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Kolumne "Mitten in ...":Das ist das echte Brexit-Feeling

In London sind alle müde - nur ein kleines Mädchen hält noch durch. Und in Singapur kommen Kuhfladen per Post ins Haus.

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... London

Samstagnachmittag in London, die Tubes sind voll von erschöpften Menschen, die in der Innenstadt gegen den Brexit und für ein neues Referendum demonstriert haben. Über dem Boden baumelt ein Pappplakat, "If I could turn back time I'd take back those words that hurt EU and I'd stay", steht in Glitzerschrift darauf, die Frau, die es gebastelt hat, lehnt mit geschlossenen Augen an der Tür. Ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, hat seine Großeltern zur Demo begleitet. Das Kind hat noch viel Energie und klettert wie ein Äffchen an den Haltestangen herum. Als die Großeltern in South Kensington aussteigen wollen, ist sie noch nicht so weit, der Opa pflückt seine Enkelin unter Gestöhne und Gefluche von der Decke. Theatralisch wirft sie sich über seine Schulter und den Kopf in den Nacken und ruft: "This is how Brexit must feel like." So muss sich der Brexit anfühlen.

Sara Peschke

SZ vom 5. April 2019

singapur mitten in

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Singapur

Eine indische Freundin lädt zur Housewarming-Party, und schon die Uhrzeit verrät, dass es wohl keine ganz gewöhnliche Wohnungseinweihung wird: 7.30 bis 10 Uhr. Ein Priester mit den Ausmaßen des Elefantengottes Ganesha sitzt halb nackt, laut betend und Blumen werfend im Wohnzimmer. Alle laufen im Kreis, verneigen sich vor Opfergaben und diversen Göttern. Dann werden in einer Metallwanne getrocknete Kuhfladen verbrannt, aus Indien importiert, in Singapur gibt es ja keine Kühe. Alle schlechten Energien sollen vertrieben werden. Dichter Kuhkacke-Rauch drängt ins Freie, der Rauchmelder ist vorsichtshalber abgeklebt. Aber die Whatsapp-Gruppe der Wohnanlage ist alarmiert: "Rauch dringt aus Gebäude 9." "Hoffentlich kein Feuer?" Da postet eine Zeremonienteilnehmerin ganz schnell Entwarnung: "Alles gut, indisches Housewarming!"

Susanne Perras

SZ vom 5. April 2019

Mi Nov_Dez 18 Marc Herold

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Es gibt wieder Arbeitsteilung beim Wochenendeinkauf. Sie sind schließlich ein gutes Team. Der Mann fährt also in den Supermarkt, er braucht komplizierte Dinge für ein indonesisches Gericht. Die Frau geht zum Markt: Käse kaufen, Fisch - all die guten Sachen. Auf dem Heimweg sieht sie eine Stange Porree auf dem Fahrradweg liegen. Rührend sieht es aus, das schöne Gemüse, völlig aus seiner Welt gerissen, einsames Grün auf grauem Asphalt. Wäre zu schade, es vergammeln zu lassen. Besser rein in den Rucksack und mit nach Hause genommen. Irgendein Rezept wird einem schon einfallen dazu. Kurz vor dem Ziel trifft die Frau ihren Mann. Er war schon daheim, hat alles eingeräumt, aber jetzt meint er doch noch einmal los zu müssen. "Ich geh noch mal schnell zum Supermarkt", sagt er. "Hab unterwegs 'nen Porree verloren."

Christina Berndt

SZ vom 5. April 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Paris

Meine 40 Grad Fieber interessieren den Arzt kaum, er will lieber darüber reden, wie mir Paris gefällt. "Sehr gut", sage ich. Er schaut mich an, als hätte ich behauptet, ich fände Stalin sympathisch. "Mit Franzosen kann man nichts anfangen", erklärt er. 1968 habe er mal ein Auto angezündet und sofort habe "irgendein Rentner" ihn angeschrien. "Wie wollen Sie mit solchen Leuten eine Revolution beginnen?" Ich versuche, ihn aufzumuntern, und weise auf die Krawalle neulich hin. "Pah, diese Gilets jaunes sind doch furchtbar." Zum Abschied empfiehlt er mir, sieben Paracetamol am Tag zu nehmen, und begleitet mich bis zur Praxistür. Dort seufzt er ein letztes Mal, die Tür ist schief. Schuld ist natürlich Paris, die Seine unterspült sein Haus. "Eine furchtbare Stadt", sagt er und geht zurück in seine 100-Quadratmeter-Altbauwohnung, mitten im Zentrum der schönsten Stadt der Welt.

Nadia Pantel

SZ vom 29. März 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Peking

China bei Regen wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Viele Chinesen führen sich auf, als seien sie aus Esspapier. Der Einsatz von Schirmen, wie ihn die Leute hier praktizieren, fiele in anderen Ländern unter das Waffengesetz. Andererseits ist das phobische Verhältnis zum Regen verständlich, denn Regen ist in China wie Blitzeis. In U-Bahnstationen oder Einkaufszentren, also grundsätzlich dort, wo Füße anzutreffen sind, beweisen Bauherren eine erstaunliche Vorliebe für Materialien, die sich in Verbindung mit Wasser zur Eislaufbahn entwickeln. Die Lösung sind Gummimatten, die ausgerollt werden, sobald Wolken aufziehen. Wo keine Matten liegen, empfiehlt es sich, lieber gleich zu kriechen. Nach einigen Monaten in Deutschland gehört zur Rückkehr nach Peking auch ein Sturz im eigenen, glitschigen Treppenhaus. Das Blut im Mund schmeckt irgendwie nach Heimat.

Lea Deuber

SZ vom 29. März 2019

Mitten in...

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

In der U-Bahn liegt ein herrenloser Schlüsselbund. Sieben Schlüssel und ein Etui, darin: eine EC-Karte. Mal googeln, wer der Besitzer ist. Volltreffer! Artikel aus der Abendzeitung, Artikel aus der Bild. Der Karteninhaber ist ein stadtbekannter Friseur. Also schnell eine Nachricht über Facebook geschickt, liest er aber nicht. Nächster Versuch: Anruf beim Kontosperrservice der Bank. Können Sie den Herrn benachrichtigen? Leider erst am nächsten Tag, es ist schließlich schon Abend. Der arme Friseur, da wird er wohl den Schlüsseldienst rufen müssen. "Ach so", sagt plötzlich der Bankmann. Die Adresse sei Sowiesostraße 32. Und hier die Handynummer. Wenn ich böse wäre, könnte ich die Wohnung ausräumen, entscheide mich aber für Anruf statt Einbruch. Der Friseur ist dankbar. Und so endet der Datenskandal mit Rosen und einem Gutschein für den Beautysalon.

Larissa Holzki

SZ vom 29. März 2019

Mitten in...

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Guatemala-Stadt

Man soll nicht über Taxifahrer schreiben, aber nirgendwo ist geregelt, ob das auch für guatemaltekische Taxifahrer gilt, die an der roten Ampel aussteigen, neben der vorderen auch die hintere Türe öffnen, sich so ein improvisiertes Klohäuschen bauen und auf den Asphalt pinkeln. Grün! Hinten hupen sie, mit offenem Hosenschlitz geht es weiter. "Jetzt halten Sie mich für verrückt, was?" Och. Ein leiser Verdacht war ja schon aufgekommen, als er am Taxistand den Rest seiner Bierflasche runterkippte und sie zu den leeren Flaschen beim Kollegen aufs Dach stellte, bevor er losfuhr. "Macht 70 Quetzales ins Zentrum", sagte er nach der Abfahrt. So viel? "Eigentlich 50, aber Ausländer zahlen mehr." Warum? "Ist ein Gesetz, wie in New York oder Deutschland." Soso. Wir waren gerade ziemlich am Streiten, als die Ampel auf Rot sprang und er sagte: "Moment, es ist dringend."

Boris Herrmann

SZ vom 22. März 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Frankfurt

Wochenende in Frankfurt, Heimspiel der Eintracht. Deren Fans, oft hart gesottene Kerle, treffen sich im Hauptbahnhof. Die ersten Bierflaschen sind leer, es geht laut her. Ein kräftiger junger Mann zählt auf, was man jenseits des Rasens mit den Gästen tun sollte. Von Eier abschneiden ist da die Rede, andere Körperteile müssten wahlweise auf- oder abgerissen werden. Seine Kumpel sind begeistert. Nur zu gern ginge man dem Trupp aus dem Weg und behielte sie aus gebührender Distanz im Auge. Aber es gibt nur diese Rolltreppe. Also ruhig bleiben, Vortritt anbieten. Komme gar nicht in Frage, sagt einer der Kerle und deutet eine kleine Verbeugung an. Die Dame zuerst. Ein fieser Trick? Ach was. Auf dem Weg nach oben schwärmen die Fans friedfertig von der tollen Eintracht-Saison und wünschen der fremden Frau noch einen wunderschönen Sonntag.

Susanne Höll

SZ vom 22. März 2019

Mitten in...

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Fălești

Der größte Weinkeller der Welt liegt nicht etwa unter den Hügeln des Chianti, er liegt in der Republik Moldau. Hier wurden einst Reserven für die Sowjetunion gehortet, der Anbau hat Tradition, vor allem im eigenen Garten. Auch in den Dörfern bei Fălești. So erfreut war ein älteres Ehepaar darüber, dass es Ausländer hierher verschlagen hat, dass es spontan ins Haus eilen wollte, um ein Glas nach draußen zu holen. Während das Hausschwein munter quiekte. Danke, leider keine Zeit. Wenig später genießen wir dann doch liebenswürdige moldauische Gastfreundschaft. Aufgetischt werden Nudelsuppe mit Hühnerbein, Brot, Reis - und zwei Tonkrüge. Sie haben verschiedene Farben, was gut ist, denn der Inhalt ist farblich nicht unterscheidbar. Saft, gelb-orange, Wein, gelb-orange. Frage an den Fahrer: "Sicher, dass Sie Saft haben?" Fahrer: "Ja. Und Sie den Wein?" - "Oh ja."

Frank Nienhuysen

SZ vom 22. März 2019

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Quelle: SZ

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Mitten in ... Kirchensur

"Gemüsekiste", "Postauto" oder, wie Münchens Knöllchenklemmer dieses Gefährt liebevoll nannten: "Der scho' wieder". 227 896 Kilometer hat er unfallfrei hinter sich gebracht. Von Neapel bis Korsika, vom holländischen Flachland bis hinauf in die Chiemgauer Almen. Nun steht er hier, qualmend und keuchend, in der bayerischen Nacht, vor dem Ortsschild von Kirchensur. Die Tafel im Laternenlicht hat ein charakterloses Gelb, wie alle Ortsschilder - und anders als dieser Panda, dessen Farbe ein Spezl einst als "stimmiges Urinsteingelb" identifizierte. Nun tut er keinen Schnauferer mehr, warnblinkend steht er im Schnee, eine gelbe Schönheit, vom Kolbenfresser bezwungen. Gelbe Engel sind bestellt, doch auf die warten wir vergebens. So endet die gemeinsame Reise nach zehn Jahren an einem Schleppseil. Dieses Auto war kein Gefährt, sondern ein Gefährte.

Korbinian Eisenberger

SZ vom 15. März 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Stockholm

Beim Zwischenstopp in Berlin sagt die Freundin, die man dort besucht: "Die Schweden sind wirklich sehr, sehr nett!" Sie hat damit den Tenor für die Reise vorgegeben. Auf den Wegen durch Stockholm fällt überall die Nettigkeit der Leute auf. Hotelmitarbeiter, Interviewpartner, Apothekerin, sogar die Betrunkenen in der U-Bahn: Alle sind ausgesprochen zugewandt und hilfsbereit. Beim Abendessen im Restaurant strahlen die Kellnerinnen einen die ganze Zeit über rotwangig an. Am Nebentisch sitzt ein junges Paar, offensichtlich deutsche Städtereisende. Als die Touristin mit voll beladenem Teller vom Büffet zurückkommt, sagt sie mit Erschöpfung in der Stimme: "Puh, ich bin echt überfordert mit der Nettigkeit hier!" Die Schweden sind halt wirklich sehr, sehr nett. Und den Deutschen kann man's einfach nicht recht machen.

Nadja Schlüter

SZ vom 15. März 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Austin

Coyoten sind wunderschöne Tiere. So gesehen ist das Schimpfwort "Coyote Ugly' für einen unattraktiven Typen äußerst ungerecht - für die Coyoten. Doch seit drei Exemplare in dem Waldstück hinter unserem Haus wohnen, ist es ungemütlich geworden in der Nachbarschaft: Jagdszenen im Gehölz, Geheule in der Nacht und ständig die Sorge, das arme, einäugige Streuner-Kätzchen, das wir auf der Terrasse füttern, könnte bald selbst zur Mahlzeit werden. Um die Coyoten abzuschrecken, empfiehlt die Stadtverwaltung "hazing". Taucht einer auf, solle man nach draußen stürmen, wild mit den Armen fuchteln, brüllen und auch sonst möglichst viel Lärm machen. Funktioniert mittelprächtig, meistens trotten die Tiere nur widerwillig von dannen. Dass sie voller Panik fliehen, schafft eigentlich nur der Nachbar: mit seinem Laubbläser.

Beate Wild

SZ vom 15. März 2019

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