt von der neuesten Mode, dass immer mehr Tourengeher am Abend mit Stirnlampen aufsteigen. "Jetzt hat das Wild auch nachts keine Ruhe mehr", schimpft er. Der Alpenverein biete seit kurzem Mondscheintouren auf den Leobner an, die zwei Rehfütterungen passieren. Der Lebensraum der Tiere werde immer kleiner. Sein Vorgänger habe auf dem Leobner noch 80 bis 100 Gämsen gesehen. "Jetzt sind es vielleicht drei oder vier."

Wer die scheuen Tiere des Nationalparks ohne schlechtes Gewissen anschauen will, fährt am besten ins Kloster. Im Benediktinerstift Admont ist nicht nur die mit etwa 200 000 Büchern weltgrößte Klosterbibliothek untergebracht; ein spätbarockes Gesamtkunstwerk, deren Deckenfresken und Holzskulpturen allein schon eine wunderbare Schlechtwetteralternative sind. Im 19. Jahrhundert haben die Mönche auch ein naturhistorisches Museum eingerichtet. Neben Exoten wie Löwe, Alligator und Nashornvogel stehen auch Gams und Auerhuhn ausgestopft in den Vitrinen, wie aus einer anderen Welt.