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Ötztal :Die Angst vor dem Gipfel

In der Wandersaison werden die Aussichten wieder "malerisch" sein. Was das bedeutet, weiß der Künstler Nino Malfatti. Ein Interview über Kunst am Berg.

Nino Malfatti hat sich als Künstler die Berge als Lieblingsmotiv ausgesucht. Seine Werke hängen in zahlreichen Museen und Sammlungen - von Messners Mountain Museum in Bozen bis zur Kunsthalle Bremen. Er selbst bezeichnet sich als Bergsteiger, Tiroler und Europäer mit Wurzeln in Italien und Rumänien. "Und ein paar Türken und Schweizer waren im Stammbaum auch dabei." Heute arbeitet und lebt der 75-Jährige in Berlin und im Ötztal. Von dort aus hat er eine ganz eigene Sicht aufs Gebirge.

SZ: Herr Malfatti, sind Sie ein Romantiker?

Bedingt ja, aber eher im kulturhistorischen Sinne. Die Alpinmalerei wurde ja erst in der Romantik mit Joseph Anton Koch, Caspar David Friedrich oder Caspar Wolf ein eigenes Thema. Vorher waren die Berge in der Malerei eher Beiwerk und Hintergrund für religiöse und historische Ereignisse.

Ist es heute für einen Bergmaler noch wichtig, "romantisch" zu sein?

Ich kann mir die Berge ohne Romantik und Gefühle jedenfalls nicht vorstellen. Ich behaupte sogar, dass selbst Extrembergsteiger mit einer gewissen Romantik als Ausgangssituation in die Berge gegangen sind und erst dort zu extremen Leistungen angespornt wurden.

Zitieren wir einmal einen dieser Extremen. Der Südtiroler Alpinist Reinhold Messner soll gesagt haben: "Bei Nino Malfatti spüre ich, dass er die Berge wirklich erfasst hat." Haben Sie eine Idee, wie er das gemeint hat?

Dass ich die Berge erfasst habe? Ganz klar! Weil ich selber Bergsteiger war und bin. Und wenn er behauptet, ich hätte die Berge erfasst, dann spürt er, dass ich beim Malen auf metaphorische Art klettern gehe. Ich versuche, den Stein und die Formationen so zu malen, als könnte man sie auch begehen. Lustigerweise hat Reinhold auf einem seiner Vorträge anhand eines meiner Bilder seine Routen erklärt. Was mich doch sehr erstaunt und gefreut hat.

Sie sagten einmal, dass Sie erst im Alter von 40 Jahren gelernt hätten, Felsen zu zeichnen.

Vorher habe ich es auch regelrecht abgelehnt. Mir war das im negativen Sinne zu pathetisch. Wir wissen ja, was vor allem in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts mit der Verballhornung der Heimatgefühle passiert ist und dass die Berge ein ganz wichtiger Aspekt der Propaganda waren. Aus diesem Grunde - ich bin 1940 geboren - hatte ich als Künstler richtig Angst vor Gipfeln und dieser ganzen hehren Welt. Ich wollte nicht missverstanden werden, aus ideologischen Gründen. Anfangs habe ich auch wirklich nur die Strukturen von Felsen gezeichnet, keine Landschaft, keine Gipfel.

"3 nach 6": die Drei Zinnen, betitelt nach der Uhrzeit, zu der Malfatti sie zunächst im Abendlicht fotografierte.

(Foto: Nino Malfatti)

Sie haben sich letztlich über das Detail dem gesamten Berg genähert.

Richtig. Ich habe mich vom Detail aus rück- oder fortentwickelt, - je nach Betrachtungsweise - und dann den ganzen Berg gesehen. Für mich hat die Bergmalerei immer noch zwei, drei verschiedene Elemente. Beim Malen von Gipfeln geht es um Landschaftlichkeit. Und dann gibt es die Texturen oder abstrakte Bilder, die sich nur auf Formationen beziehen.

Wer kauft solche abstrakten Bilder? Bergliebhaber? Kletterer? Oder Menschen, die einfach einen Felsen im Wohnzimmer hängen haben möchten?

Unterschiedlich. Einer Bekannten war die leinwandfüllende Struktur beispielsweise zu eng; ich habe dann den Himmel als "Fluchtmöglichkeit" dazugemalt. Was das psychologisch für Charaktere sind, weiß ich leider nicht. Reinhold Messner war beispielsweise die ganze Bergwelt wichtig, auch wenn die ersten Bilder, die er von mir erwarb, Strukturbilder sind.

Wie macht man das: Berge erfassen?

Das weiß ich nicht. Ich habe jedenfalls keine technische Handhabung oder Beschreibung, wie das möglich ist.

Ach, kommen Sie. Es gibt doch sicher Grundregeln, damit der Berg nicht nur ein konturenarmer Kinderhügel wird?

Ich habe, wie gesagt, noch kein Lehrbuch dazu gefunden. Ich fange einfach mit einem Motiv an, das mich anmacht. Im Normalfall arbeite ich ja nicht im Gebirge, sondern nach Fotografien, die ich nach ganz einfachen Kriterien mache: Wahnsinnsblick, tolle Stimmung. Oder: spannende Felsstruktur. Zu Hause sichte ich die Bilder, richte die Leinwand nach dem Foto oder dem Ausschnitt aus und teile die Leinwand ein. Dann fange ich beispielsweise mit dem Gipfel an und baue die Tektonik zeichnerisch auf.

Werden Bilder, die nach abfotografierten Vorlagen entstehen, anders als Bilder, bei denen Sie im Gebirge arbeiten?

Natürlich. Ich kann viel systematischer vorgehen. Wenn das Foto "abgearbeitet" ist, fange ich an zu malen. Ich bin ja kein Bergporträtist. Ich verwende die Berge für die Malerei. Ein befreundeter Schriftsteller hat gesagt: Bei Malfatti wird die Malerei bergförmig. Das finde ich einen schönen Satz. Ich arbeite so lange nach dem Foto, wie es für die Skizze dienlich ist. Anschließend wird aus dem Motiv dann Malerei.

Nino Malfatti

Nino Malfatti, 1940 in Innsbruck geboren, findet, dass Kunst auch Einstellungssache ist und hat mit einiger Befriedigung erkannt: "Ich werde nie einem Fotografen Konkurrenz machen. Oder er mir."

(Foto: Malfatti)

Trotzdem sind Ihre Bilder sehr nahe an der Realität. Warum macht man sich bei der Flut an Bergfotografien heute überhaupt noch die Mühe, Bilder zu malen?

Es gibt wirklich hervorragende Bergfotografien, aber die Bergfotografie ist eine reine Wiedergabe. Die malerische Auseinandersetzung mit den Bergen kann noch andere Dinge transportieren. Da kommt durch eine Handschrift automatisch eine weitere Ebene hinzu. Deshalb habe ich mit einiger Befriedigung erkannt: Ich werde nie einem Fotografen Konkurrenz machen. Oder er mir.

Eines der Lieblingswörter in der Berg-und Reiseliteratur ist "malerisch". Können Sie uns erklären, was man sich darunter vorstellen muss?

Malerisch bedeutet romantisch, sentimental, gemütlich. Das scheint so eine Klischeegeschichte zu sein. Berge an sich sind nicht malerisch, sondern eher bestürzend. Gerade Bergmalerei im 19. Jahrhundert war eine progressive, avantgardistische Malerei, eine völlig neue Richtung. Mit niedlich oder malerisch hat das nichts zu tun.

Dennoch spielt heutzutage statt der Bedrohung eher der Kitsch eine große Rolle beim Abbilden der Berge.

Was man als Maler auf gar keinen Fall will. Ich habe nackte Angst vor dieser Verlogenheit; die traute Almhütte mit der Sennerin. Mal ehrlich: Das ist doch furchtbar! Dabei gab es schon im 19. Jahrhundert Maler, die genau dieses Motiv ohne eine Spur von Kitsch gemalt haben. Und man kann ja auch ein Abendrot als klirrende Kälte malen. Aber das ist Einstellungssache.

Eine Ihrer Ausstellungen hieß: "Ich und die Berge sind riesige Freunde."

Das war eine Ausstellung mit ausschließlich weißen Bildern, die 2011 in Berlin stattfand. Ich habe auf der Suche nach einem Titel einfach einen wunderschönen Satz abgeändert, den ich von einem Kind gehört habe: "Ich und die Sonne sind riesige Freunde." Wobei das "Ich" am Satzanfang keine Anmaßung sein soll. Sondern eher eine ironisch ehrfurchtsvolle Annäherung.

Wenn Sie die Berge als Freund bezeichnen: Haben Sie als Bergsteiger denn nie Angst im Gebirge?

Natürlich habe ich Angst vor den Bergen! Aber bei Freundschaften ist man auch nicht immer wohlgebettet. Der andere ist manchmal bedrohlich. Insofern ist das schon vergleichbar.