Künstlerinsel Großer Himmel, freier Blick

Kreative lieben Sylt und das besondere Licht. Doch eine Künstlerkolonie ist die Insel nie geworden. Zu teuer die Mieten, zu knapp der Raum für Ateliers. Die Malerin Svetlana Vorreiter hat sich etabliert - allen Widerständen zum Trotz.

Von Thomas Hahn

Svetlana Vorreiter mag den Herbst, sein gedämpftes Licht, seine inspirierende Tristesse. Außerdem sind im Herbst weniger Leute auf Sylt nach der bewegten Sommersaison mit den vielen Strandurlaubern und dem ganzen Party-Theater. Svetlana Vorreiter braucht Ruhe zum Malen, und die findet sie im Oktober und November besonders gut, wenn die ersten Stürme der kälteren Jahreszeit über die Insel fegen. Ihre kleine Galerie in der Keitumer Chaussee von Westerland öffnet sie ohnehin nur am Nachmittag, am Vormittag zieht sich zurück mit ihren Pinseln, Farben und Leinwänden. "Dann kann ich einfach malen", sagt Svetlana Vorreiter. Kulisse und Motiv ist für sie die herrliche Insel-Landschaft. Es muss ein Traum sein, auf Sylt eine Künstlerin zu sein.

Oder?

Kunst auf Sylt ist eine zwiespältige Geschichte. Einerseits hat sie einen ziemlich hohen Stellenwert. Es gibt viele namhafte Galerien, die Angebote für ein kunstsinniges Publikum machen - und die sicher auch davon profitieren, dass immer wieder zahlungskräftige Menschen unter den Sylter Urlaubern sind. Malkurse sind auf Sylt beliebt - in privater Atmosphäre wie bei Traute Nierth in Morsum oder bei der Volkshochschule Klappholttal in List. Regelmäßig gibt es Ausstellungen, zum Beispiel in der Stadtgalerie "Alte Post" gegenüber dem Bahnhof von Westerland oder in der Galerie am Meer. Der Verein "Sylter Kunstfreunde" hat vor zwei Jahren mit Unterstützung der Gemeinde Sylt auf dem Rathausplatz in Westerland eine Skulpturenausstellung organisiert. Regelmäßig treffen sich auf Sylt Künstler wie die "Norddeutschen Realisten" zu Arbeitszyklen.

Und auch Svetlana Vorreiter, die einst aus St. Petersburg in Russland nach Sylt kam, schwärmt von der Atmosphäre auf der Insel, deren Kraft so unmittelbar und klar ist, wie man es auf dem zugebauten Festland nicht so oft findet. "Wenn jemand von einer großen Stadt kommt wie ich, dann merkt man sofort, wie groß der Himmel hier ist", sagt sie, "in der Stadt sieht man nichts, keine Sterne, kein Licht. Hier ist die Landschaft ganz frei. Wahrscheinlich ist ein Sonnenuntergang in Hamburg oder St. Petersburg auch schön. Aber man sieht dort nur einen ganz kleinen Teil davon, der Rest ist bedeckt von Häusern."

Es ist also für die Kunstschaffenden einerseits großartig auf Sylt. Aber andererseits ist Sylt auch ein ziemlich schwieriges Pflaster für sie. "Die Hauptattraktion ist der Strand", sagt Petra Nies, die Vorsitzende der "Sylter Kunstfreunde". Bei schönem Wetter interessieren sich die Urlauber naturgemäß weniger für Bilder. Und die Künstler selbst haben das gleiche Problem wie alle Menschen, die auf Sylt leben wollen: Raum ist knapp und teuer. "Ein Maler braucht Platz für sein Atelier und seine Galerie", erklärt Petra Nies das Dilemma, "aber viel Platz kann man sich hier nicht leisten. Auf Sylt sind uns die Preise weggelaufen."

"In der Stadt sieht man nichts, keine Sterne, kein Licht. Hier ist die Landschaft ganz frei."

Offiziell war Sylt eigentlich nie eine Künstlerinsel, es gab und gibt hier keine sogenannte Künstlerkolonie, wie sie zum Beispiel in Worpswede in Niedersachsen ansässig ist. Das heißt, in Sylt war nie eine Arbeitsgemeinschaft von Künstlern heimisch, die während des ganzen Jahres auf der Insel wohnte. Künstler mochten Sylt schon im 19. Jahrhundert, auch bedeutende wie Emil Nolde oder Max Liebermann. Aber die Insel war für sie mehr Sommerfrische als echter Lebensraum.

Selbst der Maler Siegward Sprotte, der 2004 starb und auf den eine der bedeutendsten Sylter Galerien, die Galerie Falkenstern Fine Art & Atelier Sprotte in Kampen, zurückgeht, verbrachte praktisch nie das ganze Jahr auf Sylt. Und heute gibt es Maler mit klarem Sylt-Bezug, die es vorziehen, auf dem Festland zu leben: Malte von Schuckmann zum Beispiel, dessen Bilderzyklus "Die Farben der Nordsee" bis vor Kurzem im Kaamp Huis auf Kampen zu sehen waren. Sylt hat 17 700 Einwohner mit festem Wohnsitz auf der Insel, Petra Nies schätzt, dass darunter nur 40 Künstler sind. Die Insel zieht Künstler an, aber auf Dauer kann sie die Kreativen nicht halten. "Viele haben die Insel verlassen", sagt Svetlana Vorreiter. Maler, die eine Ausstellung zu betreuen haben, wohnen für diese Zeit oft bei Sylter Privatleuten, damit der Aufenthalt sie nicht finanziell überfordert; die Vereinsvorsitzende Nies nimmt selbst immer wieder Künstler bei sich auf.

Svetlana Vorreiter, 50, ist also eine Ausnahme. Vor 20 Jahren kam sie aus St. Petersburg nach Sylt und ist bis heute geblieben. "Ich habe überlebt", sagt sie, und man merkt ihr an, dass sie stolz auf die Leistung ist, sich durchgesetzt zu haben an der Nordsee, wo das Klima oft rau und die Einsamkeit groß ist. Ihre ersten Jahre auf Sylt waren nicht einfach. Sie hatte sich von einem Kunsthändler aus Westerland überreden lassen, ihm an einen Ort zu folgen, von dem sie zunächst keine Vorstellung hatte. "Ich habe erst am Flughafen gemerkt, was Sylt ist", sagt Svetlana Vorreiter.

Sie malte für den Kunsthändler Bilder für 20 D-Mark, sie heiratete ihn, sie bekam ein Kind. Aber bald fühlte sie sich ausgenutzt in ihrer Doppelrolle als Mutter und Inselmalerin. Sie ließ sich scheiden, machte sich selbständig und überzeugte die kunstinteressierte Kundschaft auf Sylt mit künstlerischem Talent und einer handwerklichen Meisterschaft, die sie schon als Elfjährige in der Kinderkunstschule von Tscheljabinsk geschärft und später beim Studium an der Kunst-Design-Akademie in St. Petersburg vollendet hatte.

Ihre Ölbilder sind geprägt von einem sorgfältig abgewogenen Farbenspiel. Sie sind nie zu grell und nie zu finster, sie zeigen die Kraft der Sylter Natur, Blumenwiesen, das aufgewühlte Meer, Felsen, an denen die Wellen brechen, Häuser im Sommergrün, die Keitumer Kirche aus der Ferne. Die Insel ist das Kernmotiv ihres Schaffens, und das hat nicht nur damit zu tun, dass die Sylter Landschaft und die Nordsee so viele stimmungsvolle Ansichten hergeben. "Das wird auch einfach mehr gefragt", sagt Svetlana Vorreiter.

Sie betreute mal eine Ausstellung in der Pfalz, und weil sie eigentlich immer malt, malte sie auch während ihres Aufenthaltes dort. Sie ließ sich von der pfälzischen Landschaft inspirieren. Aber die Bilder verkauften sich nicht gut in ihrer nordfriesischen Wahlheimat. "Die Leute kommen nach Sylt", sagt Svetlana Vorreiter, "die brauchen eine Erinnerung von Sylt, nicht von der Pfalz oder von München. Sie brauchen eine Verbindung zwischen Bild und Künstler." Sie hätte sich in Sylt keinen Namen machen können, wenn sie die Geschichte der Insel nicht auch zu ihrer persönlichen Geschichte gemacht hätte.

Sie hat früher in Keitum gelebt, "das war ein Traum": Sie hatte damals im Erdgeschoss sowohl Galerie als auch Atelier und direkt drüber ihre Wohnung, von der aus sie die Kirche sehen konnte. Irgendwann musste sie dort raus, zog nach Westerland und musste sich dort etwas umstellen. Seither hat Svetlana Vorreiter kein echtes Atelier mehr. Sie malt bei sich zu Hause. Im Wohnzimmer. Am liebsten bei Herbstlicht.