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Kolumne "Mitten in ...":Schmerzfrei im Dschungelcamp

In Thailand genehmigt sich eine Horde Affen eine ordentliche Dosis Aspirin. In einem Münchner Konzertsaal hingegen steht einer Besucherin der Sinn nach einem deftigeren Snack.

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Khao Sok

Was wäre ein Dschungelcamp ohne Affen. Eine Horde Makaken turnt einen steilen Kalkfelsen hinauf. Wir wollen näher ran, steigen die Leiter vom Baumhaus hinunter, schleichen uns an. Ein Fehler, wie wir bald bemerken. Zwar haben wir die Tür zu unserer gemieteten Urwaldbehausung mit einem Vorhängeschloss verriegelt, aber die Halterung war dann doch zu schwach. Diese kleinen Kerle haben Kraft wie King Kong. Während uns die einen am Felsen vorturnen, brechen die anderen in unser Baumhaus ein. Wenn das kein Teamwork ist. Am Tatort sieht es hinterher aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, alle Taschen aufgerissen, Stühle umgeworfen, das Bett verwüstet. Auch haben sie auf den Koffer gepisst. Zu essen fanden sie nichts, dafür futterten sie unser ganzes Aspirin. Die Affen von Khao Sok, sie kennen jetzt keinen Schmerz mehr.

Arne Perras

SZ vom 13. März 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Die Karte ist ein Geschenk und klassische Musik mal was anderes, also ab in den Gasteig, die Wiener Philharmoniker spielen Beethoven. Der Dirigent setzt an, das Orchester beginnt, die Violinen, Bratschen, Bässe, tatatataa, tatatataaa. Selbst Menschen, die noch kurz googeln mussten, wann er die 5. Sinfonie komponiert hat (1808 war's), können hören, wie überragend das Orchester klingt. Der erste Satz hat begonnen, da zieht die Frau neben einem ein Brot aus der Tasche, beißt hinein. Zweiter Satz: Sie streicht die Krümel von der Hose, desinfiziert ihre Hände, mehrere Sekunden reibt sie das Gel ein. Als der vierte Satz gespielt ist, verbeugt sich der Dirigent, das Orchester steht auf, die an den Violinen, den Bratschen, den Bässen, noch mehr Applaus. Jetzt steht auch die Frau in Block M auf, will vorbei. Vermutlich bekam auch sie die Karte geschenkt.

Gianna Niewel

SZ vom 13. März 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Boulogne-Billancourt

An manchen Tagen holen einen die Fußballmomente der Kindheit ein. Wie an diesem in Boulogne-Billancourt, wo der französische Sportverlag L'Équipe residiert. Ein Recherchetermin, eigentlich. Der Journalist, den man porträtiert, zieht sich für seinen Fernsehauftritt ein Hemd an. Da sitzt im Maskenraum in einem riesigen Sessel ein Mann mit dem Rücken zur Tür. Im Spiegel sieht man, wie ihm die Augenlider gepinselt werden. "Salut, moi c'est Johan", sagt er mit tiefer Stimme. Johan Micoud, "le chef", der elegante Bremer Spielmacher der Nullerjahre. Nie werde ich ihm verzeihen, wie er meine Bayern 2004 aus dem Olympiastadion schoss. "3:1 haben wir euch weggehauen", sagt er grinsend. Und Ailton, der Kugelblitz, war der wirklich so dick, wie wir als Kinder dachten? "Toni war stark, das war alles", erinnert er. "Le chef" hat nichts an Eleganz verloren.

Jean-Marie Magro

SZ vom 13. März 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Pitlochry

Eine Bustour in den schottischen Highlands ist ja auch bei miesestem Wetter toll. Aber es kostet die Touristengruppe erkennbar Überwindung, an all den Stationen auszusteigen, hinaus in peitschenden Eisregen oder bittere Kälte. Früher Abend, Ende des langen Ausflugs, Rückfahrt nach Edinburgh. Die Leute haben sich warm eingemummelt, plötzlich die Stimme des Reiseleiters: "Ice Cream!" Brrr, denkt man und meint sich verhört zu haben. Aber es geht weiter: "Probieren Sie das Whisky-Eis!" Letzte Station ist Pitlochry, bekannt für seine Destillerien. Ah, ein Schlückchen Hochprozentiges zum Aufwärmen, so das freudige Gemurmel im Bus. Nein, heißt es, Aufenthalt im Dorf sei 30 Minuten, nicht genug für die Destillerien - aber für die Eisdiele am Eck. Und genau da stehen die Touristen dann, mit ihrer Eiswaffel in der Eiseskälte von Pitlochry.

Johann Osel

SZ vom 6. März 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Hanoi

"Camera Repair Center" steht über dem winzigen Laden nahe dem Hoan-Kiem-See. Die Kamera hat vor Tagen ihren Geist aufgegeben. "Jungle?", fragt der Reparaturexperte. Ich nicke, er nickt. "Broken." Mist. "Tomorrow", sagt der Mann. Die Kamera bleibt dort, Quittung ist eine Visitenkarte. Tags darauf bin ich zurück. "Ah, Camera!" sagt er und strahlt. Tatsächlich: Sie funktioniert. Ein Dollarbetrag war vereinbart, ich möchte mit Dong bezahlen. 1,3 Millionen müssten das sein. "No", wehrt der Mann ab. "It's too much." Er kritzelt auf einen Zettel: 1,1 Millionen. Trinkgeld? Kennt man in Vietnam nicht. Am Ende ist er bereit, die Scheine anzunehmen, aber, "please wait", nicht ohne Gegengeschenk. Er kramt und kramt ... und kommt mit einem fabrikneuen Kameradeckel an. Draußen auf der Straße die nächste Offenbarung. Die Kamera ist nicht nur heil, sie ist komplett gereinigt.

Martin Bernstein

SZ vom 6. März 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Ingolstadt

Lange Schlangen an den Kassen des Großmarkts, nicht wenige Einkaufswagen quellen über, ordentlich beladen mit Nudeln, Mehl, Klopapier und Konserven aller Art. Manche Kunden scheinen sich angesichts der jüngsten Fernsehbilder von leergefegten Supermarktregalen in Italien tatsächlich vorsorglich für mehrere Wochen und Monate mit dem Notwendigsten einzudecken. Der trotz des Andrangs routiniert-gelassenen und angenehm freundlichen Kassiererin wünscht man selbstverständlich einen schönen Tag. Aber so recht will sie offenbar nicht daran glauben: "Oh, wird nicht scheen, Corona macht viel, viel Stress", sagt sie mit leichtem Akzent, während ihre Barcode-Pistole auf das nächste 50-Kilo-Gebinde zielt. "Die Leute kaufen große Säcke wie verrickt. Aber bist du todd, hast du vielleicht zu viel gekauft." Man kann ihr nicht widersprechen.

Werner Schmidt

SZ vom 6. März 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Lüsens

Der Alpengasthof Lüsens liegt strategisch günstig am Ende eines Tals in den Stubaier Alpen. Die Gegend ist ideal für Skitouren auf Dreitausender, zum Langlaufen und Eisklettern. Nach ihren Aktivitäten kehren die meisten Wintersportler im Gasthaus ein, an schönen Wochenenden sind die rustikalen Stuben rappelvoll. Für den Wirt, könnte man meinen, ist diese Monopollage ein Segen. Das Wirtshaus ist eine Gelddruckmaschine. Alle Gäste haben riesigen Durst und Hunger, sind erschöpft und gut gelaunt. Doch die Freude ist eher einseitig. "Nehmt's des Zeugs vom Tisch!", schnauzt der Wirt die Gäste an, bevor er sie begrüßt. Er meint unsere Mützen, Handschuhe, Sonnenbrillen. "Ihr glaubt gar nicht, was ich schon alles unter dem Tisch gefunden habe: Unterhosen, Zähne ... also weg mit dem Geraffel." Schluck. Würg. Eigentlich möchte man jetzt doch nichts bestellen, danke.

Titus Arnu

SZ vom 28. Februar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Hamburg

Leute, kommt nach Hamburg und fahrt Rad. "Radfahren macht glücklich - auch im Winter!" Schreibt der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, Gegenentwurf zum ADAC. Neulich verteilte der ADFC an einer Hamburger Straße zwischen 7.30 und 9 Uhr Äpfel, die Aktion hieß "Winter Bike to Work". Genau genommen ist es so, dass es in Hamburg seit Wochen regnet. Und wenn es nicht regnet, dann stürmt es. Meistens regnet und stürmt es gleichzeitig, tendenziell Orkan, der Schirm fliegt weg oder verbiegt sich grotesk, man braucht Ganzkörpercapes und muss achtgeben, nicht nach Bremen geweht zu werden. Radwege und Fußwege, mit bloßem Auge eh kaum zu unterscheiden, verschwinden unter Ästen und Pfützen, Autofahrer rasen vorbei. Aber ja, Radfahren im Hamburger Winter macht glücklich, klar, darauf einen Apple to go.

Peter Burghardt

SZ vom 28. Februar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Khao Sok

33 Jahre nachdem Elmar Wepper in "Irgendwie und Sowieso" den "Seegrasindianer" etabliert hat, muss daran erinnert werden. Grund ist der thailändische Dschungelguide Luki Luki. Sein Schauspieltalent ist nahezu wepperhaft: Er mimt erst einen furzenden Elefanten - um sich in "Luki Luki Skywalker" zu verwandeln (indem er in einer finsteren Höhle eine Neonröhre auspackt). Per Boot geht es über den See. Das Dschungelgebiet heißt Khao Sok, und der Guide kaut nicht auf einem Socken. Sondern auf einem Stängel, den er auch auf dem Boot gelegentlich anzündet. Seine von Sonne gegerbte Haut verleiht ihm die Anmut eines Häuptlings im Kanu. Seine von Qualm inspirierten Kalauer erinnern eher an Sam Hawkins im Saloon. Welches Kraut er wohl in seinem Glimmstängel drin hat? Elmar Wepper würde sagen: ein echter Seegrasindianer.

Korbinian Eisenberger

SZ vom 28. Februar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Bologna

"Keine Chance", sagt der Schaffner und schüttelt mitleidig den Kopf. Dabei ist es sein ÖBB-Zug, der mit 14 Minuten Verspätung in Bologna-Centrale eintuckert. Es bleiben 60 Sekunden zum Umsteigen Richtung Florenz, von Gleis 7 auf 19. Dem österreichischen Bundesbahner wollen wir's zeigen und stürmen los. Orientierungslos. Ein Mann fällt in unseren Sprint ein. "Firenze? Ich bring euch", ruft er auf Englisch und übernimmt, ohne eine Antwort abzuwarten, die Führung. Wie ein Footballspieler räumt er alles und jeden aus dem Weg. Es geht durch Tunnels und über Rolltreppen hinunter zum roten schicken Sprinterzug. Wir springen mit Puddingbeinen auf. Der Mann fordert nun energisch seinen Sold, gierig greifen seine Finger nach dem Schein. No, no, zu wenig! Da schließen die Türen. Und unser Retter steht draußen vor dem Fenster, zeternd, mit geballter Faust.

Jutta Czeguhn

SZ vom 21. Februar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Köln

Zwischenstopp in Köln. Der Anschlusszug fährt erst in einer Dreiviertelstunde weiter, es bleibt also noch Zeit für einen Kaffee. Mit der Rolltreppe runter vom Bahnsteig, rein ins Getümmel. Und tatsächlich ist einiges geboten: Schneewittchen bestellt sich gerade einen Kaffee bei Starbucks, Superman läuft mit einer Hexe im Schlepptau Richtung Gleis und Pippi Langstrumpf steht etwas verloren vor dem Rewe To Go. Was ist denn da los? Ach ja, es ist ja Karneval, und man befindet sich in Kölle, der Hauptstadt der Narren. Nachdem man sich selbst mit Proviant eingedeckt hat, geht es mit der Rolltreppe wieder hoch zum Gleis. Dort steht ein kleiner, dicker Mann mit einem imposanten Schnauzer, in seiner Hand ein riesiger Käfig. Darin: mindestens 20 Tauben. Das aufwendigste Karnevalskostüm? Ach was! Wohl eher: der ganz normale Wahnsinn.

Jacqueline Lang

SZ vom 21. Februar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Wadi Shab

Die Wintersonne scheint auf das türkisfarbene Wasser, das von Palmenhainen und Felswänden umgeben ist. Das Wadi Shab in Oman ist umwerfend schön. Verständlich, dass die mehrheitlich europäischen Touristen die Kameras zücken. Oh, ein Wasserfall, schau mal nach rechts, und, wow, der Feigenbaum da links! Hier ein Schnappschuss, da ein Selfie. Als ein einsamer Greis gesenkten Blickes auf die Gruppe zuschreitet, halten sie kurz inne. Alles an ihm ist strahlend weiß: das Gewand, der Turban, der lange Bart. Da halten es die Urlauber nicht länger aus, er passt einfach perfekt in die Kulisse. Ohne zu fragen, richten sie ihre Kameras auf ihn, die französische Rentnerin ist kurz vorm Abdrücken, als der alte Mann wortlos, aber entschieden die Hand hebt. Die Französin steckt die Kamera weg. Irritiert blicken ihm die Touristen nach. So viel Macht in einer kleinen Geste.

Dunja Ramadan

SZ vom 21. Februar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Madrid

Die Plaza de Olavide in Madrid mit ihren Straßenrestaurants ist ein sehr angenehmer Ort, auch im Winter, vorausgesetzt, die Sonne scheint. Dann ist es vierzehn, fünfzehn Grad warm, ideal also zum Kaffeetrinken oder gar Mittagessen an der frischen Luft. Wenn da nicht die Tauben wären. Die kleckern von den Bäumen auf die Tische, leider lässt sich nicht alles durch Sonnenschirme abdecken. Einer der Wirte setzte deshalb eines Tages den Taubenschreck in einen Baum: einen Uhu aus Plastik, der bedrohlich mit dem Kopf wackelt und Ultraschallaute ausstößt, die den Tauben aufs Gemüt schlagen sollen. Das funktionierte auch eine Weile wirklich gut - bis es einen Kurzschluss gab. Der Uhu sitzt seitdem stumm und stur auf dem Ast. Und sein Kopf ist der Lieblingsplatz für die Tauben geworden. Sie haben ihn mittlerweile völlig zugekleckert.

Thomas Urban

SZ vom 14. Februar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... ICE 1530

Eine halbe Stunde braucht der ICE 1530 von München nach Ingolstadt, das reicht eigentlich, um kurz zu frühstücken. Ich bestelle ein Croissant an der Theke und entschließe mich dann doch, im Speisewagen zu sitzen. Ein Fehler. "Sie dürfen hier eigentlich nicht sitzen, wenn Sie an der Theke bestellt haben", belehrt mich der Kellner. "Auch nicht, wenn ich bei Ihnen einen Kaffee bestelle?" "Nein." "Warum?" "Das geht nicht." Nach einer nervigen Diskussion bringt er mir doch noch ein Getränk. Während ich die 3,30 Euro teure Plörre trinke, lästert der Kellner mit seiner Kollegin über mich ab. Beim Bezahlen frage ich, was eigentlich das Problem sei. Jetzt kommt die deutscheste aller Antworten: "Wir müssen uns an die Vorschriften halten." Klar. Und es wäre eigentlich auch schön, die Bahn würde sich an den Fahrplan halten und ihre Kunden nicht wie Dreck behandeln.

Titus Arnu

SZ vom 14. Februar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Auckland

In Corelli's Café fliegen die Spatzen niedrig. Wem sein Apfelkuchen lieb ist, isst ihn nah am Körper. Die Damen auf der Couch gegenüber verteidigen ihre Pommes Frites. Ruhe bewahren, Spatzen beißen ja nicht. Und schon zuckt man selbst zusammen wie von Raubtieren bedroht, weil ein kleiner Kampfflieger mit geschärftem Schnabel auf den - in der Tat empfehlenswerten - Apfelkuchen zusteuert. Gar nicht so einfach, Kaffee zu trinken, wenn man gleichzeitig sein Gebäck nicht aus den Augen lassen darf. Am besten lässt man den Kaffee erst mal stehen, denn Spatzen brauchen keinen Kaffee zum Kuchen. Interessant, wie ein paar harmlose Viecher so viel Anspannung in eine eigentlich entspannte Situation bringen können. Die Damen essen hastig und gehen. Sie haben was übriggelassen. Ein Spatz lässt sich auf der Couch nieder. Der Frieden kehrt zurück.

Thomas Hahn

SZ vom 14. Februar 2020

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