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Kolumne "Mitten in ...":"Beruhige dich, der fährt Elektro"

In München macht sich ein umweltfreundliches Auto trotzdem unbeliebt. Und in Portland weiß eine Verkäuferin, was an einem Sonntag wirklich wichtig ist.

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Auf dem Parkplatz eines Münchner Baumarkts. Der Lieblingsheimwerker ist gerade dabei, den Einkauf in den Kofferraum zu hieven, da schert schwungvoll und mit lautem Dröhnen ein BMW in die benachbarte Parklücke ein. Noch bevor einem etwas Unflätiges rausrutscht wie "testosterongesteuert", sagt der Liebste vorausahnend: "Beruhige dich, der fährt Elektro. Das ist ein Hybrid-Roadster, der Sound kommt aus dem Lautsprecher." Wie bitte? Macht das etwa den Lärmangriff besser? Da steigt auch schon der junge Fahrer aus, Lederjacke, Oberlippenbärtchen, die Sonnenbrille lässig ins gegelte Haar gesteckt. "Ähm, Sie fahren ein E-Auto? Mit dem Motorengeräusch eines Starfighters?", entfährt es einem. "Ist ein Firmenwagen", sagt er entschuldigend, "manchmal nervt es mich ja auch." Er grinst. "Aber meistens ist es ziemlich geil."

Martina Scherf

SZ vom 7. Juni 2019

Mitten in

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Portland

Sonntagmittag in der Küche, Auberginen wollen angebraten werden. Aber, oh weh: Olivenöl ist alle. Was in Portland, Oregon, Gott sei Dank kein Problem ist, im Gegensatz zu München, Bayern, das zwar viele Vorzüge hat, aber ob die Ladenöffnungszeiten dazugehören, darüber lässt sich streiten. Also zum Supermarkt. Da ist es nicht nur wegen der Auswahl schön, sondern auch, weil die Menschen sich immer nett an der Kasse unterhalten. Eine Auswahl an Gesprächseinstiegen: "How's your day been going so far?" (wo man sich als Deutsche die Antwort "None of your business" knapp verkneift), Nachfragen zum Einkauf ("Wie bereiten Sie die Artischocke denn zu?") oder auch schlicht "Soll ich Ihnen was Lustiges erzählen?" Diesmal also Olivenöl. Die Kassiererin scannt, lächelt, und sagt: "It's not a real Sunday without olive oil, is it?" Nein, echt kein wirklicher Sonntag.

Elisa Britzelmeier

SZ vom 7. Juni 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Viareggio

Vorsaison in Viareggio. Das Meer ist noch etwas frisch, die von Oleander gesäumten Straßen sind dafür angenehm leer. Nach einem ausgiebigen Spaziergang wartet man am Treffpunkt auf den Rest der Reisegesellschaft, die sich von den Temperaturen nicht vom Strandtag hat abhalten lassen. An einen Poller gelehnt und in einem Buch lesend, wird der Wartende von zwei Frauen angequasselt, auch sie sind mit Lektüre unterwegs, kleine Hefte, auf denen "La Torre di Guardia" steht. Die zwei sind Zeugen Jehovas, die sehr viel schneller Italienisch sprechen, als der arme Tourist verstehen kann. Bekehrung im Schnelldurchlauf. Radebrechend wimmelt man sie ab, sie ziehen enttäuscht weiter. Ihre gute Tat des Tages: Der Tourist kann sich an dem Gefühl wärmen, auf den ersten Blick für einen echten Italiener gehalten worden zu sein, wenn auch für einen ungläubigen.

Wieland Bögel

SZ vom 7. Juni 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... New York

Manchmal, wenn unsere Tochter auf ihren Kuschelbären stürzt, auf ihm rumturnt, ihn knufft und versucht, ihm Purzelbäume beizubringen, dann mache ich mir Sorgen um den Bären. Gefällt es ihm bei uns? Hat er das so gewollt? Hatte ihm das Leben nicht mal mehr zu bieten? Er hat nämlich ein Vorleben. Als Nachtclubbär. Der Türsteher schenkte ihn unserer Tochter, als wir mal spätabends mit ihr in Manhattan die 14th Street entlangschlenderten. Vor dem Klub standen Männer in schwarzen Anzügen und Frauen auf High Heels. Mittendrin der Bär. Der Türsteher sah unsere Tochter und gab uns den Bären. Er ist jetzt einige Monate bei uns. Manchmal glaube ich zu erkennen, wie er sehnsuchtsvoll auf seinen Arm schaut. Dort, ganz zart nur, sind Spuren von Glitter und Lippenstift im Fell zu erkennen. Vielleicht sollten wir mal mit ihm ausgehen.

Thorsten Denkler

SZ vom 31. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Hamburg

Sonntagvormittag, Fischers Park in Hamburg, auf dem Spielplatz herrscht Hochbetrieb. Junge Eltern stehen müde hinter Schaukeln, verbergen mit Sonnenbrillen, dass sie keinen Kater haben, und trinken Kaffee aus ökologisch korrekten Mehrwegbechern. Eine Mutter verteilt Apfelspalten, Reiswaffeln und Bio-Hirsekringel an die Kleinen, aber erst den Sand von den Händen abklopfen! Auf der Bank nebenan sitzt eine ältere Frau, sie beobachtet die Szenerie eine Weile interessiert und fragt dann: "Dürfte ich auch so einen leckeren Keks haben?" Die Mutter reicht ihr einen Hirsekringel, der eigentlich gar kein Kringel ist, sondern aussieht wie ein bleicher Erdnussflip. Die Dame wiegt ihn kurz in der Hand, hält ihn unter die Nase und beißt ein Stück ab. Irritiert schaut sie die Mutter an: "Seit wann kriegen Kinder Essen für Vögel?"

Sara Peschke

SZ vom 31. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Bahia de Gando

Der Urlaub ist zu Ende, alle im Ferienflieger sollten entspannt ihren Rückflug beginnen nach so einer Woche in der Sonne. Oder? Vor uns sitzt eine Familie. Linke Dreierreihe: Oma, Tochter mit Mann und Baby. Rechte Dreierreihe: Opa, zweite Tochter mit Mann und Baby. Baby rechts schläft. Baby links brüllt so laut, wie ein Baby nur brüllen kann. Nach zwei Stunden plötzlich Ruhe. Die Mutter links möchte das ausnutzen und aufs Klo gehen. Sie fragt ihre Schwester in der rechten Reihe, ob sie kurz ein Auge auf das friedliche Baby haben könne. Ein Fehler, denn schon hebt wieder Gebrüll an. Allerdings sind es nicht die Kinder, sondern die Schwestern. "Es dreht sich nicht immer alles nur um dich", schallt es von rechts. "Mit dir fliege ich nirgends mehr hin", schallt es von links. Dann beginnt die junge Mutter rechts herzergreifend zu weinen. Und die beiden Babys? Schreien.

Max Sprick

SZ vom 31. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Tirol

Ein Wochenendausflug in den Wilden Kaiser, und die erbarmungslosen Eltern haben diktatorisch verfügt, dass auf der Fahrt ausnahmsweise nicht "Die drei ???" oder "Harry Potter" oder ein Witze-Podcast gehört wird. Sondern Radio. Das Kind auf der Rückbank ist nicht erfreut, um es sehr behutsam zu formulieren. Der österreichische Rundfunk sendet live aus Wien, und während draußen Kufstein und Egerbach vorüberziehen und der Kaiser langsam näher rückt, sagt drinnen im Auto kein Mensch ein Wort, was auch nicht allzu oft vorkommt. Dann meldet sich das Kind von der Rückbank. "Hä, ist das jetzt wieder so ne Witzesendung?" Da erklärt man ihm, dass das mit dem Strache, dem Gudenus, der falschen russischen Oligarchin mit den schrammeligen Fußnägeln und der versteckten Kamera echt ist. Es dauert eine Weile, bis der es glaubt.

Tanja Rest

SZ vom 24. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Karlsruhe

Neulich regnete es, eine gute Gelegenheit, im Drogeriemarkt den alten Schirm in den Müll zu stopfen und einen neuen zu kaufen. Ich habe mich für modisches Grau mit bunten Punkten entschieden. Nicht so langweilig wie der ewig schwarze Männerschirm. Und er macht mich irgendwie jünger, glaube ich. Darauf sollte man achten, als mittelalter Mann. Kurz darauf, nach der Aufzeichnung einer Maischberger-Sendung mit dem Verfassungsgerichtspräsidenten in Karlsruhe, regnete es wieder. Die Security hatte meinen Schirm einkassiert, ich vergaß ihn am Ausgang, eilte aber nach den ersten Tropfen zurück. Ein junger Mann wusste von nichts, telefonierte aber hilfsbereit herum und hatte schließlich die richtige Person am Telefon. Es gehe um einen Schirm mit bunten Punkten. Ein älterer Herr wolle ihn zurückhaben. Hat ja wunderbar geklappt mit der Verjüngungskur.

Wolfgang Janisch

SZ vom 24. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Duhok

Als wir unseren Flug in das kurdische Gebiet des Irak gebucht haben, haben wir natürlich nicht daran gedacht, dass Ramadan ist und dort auch eingehalten wird. Das sonst so geschäftige Treiben auf dem Basar in Duhok ist deshalb größtenteils einer gespenstischen Leere gewichen und, ja, leider trifft das auch auf die Essensstände zu. Aber halt: Im Vorbeigehen an einem Laden, dessen Eingang mit einem weißen Vorhang verdeckt ist, steigt uns plötzlich der Geruch von gebratenem Fleisch in die Nase. Wir lugen durch den Vorhang und können, hungrig, wie wir sind, unser Glück kaum fassen: Wir haben etwas zum Essen gefunden. Eine Karte gibt es nicht, alle bekommen das gleiche: Kebab und Tomatensuppe. Und auch geredet wird nicht, alle schlingen in fast schon andächtiger Stille und im Stehen das Essen hinunter. Wir auch. Schmeckt perfekt.

Jaqueline Lang

SZ vom 24. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Berlin

Es ist schon fast ein Ritual: Jedes Jahr nimmt das Gesundheitsamt eine Wasserprobe im Mietshaus, wenig später wird Legionellenalarm geschlagen. Dann erscheint ein Fachteam und macht sich an den Wasserkesseln zu schaffen. Die Nachkontrolle ein paar Wochen später zeigt: keine Legionellen mehr da. Nanu? Leicht besorgt spreche ich einen der Fachleute an. "Mach'n Se sich ma keen Kopp. Dit haam wa im Griff." Wie kriegen Sie denn die Keime immer so schnell weg? "Na, wir drehn ma so rischtisch uff. Jaanz heiß. Zur Nachkontrolle sind se dann ratzfatz wech." Und wieso sind die bei der nächsten Routinekontrolle wieder da? Nach der Nachkontrolle regle er die Temperatur sofort wieder runter, sagt der Mann. Weil das Wasser bei den Hausbewohnern ja sonst kochend heiß aus der Leitung käme. "Watt glom Se, watt wia da für Beschwerden haam!"

Birgit Lotze

SZ vom 17. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Uluwatu

Der Tempel von Uluwatu auf Bali präsentiert sich in Bestform: Oben auf der 70 Meter hohen Klippe strahlt ihn die untergehende Sonne an, unten rollen Wellen in sauberster Ordnung an die Küste und wirbeln glitzernde Gischt in die Luft. Auf dem Geländer am Wegesrand haben sich Affen in fotogener Haltung vor dieser Kulisse positioniert. Nachdem man all das samt der ganzen Familie ausgiebig geknipst hat, bemerkt man die Gruppe aus fünf chinesischen Touristinnen. Sie scheinen zu warten, bis sie endlich an der Reihe sind. Also schnell aus dem Weg, hat ja auch wirklich gedauert, bis man das Familienfoto im Kasten hatte. Die chinesischen Touristinnen aber winken aufgeregt und bedeuten einem, doch bitte zu bleiben. Affen, Tempel, Sonnenuntergang, Meer - interessiert sie alles nicht. Nein, sie bitten um Selfies mit den blonden deutschen Touristenkindern.

Christian Helten

SZ vom 17. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Kalamata

Habe ich jetzt Griechenland verstanden? Wie es sein kann, dass alle unentwegt arbeiten, freundlich sind - und doch so oft nichts vorwärtsgeht? Am winzigen Flughafen von Kalamata, die Zeit reicht noch für einen Cappuccino, niemand steht an der Bar an. Ich bestelle, zahle, die Frau an der Kasse druckt den Bon aus, reicht ihn zum Barista. Der macht blitzschnell einen Espresso. Vielleicht hat sie mich nicht verstanden, denke ich, egal, ich nehme auch den Espresso. Aber der Barista ruft quer durch die Halle, eine Frau kommt, nimmt den Espresso. Jetzt macht der Barista Cappuccino, schäumt Milch, zermalmt aber dann Eiswürfel. Gut, ich nehme auch kalten Kaffee. Aber der ist für einen Mann mit Käppi. Dann macht der Barista wieder Cappuccino. Einen warmen. Ich traue mich nicht zu hoffen. Aber er ist für mich. Und das Flugzeug habe ich auch noch gekriegt.

Susanne Schneider

SZ vom 17. Mai 2019

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