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Kroatien:Land unter

Kopački rit ist ein so schöner wie unbekannter Naturpark: Einst ging Tito in den Wäldern auf die Jagd, heute lebt Europas größte Seeadler-Population hier.

Bis zum ersten Seeadler dauert es keine zehn Minuten. Ein ausgewachsenes Exemplar startet mit schwerem Flügelschlag über das Boot hinweg, zweieinhalb Meter Spannbreite, schätzt Vlatko Rožac. Drei weitere Adler kreisen hoch am Himmel. Nichts Besonderes zu dieser Jahreszeit, sagt Rožac. Im Frühsommer, wenn die Jungen fliegen lernen, seien die Adler überall zu sehen. "Wie Hühner."

Seeadler sind für Vlatko Rožac in etwa so exotisch wie Dackel für einen Münchner. Der Biologe, 36 Jahre alt, ist im Naturpark Kopački rit aufgewachsen. Seine Eltern haben ein Sommerhaus an den Flutebenen, dort verbrachte er als Kind seine Wochenenden und Sommerferien. Heute überwacht er als Wissenschaftler die Populationen der Adler, der Schwarzstörche und all der anderen seltenen Vogelarten, die in dem Feuchtgebiet im äußersten Osten Kroatiens leben. "Ich wollte schon als Student immer hier arbeiten", sagt Rožac. Wenn man ihn einen Tag lang bei seinem Job begleitet, mit ihm und seinem Kollegen durch Kanäle und über geflutete Wiesen schippert, vorbei an Auenwald und Schilf, an Wildschweinen und Schwänen, kann man das gut verstehen. Abgesehen von der Sache mit den Moskitos.

"Wenn dir die Mücken vors Gesicht fliegen, blas sie weg", sagt Vlatko Rožac, als er am frühen Morgen in das kleine Stahlboot steigt. "Wenn du mit den Händen herumwedelst, lockst du nur noch viel mehr von ihnen an. Und dann wirst du ernsthaft attackiert." Dämmerlicht bricht durch den Nebel, die Moskitos von Kopački rit sind längst wach. 19 Arten von Mücken leben in dem Naturpark, erzählt Rožac. Sie seien ein sehr wichtiger Teil der Nahrungskette. Na dann.

Kopački rit liegt an der Grenze zu Serbien und Ungarn, in dem Dreieck, das Donau und Drau bilden. Flussarme, Kanäle und Seen durchziehen das flache Land, auf der Karte sehen sie aus wie aufgefächerte Palmen oder die Flecken einer Kuh, je nach Fantasie. Doch dieses Bild ist nur eine Momentaufnahme. Jedes Frühjahr, wenn in den Bergen das Eis schmilzt, werden riesige Flächen überflutet. Es entsteht ein Binnen-Delta, das in Europa sehr selten und an der Donau einzigartig ist. "Die Flutebenen sind der artenreichste Lebensraum in Europa", sagt Rožac. "Wie der Regenwald in den Tropen." 298 Arten Vögel haben er und seine Kollegen gezählt, 141 Arten nisten hier. Darunter sind seltene Spezies wie der Schwarzstorch oder die Moorente. Der WWF nennt Kopački rit den Amazonas Europas. Und die Unesco will den Naturpark zum Mittelpunkt des Biosphärenreservats Mur-Drau-Donau machen, das sich über fünf Länder erstrecken soll. Allein, die Touristen scheinen von all dem noch nichts gehört zu haben.

Etwa 30 000 Besucher kommen pro Jahr, weniger als ein Viertel davon sind Ausländer. Der Tourismus hier ist im Vergleich zur Küste nicht der Rede wert - und doch die Hoffnung der Menschen. Was auch sonst? Die Baranja, früher ein Teil Ungarns, ist die ärmste Region Kroatiens. Einst war das nahe Osijek eine der wichtigsten Industriestädte Jugoslawiens, mehr als 20 Fabriken produzierten Möbel und Textilien, Maschinen und Chemie. Nach dem Kollaps des Sozialismus haben die meisten Fabriken dicht gemacht, und mit der Landwirtschaft ist nichts mehr zu verdienen. Die Pustara, für die Landarbeiter gebaute Dörfer, sterben langsam. Heute hat die Hälfte der Menschen in der Baranja keine Arbeit.

Also nun Tourismus. In den vergangenen Jahren eröffneten Dutzende Pensionen und Restaurants. Eine neue Weinroute führt zu den Gütern, deren Keller in die Hügel am Rand der pannonischen Tiefebene gegraben wurden. Und bald soll die neue Autobahn von Budapest bis zur Adriaküste mehr Besucher bringen.

Die Parkverwaltung baut gerade das Besucherzentrum wieder auf, das vor zwei Jahren niedergebrannt ist. Ein Minidorf aus Holzhäusern auf Stelzen, mit Café, Souvenirshop und Multimedia-Präsentation. "Wir müssen den Leuten die Faszination der Flutebenen zuerst erklären", sagt Vlatko Rožac. "Sie sind nicht so offensichtlich spektakulär wie die Plitvicer Seen."

Das stimmt, denn zunächst sieht man: Bäume, die im Wasser stehen. Doch auf, zwischen und unter diesen Bäumen tobt das Leben. Gleich gegenüber dem Kai, wo im Frühling und Herbst stündlich Ausflugsboote voll schnatternder Schulklassen starten, lauern Hunderte Kormorane in Silberpappeln, eine von zwei Kolonien im Park. Äste treiben im Wasser, bedeckt von Moos und Schnecken. Aus allen Richtungen zirpt und zwitschert und quakt es. Silberweiden spiegeln sich im Wasser, Wolken tupfen weiße Flecken dazwischen.

Rožacs Kollege steuert das Boot langsam durch das grüne Labyrinth. Er stoppt, setzt zurück, fährt in einen anderen Kanal. Die beiden diskutieren über die Richtung, selbst sie verlieren in dem Wirrwarr manchmal die Orientierung. Touristen wären hier verloren. Deshalb ist es für sie verboten, ohne Guide im Park herumzupaddeln. Ohnehin dürfen Besucher nur einen kleinen Korridor im insgesamt 231 Quadratkilometer großen Areal sehen. Die 7000 Hektar große Kernzone ist für sie gesperrt, ebenso wie der Nordteil, in dem gejagt und Holz geschlagen wird.

Rožac schiebt mit seinem Paddel ein paar Äste aus dem Weg, Frösche springen aufgeschreckt ins Wasser. "Hörst du die Adler?", fragt er. "Sie schreien sich an, um ihr Territorium zu verteidigen." Die Seeadler sind die Könige von Kopački rit. In den Siebzigerjahren, als DDT gesprüht wurde, lebten nur noch fünf Adlerpaare im Park. Heute nisten hier mehr als 60 Paare, die größte Population in Europa. Sie haben keine natürlichen Feinde, sie werden nicht gejagt, und sie finden genug Futter. Denn an den pelzig-gelben Riedgräsern, die die Wasseroberfläche kitzeln, legen viele Fischarten ihren Rogen ab. Nach dem Delta ist Kopački rit der wichtigste Laichplatz entlang der Donau. Welse, Barsche, Karpfen und Hechte schlüpfen hier in Massen. Das wissen auch die Wilderer, die mit Booten aus den Dörfern ringsum kommen, um hier zu angeln.

Früher hätten sie dafür drakonische Strafen riskiert. Kopački rit war über Jahrhunderte für Normalsterbliche tabu. Kaiserin Elisabeth schenkte das Gebiet Prinz Eugen von Savoyen als Dank dafür, dass er die Türken besiegt hatte. Aber der Prinz sei ein Stadtjunge gewesen, sagt Rožac, mehr an den Mädchen in Wien interessiert als an der Jagd. Als er kinderlos starb, übernahmen die Habsburger. Sie ließen ein Jagdhaus und ein Schloss bauen. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte das Königshaus von Serbien, Kroatien und Slowenien die Tradition fort, nach dem Zweiten Weltkrieg ging Tito hier mit Filmstars und Präsidenten auf die Jagd. Angeblich soll der Autokrat sogar von der Schlossterrasse aus auf Hirsche geschossen haben.

Informationen

Anreise: Mit dem Zug kommt man in viereinhalb Stunden von Zagreb nach Osijek (www.hzpp.hr). Die Busse brauchen fünf Stunden und kosten wie die Bahn 20 Euro (http://voznired.akz.hr).

Unterkunft: In der Forschungsstation in Tikves gibt es sieben spartanische Zimmer, Übernachtung ca. 20 Euro pro Person, Tel.: 00385/31 445 445. Die meisten Touristen übernachten in Pensionen in Bilje. Osijek hat Hotels mit internationalem Standard.

Der Park: Naturpark Kopački rit, Tel.: 00385/31 445 445, prijemni.centar@pp-kopački-rit.hr, http://pp-kopacki-rit.hr/. Wer die Natur in Ruhe erleben will, sollte während der Ferienzeiten ein eigenes Boot mieten. Die Guides sprechen Englisch und Deutsch. Im Besucherzentrum sind auch Räder und Kanus zu mieten.

An die finsterste Zeit des Parks gemahnen Totenkopf-Schilder, die ab und an im Schilf stehen. "Dort liegen noch Minen aus dem Bürgerkrieg", sagt Vlatko Rožac. Damals besetzten serbische Truppen den Park und verwüsteten das Schloss. Nun soll es mithilfe von EU-Geld restauriert werden. Dach und Fenster wurden bereits erneuert. Irgendwann soll ein Museum einziehen. Aber noch ist der Backsteinbau auf einer Waldlichtung geschlossen.

Der Status als hochherrschaftliches Sperrgebiet hat die Auenwälder von Kopački rit vor dem Kahlschlag bewahrt. Doch die wahre Gefahr für das Ökosystem ist eine schleichende. Sie zeigt sich am Bijelo jezera, der inmitten der Auenlandschaft liegt. Vor 40 Jahren war er noch ein richtiger See. Jetzt trocknet er jedes Jahr vollständig aus.

"Wenn der Fluss nicht mehr mäandern kann, verlandet die Flutebene", erklärt Rožac. "Alles wird zu Wald." Ein natürlicher Prozess, dessen Tempo aber seit dem 19. Jahrhundert zunimmt. Damals begradigten Ingenieure des Kaiserreichs Österreich-Ungarn die Donau für die Schifffahrt. In den 1960er-Jahren wurden weitere Deiche von der ungarischen Grenze bis zur Drau gebaut, um das Flachland vor Fluten zu schützen. Heute ist die Donau vom Naturpark flussaufwärts in ein Korsett aus Dämmen gezwängt. Wasserkraftwerke stoppen den Fluss, die Sedimente sacken ab. Hinter den Dämmen jedoch beschleunigt sich das Wasser und gräbt das Flussbett immer tiefer - in 100 Jahren schon einen Meter. Noch sind die Flutebenen riesig. Aber zusätzliche Dämme und Deiche könnten den Prozess der Verlandung weiter beschleunigen. Im vergangenen Jahr haben Umweltschützer ein großes Bauprojekt zu Fall gebracht. Die Regierung wollte die Donau von der Drau-Mündung 53 Kilometer flussaufwärts mit neuen Dämmen einfassen. Der World Wide Fund for Nature (WWF) und andere Nichtregierungsorganisationen beschwerten sich bei der EU, die Druck auf Kroatien ausübte. Der Bau wurde abgeblasen.

Für Tibor Mikuska geht der Kampf weiter. Gegen ein weiteres Wasserkraftwerk an der Drau, nahe Osijek. Und für die Renaturierung der Donau. "Die ganze Kern- und Pufferzone soll Nationalpark werden", fordert der Sohn des ersten Naturpark-Direktors, der jetzt für die Croatian Society for Bird and Nature Protection arbeitet. Der 47-Jährige träumt davon, die Deiche wieder wegzureißen, "damit der Fluss seine Arbeit tun kann". Die Funktion der Flutebenen als natürliches Überlaufbecken werde immer wichtiger, sagt Mikuska. Denn das Klima im Osten Kroatiens wandelt sich von kontinental zu subtropisch, die Extreme werden häufiger. Als im Juni 2013 die Donau Passau überflutete, stand das Wasser in Ungarn acht Meter über dem Normalpegel, in Vukovar im Osten Kroatiens waren es nur drei Meter. Kopački rit hatte fünf Meter geschluckt.